Welt : New Yorker Feuerwehrmann: Held der Nation

Sibylle Salewski

Plötzlich, zufällig, ist er berühmt. Dabei stand er nur gerade da, wo George W. Bush reden wollte. Mehr nicht.

Auf den Straßen von Baldwin ist es um acht Uhr abends dunkel und ruhig. Die Arbeiterstadt auf Long Island liegt eine knappe Zugstunde von Manhattan entfernt. Um diese Zeit sind die Pendler zurück, haben die Leute schon Abendbrot gegessen und sitzen in ihren Wohnzimmern. Der pensionierte Feuerwehrmann Bob Beckwith steht mit seinem Nachbarn vor dessen erleuchteter Haustür und unterhält sich. Der Nachbar hat ihm ein T-Shirt geschenkt, auf der Vorderseite ist das Foto von dem Moment, als der Präsident vor den Trümmern des World Trade Centers den Arm um Bob Beckwith legt. Er bedankt sich bei seinem Nachbarn für das T-Shirt, dreht sich um und geht langsam über die Straße zurück zu seinem eigenen, kleinen Einfamilienhaus. Beckwith hat anstrengende Tage hinter sich. "Mein Foto war auf den Titelseiten der Zeitungen", erzählt er, "in allen Ländern - England, Israel, Amerika, natürlich."

Die Medien wimmelt er alle ab

Jetzt rufen ihn alle Medien an, aber weder er noch seine Frau gehen ans Telefon. Alle Interview-Wünsche lehnt er ab, niemandem verrät er, wo er wohnt. Die Feuerwehr hält dicht. Finden kann ihn nur, wer losfährt nach Long Island und sich durchfragt. Nachbarn weisen dann den Weg und als Bob Beckwith die Berichterstatterin sieht, die ihn nach langer Suche gefunden hat, ist er gerührt und zu einem Gespräch bereit.

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Chronologie: Die Anschlagserie gegen die USA Als Bob Beckwith am 11. September von den Anschlägen auf das World Trade Center und das Pentagon hörte, war er - wie viele andere auch - wie gelähmt. "Ich stand unter Schock, ich konnte nichts machen", sagt er. Drei Tage später aber, am Freitag, holte der pensionierte Feuerwehrmann morgens seinen Helm aus dem Schrank, zog seine Uniform an, setzte sich ins Auto und fuhr nach "da unten" - in die Zone, um zu helfen, nach Downtown Manhattan. "Du bist verrückt", hat seine Frau ihm gesagt, "du bist ein alter Mann, wenn du eine halbe Stunde Blätter zusammenfegst, bist du völlig erschöpft." Aber er hat nicht auf seine Frau gehört. "Er ist einfach trotzdem gegangen", erzählt Barbara Beckwith.

Bob und Barbara Beckwith sitzen in ihrem kleinen Fernsehzimmer, über dem Sofa hängen die Fotos ihrer neun Enkelkinder, gleich hinter der Tür steht ein Spruch an der Wand: "Celebrate each day" - feiere jeden einzelnen Tag." Barbara Beckwith ist nervös und aufgeregt. Auf die Nägel ihrer Ringfinger hat sie zwei kleine amerikanische Flaggen lackiert. Bob Beckwith redet langsam und klar, sitzt fast unbeweglich in seinen Sessel zurückgelehnt. Er hat Ringe unter den Augen und sein Gesicht ist gerötet.

"Als ich am World Trade Center ankam, habe ich mich in eine Eimer-Kette eingereiht." Zweieinhalb Stunden lang hat er Schutt in Eimer gefüllt und nach hinten weitergereicht. Als die Arbeit für den 69-Jährigen zu anstrengend wurde, übernahm er die Verantwortung für die Leichensäcke. Auf einmal ging das Gerücht um, der Präsident werde gleich kommen. Beckwith hat sich umgeschaut und nichts gesehen. Also ist er, um besser sehen zu können, auf einen zerstörten Feuerwehrwagen geklettert. Ein Sicherheitsbeamter sprach ihn an: "Ist der Wagen stabil?" "Ja, der hält", meinte Beckwith und ist auf dem zerbeulten Dach herumgesprungen, um das zu beweisen. "Sie bleiben da! Gleich kommt ein Mann, und wenn der oben ist, kommen sie runter", habe der Sicherheitsbeamte ihn angewiesen, erzählt Beckwith. Von wem die Rede war, wusste er nicht.

Dann kam auf einmal George W. Bush, der Präsident der Vereinigten Staaten. Beckwith half ihm auf den Wagen und begann selbst wieder hinunterzuklettern - wie es ihm gesagt wurde. "Hey, wohin gehen Sie?", habe der Präsident gerufen. "Runter, wie es mir Ihre Leute befohlen haben", antwortete Beckwith. "Sie bleiben hier bei mir", habe Bush gesagt und ihm den Arm um die Schulter gelegt. - "Man macht, was der Boss sagt, nicht?", erzählt Beckwith und lacht.

"Ich habe mich sehr geehrt gefühlt." Beckwith ist wieder ernst. "Ich bin kein Held, ich bin nur ein Symbol. Ein Symbol für die anderen Feuerwehrleute, die freiwillig Trümmer und Leichen bergen, die sofort zum Unglücksort gerannt sind. So viele haben ihr Leben verloren", sagt Beckwith. Einige kennt er, er hat mit ihren Vätern zusammengearbeitet, war gemeinsam mit ihnen in der Gewerkschaft aktiv. Ihre Geschichten sind es, die ihm nahegehen. Ein Feuerwehrmann starb, weil einer derjenigen im brennenden World Trade Center auf ihn fiel, die lieber freiwillig aus dem Fenster in ihren Tod sprangen. "Aber ich würde auch springen", sagt Beckwith leise, "verbrennen - so einen qualvollen Tod will niemand."

Bob Beckwith ist der Sohn einer irischen Einwanderin und eines amerikanischen Vaters. Als sein Vater früh starb, hat seine Mutter ihn und seine Schwester allein großgezogen. Beckwith ging zur Marine, vier Jahre lang, von 1952 bis 1956. Dann hat er für den United Parcel Service Päckchen ausgefahren. Seine Freunde aber waren bei der Feuerwehr, da wollte er auch hin, und nachts, nach der Arbeit, haben sie ihm geholfen, für die Aufnahmeprüfung zu lernen. Er hat die Prüfung geschafft, seinen UPS-Job gekündigt und im New Yorker Stadtteil Queens als Feuerwehrmann angefangen. Das war 1965. "Es war die beste Entscheidung, die ich treffen konnte", sagt Beckwith und sein Gesicht leuchtet auch an diesem Abend, wenn er das erzählt. "Ich habe das keinen einzigen Tag bereut, es ist der beste Beruf der Welt."

Die zehnjährige Enkelin der Beckwiths kommt später am Abend zur Haustür rein. Sie hat Freunde mitgebracht. Sie sind neugierig, wollen den berühmten Großvater sehen, stehen schüchtern und etwas verlegen im Eingang. Sie wollen Autogramme. Bob Beckwith nimmt ein paar Zeitungen von dem großen Stapel, die ihm die "New York Post" zugesandt hat: auf dem Titelbild der Präsident, in seinem Arm Bob Beckwith. Er schreibt für jedes der Kinder eine Widmung auf die Titelseite. Sie bedanken sich und verschwinden wieder.

"Alle großen Fernsehsender rufen an und wollen ihn in ihren Talk Shows haben", berichtet seine Frau stolz, "aber er hat immer abgelehnt." Darauf ist sie fast genauso stolz. "Ich bin kein Held", sagt ihr Mann, "ich habe nur getan, was ich für richtig hielt." Auf der Straße erkennen ihn jetzt die Menschen, viele gehen auf ihn zu, erzählen ihm ihre Geschichten, bedanken sich bei ihm für den Einsatz der Feuerwehrleute und der freiwilligen Helfer.

"Ich bin kein Held"

"Dieser Angriff wird uns noch lange beschäftigen", meint Bob Beckwith. "Wir sind jetzt im Krieg, aber wir werden es schaffen." Eigentlich war er kein Anhänger von Bush, aber die Ereignisse der letzten Tage haben seine Meinung verändert.

Er ist beeindruckt davon, wie sich die New Yorker verhalten, ja, wie ganz Amerika jetzt zusammen hält. Nur um die Araber macht er sich Sorge: "Viele von denen sind einfach nur gute Leute, Bürger, die nichts getan haben." Seine Frau stimmt ihm zu, obwohl sie zunächst ganz anders reagierte: "Mein erster Gedanke war, dass man sofort alle Araber ausweisen sollte", erzählt sie und schämt sich jetzt ein bisschen dafür. "Aber das war dumm von mir, ganz dumm."

Es ist ziemlich spät am Abend, und Barbara und Bob sehen müde aus. "Ich bin ganz unwichtig", sagt er, "Ich war nur zufällig da, ich bin kein Held." Er guckt etwas traurig hoch. "Da unten, am World Trade Center brauchen sie mich nicht mehr, sie wollen keine Freiwilligen mehr. - Aber ich gehe dahin zurück, ich werde helfen." Barbara Beckwith ist ein wenig beunruhigt: "Du kannst doch auch im Büro helfen, Papierkram erledigen", versucht sie ihn zu überzeugen. Aber Bob Beckwith will das nicht hören. "Ich kann da unten helfen", sagt er, diesmal bestimmt und wieder voller Energie, "ich gehe wieder dahin zurück."

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