Welt : Nicht jede Stimme zählt

Jörn Wöbse

"Ein Lied kann eine Brücke sein" sang Joy Fleming 1975 in Stockholm. Für viele Grand Prix-Fans entpuppte sich die Brücke allerdings am Freitagabend als schmaler Steg mit Vollsperrung. Schon auf der Pressekonferenz direkt nach der Vorentscheidung für den diesjährigen GP Eurovision musste Organisationschef Jürgen Meier-Beer vom NDR einräumen, es habe zahlreiche Beschwerden von wahlwilligen Schlager-Afficionados gegeben, deren Voting vom Telekom-Rechner trotz mehrfacher Versuche nicht registriert worden sei. Meier Beer zu den technischen Aspekten: "Es gab im ersten achtminütigen Wahlgang über 800 000 Stimmabgaben, im 5-minütigen zweiten 500 000. Das entspricht einer Durchschnittsquote von 100 000 registrierten Anrufern pro Minute. Einen höheren Wert schafft kein System der Welt."

Bei aller Euphorie - laut Telekom-Sprecher Domagala sind die Zahlen nicht ganz so strahlend. Das System stoße bei 833 Anrufen/sek. an seine Grenzen, dies entspricht etwa 50 000 pro Minute; bei höherer Belastung entscheide der Rechner nach dem Zufallsprinzip. Telekom-Sprecher Hans Ehnert präzisiert dieses Prinzip: Die Zählplattform "T-Vote-Call" nehme alle Anrufe an. Wird das System überlastet, sind alle Voten gleichermaßen betroffen. "Es findet keine Benachteiligung statt", versichert Ahnert. Dass sich die Verlierer jetzt zu Wort melden, sei durchsichtig.

Ob sich die frustrierten Fans - bei Käsehäppchen und Schaumwein hektisch immer wieder die Nummer ihres Favoriten wählend - mit dieser recht kryptischen Erklärung zufrieden geben werden, muss abgewartet werden. In der Vergangenheit hatte es immer wieder Manipulationen mit Ted-Umfragen gegeben. Erst Anfang letzter Woche feuerte die CDU-Oberbürgermeisterkandidatin für die Stadt Brandenburg, Dietlind Tiemann, ihren Wahlkampfmanager,weil eine Ted-Unfrage der"Märkischen Allgemeinen" manipuliert worden war. Von 19 524 Anrufen waren angeblich 15 000 für Tiemann. Mehr als 10 000 Anrufe kamen von sechs Telefonanschlüssen. Auch bei anderen Ted-Umfragen mit merkwürdigen Ergebnissen wurde die Seriosität de Verfahrens immer wieder in Frage gestellt.

Zumal nun verständlicherweise die wildesten Spekulationen ins Kraut schießen. Schließlich ist der verzweifelt auf der Tastatur tippende Zeigefinger des Kelly-Fans oder der Nino-de-Angelo-Anhängerin technisch längst nicht mehr State-of-the Art. Selbst mit den bescheidenen Mitteln eines handelsüblichen Heim-Rechners ist es möglich - einen entsprechend schnellen Anschluß vorausgesetzt - mit einem Wählprogramm 60 Einwahlen pro Minute zu bewerkstelligen. Ist man technisch auf der Höhe und sind einem die zwangsläufig entstehenden Kosten egal, lässt sich diese Rate mit einer geeigneten Anlage, etwa einem "Primär Multiplex-Gerät", leicht vervielfachen.

Natürlich ist all dies graue Theorie, und eigentlich darf man überzeugt sein: Beim Grand Prix wird nicht gemogelt! Nur - möglich sind Manipulationen zu Gunsten des einen oder anderen Songs beim derzeitigen Wahlsystem allemal. Aber wer, so fragt man sich, sollte ein Interesse daran haben? Schließlich geht es letztlich bestenfalls um Pop, man könnte auch sagen: Trash, um die Ehre, bei einem Schlagerfestival dabei zu sein. Und um ein paar Euro vielleicht. Um wirklich Weltbewegendes, um Etwas, das die ganze Aufregung wert wäre, geht es jedenfalls nicht.

Trotzdem sollten die aktuellen Irritationen der ausrichtenden Anstalt zu denken geben. Nicht etwa, dass der Ruf nach der guten, alten Jury wieder laut würde - das Tele-Voting ist durchaus auf der Höhe der Zeit, bedarf aber dringend der Optimierung. Die Begrenzung der Stimmabgabe auf einen Anruf pro Person würde zu mehr Gerechtigkeit und Durchsichtigkeit führen und dem "Manipulation!"-Rufer sofort den Wind aus den Segeln nehmen. Bei der technischen Abwicklung sollte es für die Telekom ein Leichtes sein, dieses auch zu gewährleisten: der Zentralrechner checkt jede Rufnummer, liegt sie schon einmal vor, wird nicht gezählt.

Auch das vor einigen Jahren eingeführte und in den Künstlerverträgen festgeschriebene Prinzip, die genaue Platzierung der Songs nicht bekannt zu geben, sorgt immer wieder für Kritik und trägt nicht gerade zur Klarheit bei. Meier-Beers Erläuterung, man wolle die Künstler nicht desavouieren, mag aus deren Sicht verständlich sein - aber wer sich einem Wettbewerb stellt, sollte auch mit der Niederlage leben können. Bei Olympia werden ja auch die Ergebnislisten nicht sofort im Anschluss an die Medaillenvergabe gelöscht, sondern bis zum Allerletzten geführt, sicher nicht immer zur Freude der Beteiligten.

Besonders für die diesjährige Siegerin der Vorentscheidung, Corinna May, ist es ärgerlich, dass wieder ein Schatten des Zweifels auf ihren Triumph gefallen ist. Nach zwei Enttäuschungen hätte sie Besseres verdient gehabt. Schließlich soll ein Lied doch eine Brücke sein!

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