Welt : Nicht steuerungsfähig

Ein Zeitsoldat hat seine Vorgesetzte getötet, weil sie Sex mit ihm ablehnte. Urteil: Sechs Jahre Jugendhaft

Thomas Geyer[Kiel]

Im Prozess um den gewaltsamen Tod einer 19 Jahre alten Marinesoldatin hat das Kieler Landgericht gestern den Angeklagten wegen Totschlags zu sechs Jahren Jugendstrafe verurteilt. Der 20-jährige Zeitsoldat aus Mecklenburg-Vorpommern hatte zu Beginn der 13-tägigen Hauptverhandlung gestanden, seine Vorgesetzte in der Nacht zum 18. Dezember 2003 auf dem Marineschiff „Mühlhausen“ erdrosselt zu haben.

Laut Urteilsbegründung beging der ursprünglich wegen Mordes angeklagte Heranwachsende eine Affekttat im Zustand erheblich verminderter Steuerungsfähigkeit. Tatablauf und Motiv seien im Dunkeln geblieben, so der Vorsitzende der Jugendkammer, Stefan Becker. Der Richter erklärte, man gehe nach dem überzeugenden psychiatrischen Gutachten des Sachverständigen Professor Gerd Schütze davon aus, der Heranwachsende habe zur Tatzeit unter einer tiefgreifenden Bewusstseinsstörung gelitten. Alkohol habe dabei den Affekt begünstigt.

Vom Vorsitzenden erfuhr die Öffentlichkeit gestern erstmals Einzelheiten der Darstellung, die der Angeklagte unter der erdrückenden Beweislast einer DNA-Spurenanalyse hinter verschlossenen Türen abgegeben hatte.

Auf Antrag der Verteidigung hatte das Gericht die Öffentlichkeit auch während der Verlesung des Gutachtens und der Plädoyers ausgeschlossen. Den Antrag des Rechtsanwalts, das Publikum auch während der Urteilsverkündung vor die Tür zu setzen, wies das Gericht mit Hinweis auf das öffentliche Interesse an der Aufklärung einer schwerwiegenden Tat zurück. Die Einlassung des Angeklagten hielt die Kammer für widerlegt.

Der als „zurückhaltend, fast scheu und unsicher“ beschriebene Hauptgefreite berief sich auf eine Verabredung mit dem späteren Opfer und erklärte, er habe begründete Hoffnung auf eine sexuelle Begegnung mit der von ihm bewunderten Soldatin in deren Kabine gehabt. „Ich glaube, sie hat ja gesagt“, erklärte er wörtlich. Für das Gericht sprach dagegen alles dafür, dass die Obermaatin nur noch ihre Ruhe haben wollte. Der Angeklagte hatte vor der Tat gemeinsam mit anderen Kameraden und dem späteren Opfer in einer Eckernförder Diskothek gefeiert. Er trank nach Zeugenaussagen fünf Gläser Bier und eine unbekannte Menge Wodka-Red-Bull. Um drei Uhr morgens fuhren sie mit einem Taxi zur „Mühlhausen“ zurück. Die Frau soll während der Fahrt den späteren Täter mehrmals aufgefordert haben, sie nicht zu nerven. Auf dem Schiff zog sich die Frau, die von Zeugen als offen, spontan und selbstbewusst beschrieben wurde, in ihre nicht verschließbare Kammer zurück. Zeugen gegenüber habe sie erklärt, sie wolle sich schlafen legen.

„Wir wissen nicht, ob sie schlief, als er ihre Kammer betrat“, erklärte der Vorsitzende. Möglicherweise durch ein subjektives Gefühl der Kränkung sei die positive Stimmung des Angeklagten in heftige Aggression umgeschlagen. Das hohe Maß an Gewalt, mit der er sie „mindestens drei bis fünf Minuten“ massiv gewürgt habe, sei Ausdruck des Affekts. Der Angeklagte sei nicht vorbestraft und nie als gewalttätig in Erscheinung getreten: „Eine persönlichkeitsfremde Tat mit geringer Wiederholungsgefahr.“ Sie habe sich nur in dieser spezifischen Situation ereignen können.

Das Urteil wird voraussichtlich rechtskräftig, das Strafmaß liegt genau zwischen den Anträgen von Staatsanwalt und Verteidiger.

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