Nichtraucher : Reine Entwöhnungssache

Fast jeder Raucher hat schon mal versucht aufzuhören – und kann darüber etwas erzählen. Acht Tagesspiegel-Redakteure über ihre mehr oder weniger erfolgreichen Bemühungen, Nichtraucher zu werden.

Raucher
Auch beim Rauchen gilt: Man sollte nichts übertreiben. -Foto: ddp

Es war die Hölle, und wenn es nicht die Hölle gewesen wäre, hätte ich schon mindestens sechs Mal wieder angefangen und sieben Mal wieder aufgehört, so wie die Freundin, mit der ich damals auf Entwöhnung ging. In unserer Familie wimmelt es vor Krebs, jede Spielart, „was bleibt denn da noch für Sie übrig?!“, meinte meine Hausärztin einmal, und gab triumphierend selbst die Antwort: „Ah, Darmkrebs!“ Lunge hatten wir auch noch nicht. Zehn Jahre lang zwei Schachteln Marlboro am Tag, ich dachte, das wär’ genug des Zusatzrisikos. Einen Tag nach meinem 30. Geburtstag fuhren wir nach Paris zum Sprachkurs, gute Gelegenheit, dachte ich, fern aller Gewohnheiten. Die ersten Nächte haben wir heimlich in unseren Pensionszimmerchen die letzten Zigaretten aus der Schachtel geraucht (als Nachkriegskind wirft man nichts weg), dann die Kippen aus dem Aschenbecher wieder angezündet (das haben wir uns Jahre später erst gestanden), und dann war nichts mehr da außer einem großen schwarzen Loch: drei Monate schlimmster Depression. In den Pariser Cafés, in denen alle außer mir rauchten, habe ich mir dann das Weintrinken angewöhnt. 20 Jahre ist das her. Und ich könnte immer noch jeden Tag wieder anfangen. kip

 

Bisher konnte sich jeder in der Silvesternacht vornehmen, sich das Rauchen abzugewöhnen. Bei diesem Jahreswechsel ging das nicht. Wer will schon als Weichei dastehen, das sich von einem Gesetz einen neuen Lebensstil aufzwingen lässt. Wer jetzt das Rauchen aufhört, verliert sein Gesicht. Eine ähnliche Situation gab es schon vor 15 Jahren, als ich aufhörte. Fast alle gaben damals das Rauchen auf. Sich der Mehrheit anschließen? Dem Kollektiv unterordnen? Welche Schmach. Es gab nur eine Möglichkeit. Heimlich aufhören. Weiter die Lucky Strike durch die weiße Hemdtasche scheinen lassen, überall zu Hause halbvolle Aschenbecher stehen lassen und eine aufgerissene Stange und offene Schachteln. Und morgens beim Café immer auf die einladenden Zigaretten blicken. Das erfordert Willenskraft. Jeden Tag, jede Stunde, jede Minute. Was für eine Genugtuung, die Fluppe anzuschauen, jederzeit zugreifen zu können – und zu widerstehen. Das erzeugt ein Hochgefühl, das anspornt. Zu dumm nur, dass die Sucht langsam weniger wird, immer weniger Widerstandskraft nötig ist, immer weniger Heldentum. Vielleicht sollte ich wieder anfangen. os

 

Mein italienischer Großvater hat in beiden Weltkriegen für sein Land gekämpft, acht Kinder gezeugt, eine Mädchenschule geleitet und 48 Zigaretten am Tag geraucht. Dann hat sein Arzt gesagt, Vaterland, Kinder und Schule müssten wohl bald ohne ihn auskommen, wenn er nicht sofort das Rauchen dran gebe. Das hat er getan - auf seine geliebte Zigarette hat er trotzdem nicht verzichtet. Er hat sich eine Zigarette schnitzen lassen, aus Holz. Beim Espresso am Vormittag, nach dem Essen, beim Lesen oder Fernsehen hat er sich die in den Mund gesteckt, kräftig daran gezogen und jedesmal wohlig geseufzt. Sogar einen Aschenbecher hat er sich hingestellt und so getan als würde er abaschen. Als mein Opa daheim in seinem Bett gestorben ist, war er 86. Neben ihm, auf dem Nachttisch, hat die Holzzigarette gelegen.

Mein Freund Matthias war schon zu Schulzeiten anders als wir: Sein Pausenbrot war mit Nutella und Ketchup belegt, als Haustier hatte er eine Henne, die Ödotschakne hieß und sein Lieblingsfach war Handarbeiten. Vielleicht hat er deswegen das Stricklieseln angefangen, als er mit dem Rauchen aufgehört hat. Weil er nicht wusste wohin mit seinen Händen, jetzt wo er nicht mehr zur Zigarette greifen durfte, hat er mit seiner Strickliesel meterlange Würste aus Wolle produziert. Die hat er dann zu Schals zusammengenäht und an alle Freunde verschenkt. Wir waren sehr froh, als er wieder angefangen hat zu rauchen.dro

 

Ich hatte schon eine gewisse Erfahrung im mir-das-Rauchen-abgewöhnen. Deshalb bin ich die Sache beim letzten mal sehr überlegt angegangen: Ich habe erstens sehr vielen Leuten davon erzählt, zweitens einen Schwur abgelegt und zwar drittens mit meiner Frau, die den gleichen Schwur leistete, was den Druck enorm erhöht, weil man ja viertens nicht als Versager da stehen will. Wir haben uns dann fünftens einen Termin gesetzt - die Silvesternacht. So gegen drei Uhr morgens war meine letzte Schachtel Zigaretten plötzlich weg. Verloren, einfach so, dabei war sie noch gar nicht alle. Eine neue kaufen hätte ja nicht gelohnt, weshalb ich dazu übergegangen bin, mich durchzuschnorren. Die letzte Zigarette war eine Selbstgestopfte, ich glaube die Marke hieß Winston oder so. Jedenfalls hat sie dermaßen grauenhaft geschmeckt, dass ich sechstens dachte, nee. Das ist jetzt vier Jahre her. lat

 

Mit dem Rauchen aufhören kann jeder. Ich habe es unzählige Male ausprobiert, mit vielen unterschiedlichen Methoden. Nikotinpflaster, Akupunktur, reine Willensstärke. Es hat alles nicht sehr lange gewirkt. Aber es sind ja auch noch ein paar Mittel übrig: Hypnose käme noch infrage oder Gruppentherapie, im Kloster oder einem paramilitärischen Drilllager. Eines weiß ich heute sicher: Ich werde mit dem Rauchen aufhören. Das ist aber kein Versprechen mehr, schon gar nicht für einen Neujahrstag. Es gibt nur zwei Wege zum Nichtraucher, den bewussten Entschluss oder das Lebensende. wie

Das Rauchen habe ich mir mit Zwölf abgewöhnt. Zwei Freunde und ich hatten eine noch nicht angebrochene Schachtel Zigarillos quasi am Straßenrand gefunden. Wir schlugen uns pochenden Herzens in die Büsche, um die Lullen in Rauch aufzulösen. Nach ein paar wenigen Zügen verabschiedete ich mich mit noch viel stärker pochendem Herzen und dem dringenden Verlangen, zu Hause ein stilles Örtchen aufzusuchen. Nach ungewöhnlich langer Aufenthaltsdauer verließ ich es mit dem Schwur, solche Dinger niemals wieder anzufassen. Ich war für zehn Minuten Raucher gewesen - genug für ein ganzes Leben.

sc

 

Es waren gut 6 schwarze Jahre, zumindest wenn man der Oberamtsärztin und ihren Röntgenaufnahmen meiner Lunge glauben durfte. Mit 15 begann die Karriere unter Dampf, steigerte sich in der Höchstphase auf zwei Schachteln (wahlweise aus finanziellen Gründen 50 selbstgedrehte) am Tag. Ein erster Versuch, dem Qualmen ein Ende zu setzen, war bei der Bundeswehr gescheitert. Nein falsch, als einziger im gesamten Zug (so heißt bei denen eine Untereinheit) drei Monate ohne Stoff. Dann kam das Studium, damit die Parties - und die Lunge wurde wieder gut geteert. Der zweite Versuch des Sportstudenten ging 1990 nach mehreren Wochen Entzug in Rauch auf. Genauer gesagt zwischen Verlängerung und Elfmeterschießen im Halbfinale der Fußball-WM Deutschland gegen England. Es folgte ein legendärer Sprint zur Tankstelle - und ich hatte meine Nerven wieder im Griff. Dann tauchten besagte Röntgenbilder auf und ließen mich ratlos. Wie sollte ich meine Nachtschichten als Türsteher in der Diskothek ohne Fluppen überstehen? Der Zufall gebar das Geheimrezept: Man trinke Tomatensaft auf Lakritz. Mir jedenfalls wurde davon regelmäßig so schlecht, dass ich nichts mehr wollte. Auch keine Zigaretten. In einem späteren Entzugstadium reichte schon allein die Vorstellung an die Kombination. Kombiniert mit einer erhöhten Sportdosis hat es damit im dritten Anlauf geklappt. Aber ich gebe zu: Es war verdammt hart – und ekelig. lem

 

Eigentlich habe ich nie ganz Schluss gemacht mit dem Rauchen, wie auch, von gut fünfzig am Tag auf nie wieder, da wird man ja schwermütig. Also bin ich in die Pause gegangen damals, nach vielen Jahren, erstmal für fünf Minuten, dann nochmal fünf, bis die erste Stunde geschafft war. Mann, war ich stolz! Und das, ohne aufzuhören! Komm schon, noch eine Stunde, sportlicher Ehrgeiz, und nach einem ganzen Tag ohne können wir uns doch nicht so einfach das gute Ergebnis kaputtmachen lassen, oder? Na also, kannst ja jederzeit zurück, rauchst ja nur im Moment gerade nicht. – Dieser Moment ist jetzt zwanzig Jahr her, und zur Belohnung und zur Gefühlsauffrischung kommen seit fünf Jahren im Schnitt etwa zwei Zigaretten im Monat dazu. Hab’ ja nie richtig aufgehört. lom

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