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Niedersachsen : Tatverdächtiger im Fall Dennis gesteht drei Morde

Fast zehn Jahre blieb die Suche nach dem Mörder von Dennis erfolglos, dann gab es eine neue Spur. Nun wurde ein 40-Jähriger in Hamburg festgenommen. Der Pädagoge gestand zwei weitere Morde.

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Kriminaldirektor Uwe Jordan am Freitag bei der Pressekonferenz.
Kriminaldirektor Uwe Jordan am Freitag bei der Pressekonferenz.Foto: dpa

Meist kam er in der Nacht, schwarz gekleidet und maskiert. Seine bevorzugten Opfer: Jungen, die in norddeutschen Schullandheimen oder Ferienzeltlagern schliefen oder zuhause in ihrem Bett lagen. Er missbrauchte sie oder schleppte sie zunächst davon. In mindestens drei Fällen brachte er die Kinder anschließend um. Nach jahrelangen Ermittlungen hat die Polizei jetzt den Täter gefasst. Es ist ein 40-jähriger Hamburger Pädagoge, der neben seinem Hauptberuf als Erwachsenenbildner auch als Jugendbetreuer aktiv war.

Die Festnahme löste in Norddeutschland große Erleichterung aus. Wie die Ermittler am Freitag in Verden bei Bremen berichteten, habe der dringend Tatverdächtige inzwischen ein Geständnis für drei Sexualmorde und rund 40 weitere Missbrauchstaten abgelegt. Er sitzt in Untersuchungshaft.

Als die Beamten auf einer großangelegten Pressekonferenz im Verdener Kreistagssaal ihren Fahndungserfolg präsentierten, stand neben ihnen eine Pinnwand mit drei Fotos von Kindern: Der 13-jährige Stefan J. war 1992 aus einem Internat bei Scheeßel – zwischen Hamburg und Bremen – entführt und dann getötet worden. 1995 starb der achtjährige Dennis R. nach der Entführung aus einem Zeltlager bei Schleswig. Und Dennis K. (9) wurde 2001 nachts aus dem Schullandheim Wulsbüttel bei Cuxhaven entführt. Zwei Wochen später fand man seine Leiche an einem Waldweg. Nach dem letzten Mordfall wurde den Ermittlern klar, dass sie es mit ein und demselben Täter zu tun hatten, der auch noch weitere Fälle zu verantworten hatte: In den 90-er Jahren war er auch einmal in eine Jugendherberge und mehrfach in Einfamilienhäuser in Bremen und Delmenhorst eingedrungen.

Fast zehn Jahre lang suchte die „Sonderkommission Dennis“ mit Unterstützung bayerischer Fallanalytiker nach dem „schwarzen Mann“, wie er wegen seiner Maskierung genannt wurde.

Aber erst jetzt kam der entscheidende Hinweis. Nach einem neuerlichen Fahndungsaufruf meldete sich ein Zeuge, der 1995 als Zehnjähriger Opfer geworden war. Er hatte zwar schon damals ausgesagt, aber nachträglich fiel ihm etwas ein, was die Ermittler als „Schlüssel“ zur Aufklärung der Gesamtserie bezeichnen. Einige Zeit vor dem nächtlichen Übergriff habe ein Betreuer auf einer Ferienfreizeit in einem Schullandheim ihn auffällig über seine Wohnsituation ausgefragt.

Damit ließ sich der Tatverdächtige ermitteln. Am Mittwoch durchsuchten Spezialkräfte und Soko-Beamte die Wohnung des 40-Jährigen in Hamburg, am Donnerstag legte er laut Polizei ein Geständnis ab, und noch am Abend erließ das Landgericht Stade Haftbefehl.

Fast zehn Jahre nach dem Mord an dem neunjährigen Dennis aus Osterholz-Scharmbeck hat die Polizei einen Tatverdächtigen festgenommen.
Fast zehn Jahre nach dem Mord an dem neunjährigen Dennis aus Osterholz-Scharmbeck hat die Polizei einen Tatverdächtigen...Foto: dapd

Der Tatverdächtige wird von den Fahndern als netter Mann von nebenan beschrieben. Er sei „sozial unauffällig, nett, hilfsbereit, akkurat, zurückhaltend und intelligent“, beschrieb ihn der bayerische Fallanalytiker Alexander Horn. „Wir wissen, dass es sich bei Mehrfachmördern häufig um angepasste Menschen handelt.“ Der gebürtige Bremer, der seit einem Jahrzehnt in Hamburg lebe, sei Lehramtsanwärter gewesen, habe aber nicht als Lehrer gearbeitet, sondern als Erwachsenenbildner in Hamburg und nebenbei auch als Jugendbetreuer. Weil er seit etwa zwanzig Jahren allein lebe, unterliege er „geringer sozialer Kontrolle“.

Der Verdächtige war allerdings schon früher ins Visier geraten. Er wurde damals überprüft, nachdem der Soko Sexualstraftaten des Mannes bekannt geworden waren. Ein Verdacht gegen ihn im Fall Dennis K. habe sich aber seinerzeit nicht ergeben, sagte Erftenbeck. Der mutmaßliche Mörder habe damals „nicht wahrheitsgemäß oder auch ausweichend“ auf Fragen der Polizisten geantwortet. „Heute können ihm zahlreiche Aussagen von 2007 widerlegt werden.“ Erst im Lichte der neuen Opferaussagen konnte er nun doch überführt werden.

Ob er auch zwei weitere Sexualmorde an Kindern in Frankreich und Holland begangen hat, muss erst noch ermittelt werden. „Er hat sich auch für längere Zeit im Ausland aufgehalten“, sagte SokoChef Martin Erftenbeck. „Aber er will mit diesen Taten nichts zu tun haben.“

Der Verdener Kriminaldirektor Uwe Jordan sagte am Freitag: „Wir sind erleichtert, auch darüber, dass jetzt viele Angehörige und Opfer einen anderen Weg der Trauer und der Verarbeitung gehen können.“

Mit Erleichterung dürften auch unzählige unbeteiligte Eltern reagieren. In den letzten Jahren mochten sie ihre Kinder nur noch ungern auf Freizeiten in abgelegene Heime oder Zeltlager schicken.

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