Welt : Noch Leichen im Keller

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Von Kerstin Decker

Der Plastinator ist ärgerlich. Allein 2000 Besucher haben am Montag seine Ausstellung „Body Worlds“ – „Körperwelten“ – in der Londoner Atlantis Gallery gesehen, da kommen schon wieder schlechte Botschaften aus Rußland.

Sibirische Ärzte hätten Leichen von Obdachlosen, Kriminellen und Psychatriepatienten nicht ganz legal an die „Körperwelten"-Ausstellung geliefert, meldete eine russische Zeitung. Ermittlungen gegen 14 Ärzte und Gesundheitsbeamte wurden eingeleitet, zwei Ärzte sind angeklagt. Auch in Deutschland verbreitete sich die Nachricht.

Alles falsch, sagt Gunther von Hagens, in seiner Ausstellung stehe definitiv kein einziges russisches Plastinat. Und es stand auch noch nie eins drin. Was der Plastinator nicht bestreitet: Es hat im letzten Frühjahr tatsächlich eine Lieferung von toten menschlichen Körpern aus Nowosibirsk an sein Heidelberger Institut für Plastination gegeben. Von 56 Leichen und 400 präparierten Gehirnen, sprach die „Nesawissimaja Gaseta". „Leichen" – Von Hagens mag diese sprachliche Unschärfe nicht. Es gäbe einen Unterschied zwischen Leiche und Präparat, ein Präparat – also der bereits anatomisch bearbeitete tote Körper – sei eben keine Leiche mehr. Insofern habe er keine Leichen, sondern bereits Präparate bekommen. Die Zahl wollte von Hagens nicht bestätigen. Es handelte sich aber um eine vollkommen rechtmäßige Lieferung, erklärt er, denn zwischen seinem Institut und dem Rektor der medizinischen Universität Nowosibirsk Professor Efremow bestand ein „Vertrag über die Verbesserung der anatomischen Forschung".

Was bedeutet das? Von Hagens empfängt Leichen, die bereits in Konservierungslösungen liegen oder denen bestimmte Kunststofflösungen injiziert wurden. Die werden dann am Institut untersucht, auf ihre Eignung zur Plastination geprüft und gegebenenfalls plastiniert.

Aber, sagt von Hagens, alle müssen – plastiniert oder unplastiniert – zurück nach Nowosibirsk: „zur Verbesserung der anatomischen Forschung". Und wo sind die vorpräparierten 57 Leichen und 400 Gehirne jetzt? Von Hagens zögert kurz. Dann erklärt er bündig: „Die sind in meinem Besitz.“ Mehr sagt er vorerst nicht. Denn der Plastinator hat den Vertrag mit der medizinischen Universität Nowosibirsk schon aufgelöst. Professor Efremow selbst habe ihm das geraten.

Am 6. April letzten Jahres erhob die Staatsanwaltschaft der Russischen Förderation Anklage gegen Professor Efremow, der zugleich Rektor der Staatlichen Medizinischen Universität ist. Wegen „Unregelmäßigkeiten bei der Beschaffung von Körpern“, sagt von Hagens. Vorgestern erreichte ihn ein amtliches Schreiben aus Russland, dass die Klage gegen Professor Efremow „aufgrund des fehlenden Tatbestands“ eingestellt wurde. Über die zwei sibirischen Ärzte, die sich in Nowosibirsk noch vor Gericht verantworten sollen, weiß Gunther von Hagens nichts. „Ob es bei der Beschaffung von Anatomischen Präparaten bei Mitarbeitern der Universität in Nowosibirsk zu Unregelmäßigkeiten gekommen ist, kann ich nicht beurteilen.“ Seine Pflicht habe er getan, die Zolldokumente prüfen lassen und auch die Unterschrift des Rektors.

Unregelmäßigkeiten? Auch die „Regelmäßigkeiten“ im Umgang mit Leichn scheinen in Rußland irgendwie ungeregelt. Seit einem Erlaß von Peter dem Großen wird nicht nur jede Person, die im Krankenhaus stirbt, obduziert, sondern es werden „regelmäßig“ auch „herrenlose Leichen“ an die Anatomie überführt. In den meisten Ländern sei das so, sagt von Hagens, auch in Deutschland bis in die siebziger Jahre. Wer in Rußland zu niemandem gehört, muß also mit einem Nachleben in der Anatomie rechnen. Häftlinge, Psychatriepatienten und Obdachlose zählen durchaus zu den Gefährdeten, post mortem ohne Angehörige zu sein. Aber auch Anatomie-Leichen werden, das weiß man, anders als Plastinate irgendwann beerdigt. Nein, widerspricht von Hagens, nicht immer, und er beginnt „ganze Rümpfe in Formalin“ und andere Unmöglichkeiten aufzuzählen, zu einem ordentlichen Begräbnis zu gelangen.

Gunther von Hagens hat 150 ganz legale Leichen in seinem Heidelberger Keller – Körperspender. Und 5000 potentielle in seiner Kartei. Er braucht keine illegalen Toten. Der Plastinator vermutet lokale Machtspiele hinter den russischen Vorwürfen. So soll die Frau des Gouverneurs von Nowosibirsk, eine Medizinerin, selbst den Posten von Professor Efremow anstreben: Rektor der medizinischen Universität. Der Plastinator gibt sich keine Mühe zu verbergen, dass er die russische Presse nicht mag. Und nicht nur, weil sie letztes Jahr auf der Berliner „Körperwelten"-Ausstellung bereits einen Russen entdeckt haben wollte, wo nach von Hagens gar kein Russe war: die angeblich kyrillische Tätowierung eines Plastinats war keine kyrillische Tätowierung.

Das habe er nachweisen können.

Vor zehn Jahren bereits versuchte der Plastinator, in Moskau die Plastination einzuführen und ist an den „Apparatschiks“ gescheitert. So ging er nach Kirgistan, nach Bishkek. Dort ist er heute noch mindestens einmal im Monat. Bishkek hat inzwischen ein eigenes Plastinate-Museum. Die Kirgisen sind stolz auf ihren Plastinator, der als Ex-Ostler sogar russisch spricht. Sie haben ihn schon zum Ehrenprofessor ernannt. Seinen anderen Professorentitel hat von Hagens aus China, wo er sein zweites eigenes Institut neben Heidelberg unterhält. Manche deutsche Anatomen erwähnen von Hagens chinesischen Professorentitel nur mit leicht angehobenen Augenbrauen, dafür erwähnt von Hagens deutsche Anatomen vornehmlich als Kontrastfolie zu den Anatomen des Ostens. „Im Osten ist Anatomie noch Anatomie, weil die Leute noch anatomieren können und auf diesem Gebiet forschend tätig sind.“ Im Westen dagegen habe man sich längst hinter Elektronenmikroskopie und Zellbiologie zurückgezogen. Das Lob gilt China und Kirgistan gleichermaßen. Aber auch in Kirgistan hörte von Hagens Sätze wie: „Ihr arbeitet gegen die Gesetze Kirgistans - das ist eine Mißachtung des Präsidenten“, als er das „Körperspendeprogramm“ nach deutschem Vorbild einführen wollte. Mit ausdrücklicher Zustimmungspflicht des künftigen Körperspenders. Der kirgisische Unwille richtete sich nur gegen ein „deutsches“, angeblich überflüssiges Zusatzgesetz auf kirgisischem Boden.

Inzwischen existiert das Körperspendegesetz in Kirgistan. In Rußland nicht.

Besondere Gesetze gibt es auch in London. Am britischen „Anatomy Act“ wäre beinahe die Londoner „Körperwelten"-Ausstellung gescheitert. Verboten ist hier das Präparieren von Toten zu Lehrzwecken, sagt von Hagens. Aber er präpariere doch gar nicht, alle Objekte sind doch bereits präpariert, verteidigte sich von Hagens. Vier Tage vor Beginn der „Body Worlds“ in London erhielt er die Erlaubnis zur Eröffnung. Seit Ende März kamen 200 000 Besucher. Weniger Kinder als in Deutschland, dafür mehr Intellektuelle, sagt von Hagens. Bis zum 29. August werden die „Body Worlds“ in London in der „Old Truman Brewery“ bleiben.

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