Nordrhein-Westfalen : Weg – in eine Therapie

In Heinsberg wehren sich Bürger mit Demonstrationen gegen die Anwesenheit eines Sexualstraftäters. Bei einer Bürgerversammlung erfuhren die Randerather, dass der Mann eine Therapie beginnen will.

Stefan Claassen

Mehr als eine Woche lang haben sich zwischen 50 und 150 Bürger jeden Abend vor dem Haus versammelt, in dem Karl D. nach seiner Entlassung aus dem Gefängnis lebt. Am Mittwochabend versammelten sich 300 Einwohner des Ortsteils Randerath in der Mehrzweckhalle. Dort wollten sie vom Landrat des Kreises Heinsberg nahe der niederländischen Grenze Neues zum Fall des als gefährlich geltenden Sexualstraftäters erfahren. Landrat Stephan Pusch (CDU), der die Bürger selbst vor Karl D. gewarnt hatte, sagte, der Mann sei bereit, in einer geschlossenen Anstalt eine Therapie zu beginnen.

Pusch bekam viel Beifall dafür, dass er die Bürger sofort gewarnt hatte, nachdem D. in den Ort gezogen war. Auffallend war, dass eine völlig andere Stimmung als bei den täglichen Demonstrationen herrschte: keine Transparente mit Drohungen, vielmehr gespannte Ruhe, gepaart mit Besorgnis. Das fiel auch Pusch auf: „Hier herrscht eine ganz andere Stimmung als bei dem, was bisher ’rübergekommen ist.“ Und so solle es auch bleiben, denn die Klientel, die bei den Demos auftritt, die „seid nicht Ihr. Wir müssen denen ganz entschieden sagen, dass wir sie hier nicht haben wollen“.

Damit meinte Pusch die knapp 70 Rechtsradikalen, die am Wochenende durch den Ort marschiert waren, bevor sie von der Polizei des Ortes verwiesen wurden. Beleidigungen und Drohungen seien nicht hinzunehmen, sagte Pusch. Auch solle an die Familie des Täters gedacht werden, an den ungeheuren Druck, den sie zu ertragen habe. „Seid besonnen!“, bat der Landrat. Zudem versprach er: „Wenn auf den Plakaten steht, ,Wir wollen unsere Kinder schützen und keine NPD hier haben’, demonstriere ich mit Ihnen zusammen.“

Nach vielen Gesprächen habe sich Karl D. bereit erklärt, eine Therapie in einer geschlossenen Einrichtung anzutreten. Jetzt bemühe man sich darum, schnellstens einen Platz zu finden. Dabei hofft Pusch auf Unterstützung: „Wenn der Staat sagt, ich lasse den raus, dann muss er auch sagen, ich lasse ihn in eine geschlossene Therapie.“ Es könne zwar sein, dass der Täter spekuliert, dies werfe ein besseres Licht auf ihn, aber es sei eine kurzfristige und praktikable Lösung, findet Pusch. Obwohl Karl D. die Therapie jederzeit abbrechen könne. Dann aber werde er sofort wieder rund um die Uhr observiert.

„Wir müssen dafür kämpfen, dass so etwas nie wieder passiert, weder hier, noch in einem anderen Ort“, forderte Pusch. Der Protest sei in Berlin angekommen. Jetzt seien Justiz und Gesetzgebung gefordert, denn eine „solche Situation brauchen wir als Bürger nicht zu ertragen“. Ganz Deutschland blicke auf den Fall, der nun der Gesetzeslage, die ihn zulasse, ein Ende bereiten soll: „Wenn die Gutachten sagen, dass der Mann mit höchster Wahrscheinlichkeit rückfällig wird, wie kann der Staat ihn dann freilassen?“

Dass sich das Problem mit Karl D. so einfach aus dem Weg schaffen lässt, ist allerdings zweifelhaft. Aber zumindest das Erregungspotenzial sinkt mit der Zeit. Diese Erfahrung hat Brandenburg mit Werner K. und seinem Wohnort Joachimsthal gemacht. Werner K. war im vergangenen Frühjahr unter ähnlich umstrittenen Bedingungen aus der Haft entlassen worden. Er hatte in den insgesamt 22 Jahren, die er im Gefängnis verbracht hatte, jede Therapie abgelehnt. Doch wie in Randerath waren die Bürger auch in Joachimsthal in Aufruhr. Eine Bürgerinitiative gründete sich mit dem Ziel, „den Sex-Täter loszuwerden“. Auch in Joachimsthal belagerten erst die Dorfbewohner und wenig später die Rechtsradikalen das Haus, in dem Werner K. untergekommen war. Bis das Justizministerium Brandenburg dem Mann das Versprechen abgenommen hatte, sich einer Therapie in einer geschlossenen Einrichtung zu unterziehen. Doch dann mussten die Brandenburger feststellen, dass es solche Therapieplätze nahezu nicht gibt. Zwar sind die Sozialtherapien in den Gefängnissen bundesweit ausgebaut worden, nachdem die Gesetze gegen Sexualstraftäter 1998 verschärft worden waren. Doch eine freiwillige Therapie in einer geschlossenen Einrichtung bieten nur wenige freie Träger an, berichtet der Sprecher des Justizministeriums in Potsdam, Thomas Melzer. Nachdem endlich ein Therapieplatz beim Blauen Kreuz in Mecklenburg-Vorpommern gefunden war, gelang es den Behörden allerdings nicht lange, den Ort geheim zu halten. Dort ging der gleiche Zirkus wieder von vorne los, so dass sich Werner K. gezwungen sah, die Therapie abzubrechen und nach Joachimsthal zurückzukehren.

Dort lebt Werner K. noch immer und unterzieht sich inzwischen einer ambulanten Therapie. Noch immer wird er von der Polizei überwacht. Doch die Lage im Dorf hat sich merklich entspannt. Das Dorf und Werner K. haben sich offenbar doch irgendwie aneinander gewöhnt. Außerdem löste sich die Bürgerinitiative mehr oder weniger auf. Das aktivste Paar dieser Gruppierung hat sich inzwischen getrennt. Der eigentliche Sprecher der Initiative hat das Dorf verlassen.

Melzer kann sich nur schwer vorstellen, dass es dem Heinsberger Landrat gelingen wird, einen Therapieplatz für Karl D. zu finden, noch dazu schnell. Am Ende könnte es so kommen, dass sich auch Randerath und Karl D. irgendwie aneinander gewöhnen. Brandenburg will übrigens auf „so seltene Fälle“ künftig besser vorbereitet sein. Sollte wieder ein Gericht eine nachträgliche Sicherungsverwahrung für einen Sexualstraftäter verweigern und dieser nach Brandenburg ziehen, soll es noch in diesem Jahr eine geeignete Therapieeinrichtung im Land geben. mit deh

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