Welt : Noten für die Schule

Erstmals können Eltern Bewertungen abgeben – die Lehrerverbände sind dagegen

Mathias Stamm

180 000 Besucher in der ersten Woche – das ist die Bilanz von schulradar.de, dem „spickmich“-Ableger, bei dem Eltern den Schulen ihrer Kinder Noten vergeben und Lob, Kritik und Kommentare vorbringen können. Auf spickmich.de können Schüler bereits seit einem Jahr ihre Lehrer und Schulen benoten. 800 000 Schüler haben inzwischen etwa 250 000 Lehrer bewertet. Die Betreiber der beiden Seiten wollen die Bewertungen von Schülern und Eltern künftig kombinieren. Damit entstünde das erste bundesweite SchulRanking – aufgeschlüsselt nach Bundesland und Schultyp. Die Lehrerverbände lehnen ein Schul-Ranking grundsätzlich ab. „Ich warne Eltern dringend, die Schulwahl von schulradar.de und spickmich.de abhängig zu machen“, sagt Marianne Demmer von der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW). „So ein Schul-Ranking enthält keine Informationen darüber, wie gut oder schlecht ein Schüler in eine Schule passt“, sagt sie. Dafür seien die Kriterien zu allgemein. Heinz-Peter Meidinger vom Deutschen Philologenverband sagt, dass derartige Internetportale zu keiner echten Kommunikation zwischen Schülern, Eltern und der Schule führten. „Anstelle eines offenen Dialogs kommt es zur öffentlichen Bloßstellung.“ Beide Lehrervertreter befürchten zudem Rachefeldzüge enttäuschter oder beleidigter Schüler und Eltern, die im Internet ihren Frust entladen und mit Lehrern und Schulen abrechnen, indem sie schlechte Noten verteilen.

Die Betreiber der Internetseiten verweisen auf ihre Sicherheitsmechanismen, mit denen sie diese sogenannten Frust- und Spaßbewertungen aussortieren. „Wir können nicht jede Manipulation ausschließen“, sagt Bernd Dicks, einer der Betreiber. Aber man tue, was man kann. Er begründet die neue Internetseite mit der Nachfrage. Zahlreiche Eltern wollten im letzten Jahr die Schulbewertungen auf „spickmich.de“ einsehen. „Ein Tag der offenen Tür genügt vielen Eltern nicht, um sich für eine Schule für ihr Kind zu entscheiden, weil so ein Tag nichts über die Schulatmosphäre oder Gewalt unter Schülern aussagt“, meint Dicks. „Schulradar.de“ soll diese Informationslücke in Zukunft schließen.

Haben sich die Lehrerverbände selbst geschadet, indem sie Schul-Rankings immer und grundsätzlich ablehnten? Dass es zu einem Schul-Ranking kommen wird – das hätten die Lehrerverbände voraussehen können, sagt der Bildungsforscher Wolfgang Böttcher von der Universität Münster. „Wer sich jetzt über ein derartiges Ranking aufregt, war in der Vergangenheit blind und naiv“, sagt er. „Die Verbände haben ihre Chance vertan, ein transparentes, wissenschaftlich fundiertes System zu entwickeln – sozusagen eine Stiftung Warentest für Bildung.“ Jetzt ständen sie vor einem Bewertungssystem, das sich ihrer Kontrolle entzieht.

Bundesweite Schulvergleiche lehnen die Lehrerverbände aber auch weiterhin ab. Sie wollen vielmehr die Kommunikation zwischen Schülern, Eltern und Lehrern an jeder einzelnen Schule verbessern. „Es muss an jeder Schule die Möglichkeit geben, dass sich Schüler und Eltern anonym äußern können“, sagt Marianne Demmer. Und dass die Ergebnisse dieser Befragung offen diskutiert würden. Da gebe es noch erheblichen Nachholbedarf. Heinz-Peter Meidinger schätzt, dass höchstens zehn bis 20 Prozent der Schulen eine ernsthafte Feedback-Kultur haben. Dass schon jetzt ein umfangreiches Informationssystem möglich wäre, erklärt André Schindler vom Berliner Landeselternausschuss. Er fordert absolute Transparenz und Offenheit seitens der Schulen. „Nur wer auch seine Problemstellen benennt, schafft Vertrauen“, meint Schindler. Die Schulen sollten einfach die Schulinspektionsberichte veröffentlichen, die alle fünf Jahre angefertigt werden – zusammen mit aktuellen Zahlen und Daten zur Situation der Schule „Und über www.spickmich.de und www.schulradar.de kann man zusätzlich Meinungen und Kommentare von Schülern und Eltern lesen.“ Ein echtes Ranking sei so nicht möglich, meint Schindler, aber ein objektiver Blick auf die Schule allemal.

Der Widerstand der Lehrer aber hält an. Am gestrigen Freitag ist eine Realschullehrerin aus Dinslaken mit einer Klage gegen spickmich.de gescheitert, wie vor ihr schon andere Lehrer. Es handelt sich um ein Urteil des Landgerichts Duisburg. Eine höchstrichterliche Bewertung steht noch aus.

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