Welt : Notizen zum Mord

Matthias S. hat eine Frau geköpft. Und im Internet erklärt: Die Gesellschaft ist schuld

Torben Waleczek

Die Tat klingt wie das Drehbuch eines Horrorfilms. In der Nacht zu Mittwoch erwürgt der 32-jährige Industriemechaniker Matthias S. seine 27-jährige Bekannte. Er köpft die Leiche mit einer Machete. Dann setzt der Täter seine Drei-Zimmer-Wohnung in Brand und rast mit seinem roten Ford Escort in den Tod. Im Autowrack findet die Polizei Waffen und den Kopf des Opfers in einem Rucksack. In der Wohnung des Täters wird die enthauptete Leiche seiner Bekannten entdeckt, dazu ein Säbel. Der Mörder: rechtsradikaler Computerfreak, Waffennarr und Heavy-Metal-Fan.

Erinnerungen an den Erfurter Amokläufer Robert Steinhäuser und an den jüngsten Amoklauf in Finnland werden wieder wach. An diese Fälle hat vielleicht auch Matthias S. aus Leer gedacht. Zumindest hat er spekuliert, was die Zeitungen nach seiner Tat über ihn schreiben würden. Um dem etwas entgegenzusetzen, stellte er einen Abschiedsbrief ins Internet. Und was sonst Psychologen tun, das erledigt Matthias S. gleich mit: Er beschreibt sein zerrüttetes Verhältnis zu seiner Umwelt, seinen Umgang mit Computerspielen, sein rechtes Weltbild.

Zu lesen war der Brief auf seiner persönlichen Webseite im Internetportal Myspace. In dem Text wollte S. seine „Sicht der Dinge“ darlegen. Wann genau das Dokument ins Netz gestellt wurde, ist unklar. Zum letzten Mal zugegriffen hat S. auf die Seite am Dienstag – einen Tag vor dem Mord. Kurz nach Bekanntwerden der Enthauptung haben die Behörden die Myspace-Seite abschalten lassen. Dem Tagesspiegel liegt der Abschiedsbrief dennoch vor. Das Erschreckende: Möglicherweise wollte Matthias S. nicht nur die 27-jährige Frau, sondern weitere Menschen ermorden.

Die Ermittler vermuten hinter seiner Tat zwar offiziell ein Beziehungsdrama, zu seinem Opfer soll S. eine sexuelle Beziehung unterhalten haben. Doch angesichts des Abschiedsbriefes lasse sich nicht ausschließen, „dass er noch Weiteres vorhatte“, sagt Annette Hüfner von der Staatsanwaltschaft Aurich. In seinem Schreiben bezeichnet Matthias S. sich selbst als Amokläufer, der andere Menschen tötet, weil sie ihm Unrecht zugefügt haben. Als hätte er das bereits getan, schreibt Matthias S. in der Vergangenheit: „Die Leute, die ich umgebracht habe, stellen für mich die Gesellschaft dar. Sie sind die Angehörigen derjenigen, die mich ungerecht behandelt haben.“ So habe ihn ein Gericht zu Unrecht für ein Verkehrsdelikt verurteilt, eine Behörde habe ihm die Stütze gestrichen, Polizisten sollen ihn einmal verprügelt haben.

Als hätte Matthias S. diese Erklärung für seine Gewalttat vorausgesehen, wird er in seinem Abschiedsbrief konkret: Zwar bezeichnet er selbst sich als „exzessiven Computerspieler“, doch das habe ihn nicht gewalttätig gemacht. „In meinem Fall habe ich aus freiem Willen gehandelt und nicht, weil es mir ein Computerspiel befohlen hat", schreibt S. „Ohne Computerspiele wäre ich sicher schon viel früher Amok gelaufen.“ Was der Täter in seinem Text offen zugibt, das ist sein rechtsradikales Weltbild. „Ja, ich habe eine Einstellung, die man als ‚rechts' bezeichnen kann.“ Es folgen Hetztiraden, an der Existenz des Holocaust zweifelt der Mörder.

Auf seiner Myspace-Seite hat der 32-Jährige seine Lieblingsbands eingetragen, darunter altbekannte Heavy-Metal-Gruppen. Die Musik als Sündenbock? „Untersuchungen zeigen, dass von einer Vorliebe für eine bestimmte Art von Musik, zum Beispiel für Heavy Metal, nicht automatisch auf eine Neigung zu aggressivem Verhalten geschlossen werden kann“, sagt die Musikwissenschaftlerin Sarah Chaker von der Universität Oldenburg. „Allerdings hörte der Täter auch einschlägig als rechtsradikal bekannte Bands, die ihn in seinem Weltbild sicherlich bestärkt haben.“

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