NS-Verdacht : Prozess um Johannes Heesters' Besuch in Dachau

Der fast 105-jährige Entertainer Johannes Heesters will den NS-Verdacht gegen ihn ausräumen.

Christian Schröder
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Johannes Heesters, 104, spielt im Hamburger Theater Winterhuder Fährhaus Kaiser Franz Joseph im "Weißen Rössl". - heFoto: dpa

Die Vergangenheit des Entertainers Johannes Heesters ist Thema eines Verfahrens, das heute vor dem Berliner Landgericht stattfindet. „Zur Erbauung der SS-Wachmannschaften“, so hatte der Berliner Autor Volker Kühn behauptet, habe Heesters im Mai 1941 im Konzentrationslager Dachau gesungen. Der Sänger und Schauspieler, der am 5. Dezember seinen 105. Geburtstag feiert, bestreitet nicht, das KZ besucht zu haben, wehrt sich aber vehement gegen die Unterstellung, dort auch aufgetreten zu sein. Deshalb hat er Kühn auf Unterlassung und Widerruf verklagt. Heesters ist derzeit als Kaiser Franz Joseph in der Operette „Im weißen Rössl“ am Winterhuder Fährhaus in Hamburg zu sehen, will aber nicht zum Gerichtstermin in Berlin erscheinen.

Heesters, der seine niederländische Staatsangehörigkeit nie aufgegeben hat, musste sich nach 1945 immer wieder gegen Vorwürfe wehren, er sei ein NS-Profiteur gewesen. Sein Besuch in Dachau – laut Heesters „von den Nazis vorgeschrieben“ – war bekannt, seitdem in den siebziger Jahren Fotos davon aufgetaucht waren. Die Bilder zeigen ihn mit dem Ensemble des Münchner Gärtnerplatz-Theaters beim Rundgang über das Gelände. Singend ist Heesters auf keinem Foto zu sehen. Volker Kühn (75), einer der besten Kenner der deutschen Kabarett geschichte, will sogar herausgefunden haben, mit welchen Liedern Heesters den SS-Leuten „frohe und heitere Stunden“ bereitet habe: mit Titeln wie „Ich bin ein Star, ein Kinostar“ und „Mein schönes Fräulein, gute Nacht“ aus der Musikkomödie „Axel an der Himmelstür“, die damals auf dem Spielplan des Theaters stand. Der Sänger hingegen schreibt auf seiner Homepage: „Die fälschliche Behauptung, dass ich vor dem Wachkorps gesungen habe, ist glücklicherweise endlich widerlegt worden.“

Erstaunlich ist, dass Heesters erst jetzt juristisch tätig wird. Denn Kühn hat seine Sicht der Dinge bereits 2004 in dem Buch „Hitlers Künstler“ und 2006 auf dem preisgekrönten Hörbuch „Mit den Wölfen geheult“ veröffentlicht. Im Februar 2008 war Heesters in seinem holländischen Heimatstädtchen Amersfoort aufgetreten. Nach Jahrzehnten der Ablehnung durch seine Landsleute sei das umjubelte Konzert das „schönste Geschenk“ gewesen. „Unendlich traurig“ machten ihn allerdings die Proteste, zu denen es vor dem Theater gekommen war. Kühn hatte damals der Nachrichtenagentur ANP ein Interview gegeben, in dem er an den Dachau-Besuch erinnerte. Dieses Interview könnte Heesters nicht nur traurig, sondern wütend gemacht haben.

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