Nürnberger Zoo : Drama um Eisbärjunge

In Nürnberg hat ein Muttertier offenbar ihren Nachwuchs aufgefressen. Dafür lebt ein anderes Baby.

Annette Kögel
Eisbär
Eisbär "Vera" im Nürnberger Tiergarten -Foto: dpa

Bekommt auch Nürnberg seine Knutmanie? Eigentlich ist es dem Tiergarten dort ja zuwider, so ein Brimborium um einen Eisbären zu machen, wie es die Weltöffentlichkeit um Knut macht. Doch spätestens seit gestern recken sich Kameras und Mikrofone in den Nürnberger Zoo: Gerade zeigte sich eine der beiden Eisbärenmütter, Vera, mitsamt ihrem wenige Wochen alten Jungtier zwischen den Pfoten erstmals kurz draußen im Gehege. Nur einem Besucher gelang es, mit seinem Handy ein unscharfes Foto von dem Baby zu machen. Als Vilma hingegen am Montag mit ihrer Tatze erstmals seit Wochen am Schieber ihrer Box scharrte, waren Trauer und Entsetzen bei vielen Besuchern groß: „Das Muttertier ist nervös, gut im Futter, offensichtlich nicht hungrig“, sagt Tiergarten-Chef Dag Encke. Von ihren vermutlich zwei Jungtieren keine Spur. Für die Experten war damit weitgehend klar: Die Eisbärin hatte ihren Nachwuchs offensichtlich aufgefressen. Es besteht allenfalls ein ganz kleiner Hoffnungsschimmer. Die Babys könnten im Heu versteckt liegen, so dass man sie nicht sieht.

Eine gute und eine schlechte Nachricht also. Viele Menschen verfolgen das Vorgehen dort intensiv, weil es der erste Eisbärennachwuchs nach der Geburt von Knut am 5. Dezember 2006 im Zoologischen Garten Berlin war. An der Spree war das weiße Knäuel kurz nach der Geburt vor Kindesvernachlässigung gerettet worden – und die ganze Welt verfolgt seitdem voll Rührung, manchmal auch mit ein bisschen Häme den Hype um den verlassenen Sohn und seine Ersatzmutter Thomas Dörflein, diesen bärigen Typen mit philosophischer Ader.

Doch so eine angebliche Vermenschlichung eines Knuddel-Knuts mitsamt Marketing-Maschinerie wollten die Nürnberger nicht. Jedenfalls am Anfang. „Eines weiß ich: Wir werden alles dafür tun, dass sich die doofe Knut-Manie in Nürnberg nicht wiederholt“, hatte Tiergarten-Vizechef Helmut Mägdefrau kürzlich gesagt. Ein Tag später ruderte dann dessen Vorgesetzter, Zoochef Dag Encke, zurück und sagte, natürlich wolle auch Nürnberg eine „Knut-Flut“. Nur wolle man eben als Mensch nicht in die Natur eingreifen und den Muttertieren ihre Kinder wegnehmen, sondern sie im Extremfall eben lieber sterben lassen, wenn sie nicht angenommen werden.

Was jetzt in schlimmster Ausprägung geschehen ist, werden manche denken. Doch in der Natur ist es völlig normal, dass Raubtiere ihren eigenen Nachwuchs auffressen, wenn er krank oder nicht überlebensfähig ist. Eisbärenmännchen tun so etwas aus Rangordnungsgründen oder Hunger selbst dann, wenn die eigenen Jungen schon Halbstarke sind. Tiger machen das, im Sinne der Arterhaltung.

„Wir bekommen jetzt unglaublich viele Mails und Anrufe aus aller Welt, wir seien herzlos und grausam“, sagt Dag Encke. Dabei habe man sich völlig normal, den Naturgesetzen und auch jenen des Europäischen Erhaltungszuchtprogramms (EEP) entsprechend verhalten. Der Forschung nach sei es nämlich oftmals weder für das Muttertier noch für den Nachwuchs einträglich, wenn Menschen sich als Ersatzmami aufspielten. Erstgebärende Raubtiere – wie Vilma und Vera – nehmen ihren Nachwuchs im Zoo wie auch in freier Natur oft nicht an, erklärt Mägdefrau. „Wenn man ihnen dann die Kleinen wegnimmt, bekommen sie einen bleibenden Schaden, und beim nächsten Wurf stehen die Chancen noch viel schlechter.“ Handaufgezogene Eisbären wiederum hätten später als ausgewachsene Tiere oft Schwierigkeiten, mit Artgenossen klarzukommen, würden als Mutter- oder Vatertier versagen.

Deswegen, so die Argumentation des Nürnberger Zoos, sei nichts besser und vernünftiger, als gesunden Muttertieren selbst zu überlassen, ob sie Nachwuchs annehmen oder nicht. Auch das ist eine Folge der „Knutmanie“: Die – sehr erfolgreiche und auch in Nürnberg hochgelobte Handaufzucht in Berlin – hat in der Öffentlichkeit das Bild verfälscht. Nicht das Eingreifen des Menschen sei bei Geburt und Aufzucht das Normale, sondern dass Muttertiere über ihren Nachwuchs entscheiden.

Die Tierschutzorganisation Peta hingegen greift nun die Nürnberger stark an. Das wirkt wiederum wie eine Blaupause der ersten heftigen Kritiken in der Öffentlichkeit, als der Berliner Zoo sich zur Handaufzucht von Knut entschied. Damals verging kaum ein Tag, an dem nicht der überzeugte Tierrechtler Frank Albrecht davor warnte, dass Knut zum Problembären werde. In der Arktis nämlich würden Bärenbabys bis zu zweieinhalb Jahre eng mit ihrer Mutter zusammenleben. Wenn ein Mensch einen Eisbären aufzieht, könne diese Phase wegen des immer ungleicher werdenden Größenverhältnisses keineswegs eingehalten werden, der zu frühe Trennungsschmerz hinterließe bleibende Schäden.

Dieses Thema bewegt auch die Besucher von Knut, die an Bilder aus der Arktis denken, in denen die Eisbären in Freiheit kilometerweit schwimmen und jagen. Doch Knut geht es weiter gut, sagt Pfleger Thomas Dörflein dem Tagesspiegel. „Die Diva hat auch etwas abgenommen“, beschäftige sich weiter kreativ selbst mit Stöckchen und Jutesack. Aber als es wegen Glatteises so ungewohnt leer war vorm Gehege war, habe der Bär gerufen und gebrüllt, als vermisse er den Trubel. Im Berliner Zoo ist der im Winter erwartete Nachwuchs ja ausgeblieben. Brüter waren schon warmgelaufen, Pfleger standen parat. „Handaufzucht ist immer eine Einzelfallentscheidung“, sagt Zoo-Chef Bernhard Blaszkiewitz. Auch in Zukunft. Nürnberg hat sich 1968 von der Handaufzucht verabschiedet.

Derweil hofft Nürnberg auf die mütterlichen Fähigkeiten von Vera. Wie es dem Medien- und Besucherrummel zufolge aussieht, könnte sich eine Knutmanie in anderer Ausprägung möglicherweise wiederholen. Allerdings, auch in einem weiteren Punkt wollen die Nürnberger anders handeln als die Berliner. „Knut ist viel zu sehr zu einer emotionalen Kuschelstory geworden“, sagt Zoo-Vize Mägdefrau. Nürnberg will seine Bären auch durch Marketing mehr zum Symbol des Arten- und Klimaschutzes machen. „Denn man darf nicht vergessen“, sagt Mägdefrau“, „und ich sag das mal so drastisch: Da draußen in der Arktis geht es den Tieren wegen der Erwärmung beschissen.“

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