Welt : Nur ab und zu ist ein Grollen zu hören

ANNE-BEATRICE CLASMANN (rtr)

GENF/ZINAL/MÜNCHEN .Erst war die Straße zu, und von den Hängen donnerten im Stundentakt die Lawinen herunter, dann fiel auch noch der Strom aus, später das Telefon.Die Bewohner der Schweizer Bergdörfer und ihre Feriengäste werden den Winter 1999 nicht so schnell vergessen.Gespenstische Ruhe liegt an diesem Dienstag über den eingeschneiten Tälern.Der Autoverkehr ist völlig zum Erliegen gekommen.Nur ab und zu hört man vom Berg her ein Grollen.

"Wir saßen mit den Kindern im Cafe, da ging plötzlich das Licht aus", berichtet eine deutsche Touristin im Walliser Skiort Zinal."Im Dunkeln sind wir nach Hause geschlichen und haben eine Kerze aufgestellt.Jetzt sitzen wir hier und frieren." Bisher sei niemand gekommen, um ihre Familie über mögliche Sicherheitsvorkehrungen oder Evakuierungspläne zu informieren.

Andere Gemeinden im Wallis, im Glarner Land und im Kanton Uri haben bereits seit Tagen keinen Strom mehr.Allein in Uri sind rund 2500 Menschen von der Außenwelt abgeschnitten."Die Einheimischen haben für solche Notfälle vorgesorgt, die Touristen aber nicht.Einige dürften schon sehr frieren", meint Karl Egli von der Kantonspolizei.Nach den großen Lawinenabgängen rund um die Ortschaft Bristen, die schon seit zwei Wochen nur per Hubschrauber erreichbar ist, haben seine Leute mit der Suche nach möglichen Todesopfern und Verletzten alle Hände voll zu tun.

"Wir hoffen, daß uns die Armee heute neue Lebensmittel bringen kann", meint Esther Schranz vom Tourismusbüro in Adelboden.Noch hätten in dem Skiort im Berner Oberland alle genug zu essen."Es gibt natürlich Menschen hier, die haben richtig Angst, aber die meisten Gäste nehmen es noch mit Humor, daß sie nicht wegkönnen", sagt Schranz.Was sie nicht verstehen kann: Einige Touristen halten das Lawinenchaos immer noch für ein spannendes Abenteuer."Manche reagieren auch erbost, so als hätten wir die Straße zum Spaß gesperrt." Dabei waren in den vergangenen Tagen rund um das Dorf mehrere riesige Lawinen heruntergedonnert.Die Helikopterflüge mußten wegen starker Schneefälle vorübergehend eingestellt werden.

Bei Lawinenabgängen haben Betroffene meist nur eine geringe Überlebenschance."Wenn man verschüttet worden ist, ist eigentlich alles zu spät", sagt Wilhelm Beeker von der Bayerischen Bergwacht.Schon nach 40 Minuten bestehe für die Opfer nur noch eine Überlebenschance von 30 Prozent.Wegen der großen Geschwindigkeit der plötzlich herabstürzenden Schneemassen nutze auch Davonlaufen nur wenig."Die Lawine ist in Sekundenschnelle da." Zum Schutz sollten Opfer ihr Gesicht mit den Händen verbergen und sich zusammenkauern.

Die Verbraucherzentrale in Düsseldorf weist darauf hin, daß bei Schneechaos und Lawinengefahr die Urlauber kostenlos von ihrer Reise zurücktreten können.Es spiele keine Rolle, ob es sich um eine Pauschal- oder um eine Individualreise handele.

40 Menschen bei Lawinenunglück verschüttet

Zahlreiche Tote in den Alpen / Tausende Urlauber sitzen fest

WIEN/MÜNCHEN (AFP).Lawinenunglücke in den Alpen kosten immer mehr Menschen das Leben.Bei einem Lawinenabgang im Westen Österreichs sind bis zu 40 Menschen verschüttet worden.Wie das österreichische Fernsehen berichtete, zerstörte die Lawine im Paznauntal drei bis vier Häuser.

Bei einem Lawinenunglück im österreichischen Skigebiet Sportgastein kam eine deutsche Urlauberin ums Leben.Die Lawine habe ein Appartementhaus mitgerissen, bestätigte die Polizei in Salzburg.

Im Schweizer Kanton Uri zerstörte eine Staublawine am Dienstag ein Bauernhaus.Der 42 Jahre alte Bewohner wurde vermißt.In Italien und Österreich kamen durch Lawinen drei Menschen ums Leben.Im Schweizer Evolene suchten die Rettungstrupps weiter nach acht Verschütteten.Den sieben französischen Urlaubern und einem Einheimischen wurden keine Überlebenschancen eingeräumt.In Bayern verschüttete eine Lawine eine Straße.In Frankreich lief die Suche nach fünf vermißten Wanderern weiter.Ein zunächst Vermißter meldete sich inzwischen per Handy.

In den Schweizer Alpen hat sich die Lage nach neuen Lawinenabgängen und Schneestürmen weiter verschärft."Die Gefahr ist immer noch sehr groß.Eine Besserung ist frühestens am Donnerstag zu erwarten", sagte Thomas Stucki vom Institut für Schnee- und Lawinenforschung in Davos.Seit 1951 habe die Schweiz nicht mehr einen derartigen Katastrophenwinter erlebt.

Wieviele Menschen in der Schweiz derzeit eingeschneit sind, kann niemand genau sagen.Die Hilfsmaßnahmen werden von den einzelnen Kantonen unabhängig organisiert werden.Landesweit sind inzwischen mehrere tausende Menschen evakuiert worden.In Österreich saßen weiterhin 30 000 Urlauber in ihren Quartieren fest.

Eine Lawine in der Nähe von Mittenwald in Oberbayern verschüttete eine Bundesstraße auf einer Länge von rund 300 Metern.Verletzte gab es nicht.

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