Welt : Nur bedingt abwehrbereit - bei einer Epidemie wären wir hilflos (Kommentar)

Alexander S. Kekulé

Die Mediziner haben ihre Arbeit gut gemacht. Bereits zwei Tage nach Einlieferung des ungewöhnlichen Falles im Klinikum Markendorf (Frankfurt/Oder) erkannten sie, dass die anfängliche Verdachtsdiagnose "Malaria" nicht stimmen konnte. Dann ging alles Schlag auf Schlag: Alarmierung des für Seuchenprävention zuständigen Robert-Koch-Institutes in Berlin, Verlegung mit einem Spezialhubschrauber ins Rudolph-Virchow-Klinikum, Benachrichtigung der unmittelbaren Kontaktpersonen. Das hätte auch der heldenhafte Virologe Dustin Hoffmann in dem Katastrophenfilm "Outbreak" nicht besser hinbekommen.

Die aktuelle Gefahr ist damit gebannt. Den angeblichen "Experten-Streit", ob sich die Seuche wie eine Grippewelle ausbreiten kann, gibt es nicht. Egal, ob es sich bei dem Berliner Patienten nun um Ebola, Lassa, Dengue oder Gelbfieber handelt, die Übertragung von Mensch zu Mensch ist bei diesen Auslösern des "hämorrhagischen Fiebers" ist so gut wie ausgeschlossen. Das Lassa-Virus wird hauptsächlich über den Urin einer westafrikanischen Mäuseart, Dengue und Gelbfieber über bestimmte Stechmücken übertragen, die bei uns nicht vorkommen.

Mit dem Schreckensvirus Ebola kann man sich nur bei sehr engem Kontakt infizieren. Die berüchtigte Epidemie, die 1995 in Zaire 245 Tote forderte, war in einem Krankenhaus ausgebrochen. Blut hustende, aus allen Körperöffnungen nässende, schwerkrankte Patienten steckten ihre Zimmernachbarn, Angehörigen und das Pflegepersonal an. Selbst unter afrikanischen Hygienebedingungen blieb die Seuche jedoch immer auf einzelne Dörfer begrenzt.

Also kein Grund zur Sorge, weil unsere High-Tech-Medizin alles im Griff hat? Mitnichten. Die klugen Worte der Experten, die orangefarbenen Schutzanzüge, die mit Unterdruck belüfteten Isolierbetten und der meterhohe Metallzaun im Virchow-Klinikum dürfen uns nicht darüber hinwegtäuschen, dass es auch eine gehörige Portion Glück war, die uns einmal wieder vor der Horrorvision einer tödlichen Epidemie bewahrt hat.

Unter den Wildtieren Afrikas, Südamerikas und Asiens gibt es nach seriösen Schätzungen einige tausend bisher unbekannter Viren, die bei der Übertragung auf den Menschen sehr wohl gefährlich werden können. Durch die weiterhin zunehmenden Fernreisen ist damit zu rechnen, dass immer mehr dieser exotischen Krankheitserreger bei uns eingeschleppt werden. Auch das Aids-Virus wurde vermutlich in den 40er Jahren bei der Jagd von afrikanischen Schimpansen auf einen Menschen übertragen, - und heute sind weltweit über 30 Millionen infiziert.

Wenn ein eingeschlepptes Virus (im Gegensatz zu Ebola) wie Grippe oder Windpocken durch die Luft übertragen wird, ist es mit der Exklusiv-Behandlung eines einzigen Patienten im eigens geräumten Hochsicherheitstrakt nicht mehr getan. Auch das zweite Spezialbett, das im Virchow-Klinikum zur Verfügungen steht, dürfte dann schnell belegt sein. Insgesamt könnten in Deutschland, optimales Flugwetter vorausgesetzt, nur etwa zwei Dutzend hochinfektiöse Patienten in Spezialabteilungen untergebracht werden. Insbesondere in den neuen Bundesländern besteht hier also ein dringender Handlungsbedarf.

Ein weiterer Engpass besteht bei den diagnostischen Testen. Selbst das für solche Fälle vorbereitete Virchow-Klinikum musste die Blutprobe zur Untersuchung per Bahn erst noch an das Hamburger Tropeninstitut schicken, da bundesweit nur eine Handvoll Sicherheitslabore der Stufe 4 ("HotZone") existiert. Im Falle einer echten Epidemie wären die Kapazitätengrenzen für die Testung sehr schnell überschritten, die für die Eindämmung der Ausbreitung entscheidende, rechtzeitige Trennung von Gesunden und Kranken auch unmöglich.

Im Gegensatz zu den Vereinigten Staaten, die ihre Kapazitäten zur Behandlung hochinfektiöser Erkrankungen in den vergangenen Jahren systematisch ausgebaut haben, stünden wir hierzulande einem Angriff durch wirklich gefährliche Mikroben relativ wehrlos gegenüber. Der Gefahr durch importierte Epidemien kann nur durch gut vorbereitete Alarmpläne begegnet werden, die für den Ernstfall realistische Behandlungs- und Diagnostikkapazitäten vorsehen.Der Autor ist Direktor des Instituts für Medizinische Mikrobiologie an der Medizinischen Fakultät der Martin-Luther-Universität in Halle-Wittenberg

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