Nur geduldet : Wie Gefängnis im Kopf

Die Behörde nennt die Geduldeten intern abschätzig gern „Mufl“ Arash lebt seit neun Jahren in Brandenburg. Sein Status: geduldet. Er darf er nicht zu Freunden nach Berlin.

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Krisensitzung. Yousef, Khaled, Violetta, Marina, Mohammed, Arash (v. l. n. r.) treffen sich regelmäßig im Betreuungszentrum für junge Flüchtlinge in Moabit. Weil Arash als Geduldeter der Residenzpflicht unterliegt, macht er sich bei diesen Treffen strafbar. Doch um seine Freunde zu treffen, nimmt er das in Kauf. Foto: David von Becker
Krisensitzung. Yousef, Khaled, Violetta, Marina, Mohammed, Arash (v. l. n. r.) treffen sich regelmäßig im Betreuungszentrum für...

Arash ist schwer zu durchschauen. Er ist einer, der viel mit anderen lacht und Witze reißt. Einer, der nur zögerlich von sich erzählt und auch nur, wenn er gefragt wird. Dann aber blitzen seine durchdringenden Augen und eine Mischung aus Coolness, Wut und Resignation liegt in seiner Stimme.

Der Inhalt von Arashs Erzählung, der eigentlich anders heißt, klingt nach zu viel Erfahrung für das Leben eines 25-Jährigen. Den „Egal-Punkt“ habe er schon oft erreicht. Nach neun Jahren als Asylbewerber in Deutschland hat er im Januar eine Duldung erhalten. Damit kann der Afghane jederzeit abgeschoben werden. „In der Hoffnung, dass alles besser wird, wurde alles schlimmer“, sagt Arash, der mit 16 Jahren ohne seine Eltern nach Deutschland geflüchtet ist. Wo sie heute leben, weiß er nicht.

Mit seinen Freunden von der Berliner Gruppe „Jugendliche ohne Grenzen“ (JOG), einer bundesweiten Initiative junger Flüchtlinge, trifft er sich in der Turmstraße in Moabit. Im Beratungs- und Betreuungszentrum für junge Flüchtlinge (BBZ) sitzen sie regelmäßig in einem kahlen Raum an klinisch weißen Bürotischen beisammen, um zu diskutieren und einfach nur mal ungefiltert ihren Frust über ihr ständiges Leben auf gepackten Koffern abzulassen.

Kinder und Jugendliche, die wie Arash die Flucht nach Deutschland schaffen, stammen meist aus Vietnam, Afghanistan, Irak, Guinea und Äthiopien. In den Ausländerbehörden werden sie intern gerne „Mufl“ genannt, eine abschätzig klingende Abkürzung für „minderjährige unbegleitete Flüchtlinge“. Laut deutschem Ausländerrecht gelten sie schon mit 16 Jahren als erwachsen – und damit „verfahrensfähig“. Deshalb werden sie meist mit Erwachsenen in Asylbewerberheimen untergebracht. Neben Portugal und Schweden ist Deutschland der einzige EU-Staat, in dem Flüchtlinge in diesem Alter nicht in Jugendheimen oder Pflegefamilien leben dürfen. Ein Missstand, den die EU rügt, weil Deutschland damit die Kinderrechtskonvention der Vereinten Nationen missachtet.

Auch Arash lebte jahrelang in einem Asylbewerberheim in Brandenburg. Heute wohnt er nur ein paar Meter weiter, in einer kleinen Einzimmerwohnung. Vor zwei Jahren wurde sein Antrag auf ein Bleiberecht abgelehnt. Ein Widerrufungsverfahren folgte. Im Januar erhielt er dann den Duldungsstatus.

Wie fühlt es sich an, wenn das Zuhause niemals ein wirkliches Zuhause ist? Arashs Freunde Violetta, Khaled, Yousef, Marina und Mohammed erzählen traurige Geschichten davon. Um sich in der Gruppe zu organisieren, vernetzen sie sich über das Internet. Denn sich im realen Leben zu treffen, ist den meisten von ihnen nur schwer möglich, weil sie als Asylbewerber und Geduldete der sogenannten Residenzpflicht unterliegen: Ohne eine Genehmigung der Ausländerbehörde dürfen sie ihren zugewiesenen Landkreis nicht verlassen. „Und die ist schwer zu bekommen“, sagt Arash, „das ist wie ein Gefängnis im Kopf.“ Er weiß, dass er sich heute mit seiner Fahrt von Brandenburg nach Berlin strafbar gemacht hat. So wie die 40 Prozent der Asylbewerber, die 2008 bei solchen Ausfahrten erwischt wurden und einen entsprechenden Vermerk in ihren Akten bekamen. Doch um seine Freunde zu treffen, nimmt er das in Kauf.

In Berlin und Brandenburg sind etwa 11 000 Menschen von der Residenzregelung betroffen. Wie viele davon minderjährig sind, ist unklar, weil längst nicht alle Behörden genaue Zahlen darüber führen. Flüchtlingsorganisationen schätzen, dass derzeit mehr als 3000 minderjährige Flüchtlinge in Deutschland leben. Ihre Geschichten sind unterschiedlich, doch ihre Gefühle und ihre Einstellung zum Leben ähneln sich. Es ist eines voller Sonderregelungen und Geheimnisse: „Wer geduldet ist, lebt ein isoliertes Leben, das irgendwann im Stillstand mündet“, sagt Mohammed. Während Freunde über Klassenfahrten, Auslandssemester und Praktika redeten, sei er selbst dazu verdammt, zu Hause herumzusitzen. Was viele nicht wissen: Geduldete und Asylbewerber dürfen keine Ausbildung machen, egal wie gut ihre Leistungen in der Schule waren. Zudem haben sie keine Schulpflicht, sondern nur ein Schulrecht, das bis zur 9. Klasse gilt. Was danach passiert, habe mit Glück zu tun, sagt Yousef. „Außenseiter zu werden, ist inklusive. Um nicht aufzufallen erfindest du in der Klasse so lange Geschichten, bis dein Status auffliegt.“

Marina, 26, die im Alter von zwei Jahren mit ihrer Mutter und den beiden Geschwistern aus Serbien kam, lebte 20 Jahre als Geduldete in Deutschland. Naiv habe sie nach dem Realschulabschluss gehofft, den gefundenen Ausbildungsplatz antreten zu dürfen. „Aber nichts da. Ich saß zu Hause und habe gewartet.“ Erst mit dem Aufenthaltsrecht habe ihr Leben angefangen. 22 war sie da.

Yousef hat es nach dem Realschulabschluss insgesamt drei Mal mit einer Zusage für einen Ausbildungsplatz bei der Ausländerbehörde versucht. „Drei Mal hieß es: Nein.“ Der 19-Jährige ist vor sieben Jahren mit seiner Mutter und einer Schwester aus dem Libanon nach Deutschland gekommen. Als Geduldete leben sie zusammen in einem Zimmer in einem Asylbewerberheim. Jetzt sei ihm ein Kurs zur Pflegeassistenz bewilligt worden. Damit hofft Yousef, einen Aufenthalt und damit einen Ausbildungsplatz zum Pfleger antreten zu können, auch wenn er lieber Restaurantfachmann werden würde. „Doch als Geduldeter hast du keine Wahl. Da nimmst du, was du kriegen kannst, um bleiben zu dürfen“, sagt Violetta.

Der Aufenthalt der Serbin, die seit 1995 in Deutschland lebt, ist seit einem Jahr gesichert. Nicht aber der ihrer Eltern. „Es ist absurd: Dein Aufenthalt ist an einen Arbeitsplatz gebunden – als Zeichen der Integrationswilligkeit. Doch wie soll man sich integrieren, wenn der Zugang fehlt und dir Steine in den Weg gelegt werden? Rutsch da mal nicht auf die schiefe Bahn ab.“

Mohammed und Khaled, beide 22, haben bekommen, was viele aus der Gruppe sich wünschen. Khaled, der vor zehn Jahren mit seinen Eltern aus Syrien geflüchtet war, und Mohammed, der vor elf Jahren aus dem Libanon kam, haben seit 2006 ein sogenanntes Bleiberecht auf Probe. „Bei uns haben die Beamten der Ausländerbehörde ein Auge zugedrückt und uns den Aufenthalt noch vor unseren Eltern bewilligt, damit wir nach dem Abitur unsere Ausbildung zum Krankenpfleger beginnen können.“ Gerade büffeln beide für die Abschlussprüfung.

Neid über das Glück der anderen gibt es nicht in der Gruppe. Nur Freude darüber, dass wenigstens ein paar es geschafft hätten, sagt Arash. „Wütend ist man über die Willkür der Behörden. Demokratie herrscht eben nicht für Geduldete.“ Auch er habe einmal sein Abi machen wollen, doch dann war er wieder an einem „Egal-Punkt“ angelagt und zum Reden habe er niemanden gehabt. „In der 12. Klasse erschien es mir die bessere Alternative, die Schule zu schmeißen, als immer wieder zu erfahren, dass die Träume eines jungen Menschen als Asylbewerber oder Geduldeter nicht zählen. Ich dachte: Dann lieber gar nicht mehr träumen.“

„Hier geblieben“, titelt seit 2005 die Kampagne des gleichnamigen Aktionsbündnisses. Damit wollen Gewerkschaften, Flüchtlingsverbände und Nichtregierungsorganisationen auf die Notwendigkeit des Bleiberechts und die vollständige Anerkennung der Uno-Kinderrechte aufmerksam machen. Die „Jugendlichen ohne Grenzen“, die dem Bündnis angehören, wollen sich gegenseitig stärken. Sich unterstützen. Es sei wichtig zu wissen, dass man nicht alleine ist, sagt Marina. „Wir kennen das Gefühl der Ausgrenzung und das Leben mit der Angst, ganz plötzlich abgeschoben werden zu können. Vielen ist es passiert.“ Doch sie alle seien als Kinder nach Deutschland gekommen – heute ihre Heimat und für die meisten die einzige, die sie kennen. Deshalb fragt sich Marina: „Haben wir nicht auch das Recht, hier zu leben?“

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