Welt : Nur knapp entgeht Anand einer Niederlage gegen Leko

Martin Breutigam

Luis Rentero verabscheut Kurzremisen. Der Chef des traditionsreichen Schachturniers in der spanischen Stadt Linares will echte Kämpfe sehen, das bekam in der Vergangenheit schon mancher Großmeister zu spüren: Wer allzu friedfertig die Holzfiguren bewegte, dem wurde von Rentero kurzerhand die Gage gekürzt. In diesem Jahr sind fünf der sechs weltbesten Spieler sowie der amtierende Champion gekommen, weshalb es, so Rentero, auf den Schachbrettern zugehen solle "wie bei den Gladiatorenkämpfen - jeden Tag fließt Blut." Weniger martialisch, aber durchaus engagiert gaben sich bislang die Topspieler. Dennoch endeten 13 der 18 Partien unentschieden. Und schon vier Runden vor Ende dieses inoffiziellen WM-Turniers zeichnet sich ein Zweikampf zwischen Garri Kasparow und Wladimir Kramnik ab. Die beiden russischen Großmeister haben sich mit jeweils zwei Siegen und vier Unentschieden bereits von der Konkurrenz abgesetzt.

Erstaunlich gut hält sich Fide-Weltmeister Alexander Chalifman, dem wegen seiner bescheidenen Position 31 in der Weltrangliste ein schwerer Stand prognostiziert worden war. Der 34-jährige Petersburger verlor nur gegen Kramnik und schaffte fünfmal ein Remis. Enttäuschend agierte der Weltranglistenzweite Viswanathan Anand. Nach zwei klaren Niederlagen mit den weißen Steinen (gegen Shirow und Kasparow) droht dem derzeit Letzten ein Imageverlust, der die Suche nach Sponsoren für Anands auf den Herbst dieses Jahres verlegten Titelkampf gegen Kasparow nicht erleichtern dürfte. Dabei hatte der Inder vor dem Turnier große Taten angekündigt. Er fühle sich mittlerweile stark genug, Kasparow zu verdrängen. Doch auch in der sechsten Runde kam Anandals Weißer gegen den Ungarn Peter Leko in Bedrängnis. Nach spektakulärem Partieverlauf konnte er sich erst per Damenopfer in ein ewiges Schach retten.

Es war eine fürs moderne Schach typische Partie, in der beide Seiten bis zum 15. Zug einem altbekannten Theoriepfad folgten; erst danach wich Leko von den Vorgängerpartien ab. Wie gut seine computerunterstützte Vorbereitung war, offenbarte noch etliche Züge später der Bedenkzeitverbrauch. Mitunter hatte Leko über eine Stunde Vorsprung auf der Schachuhr. Dennoch sei die Eröffnung, zumal sein enges Repertoire, noch eine der wenigen Schwächen des hochgewachsenen Ungarn, meint sein Manager Carsten Hensel. Doch solange der seit Monaten unbesiegte Leko so sicher auftrete wie zuletzt, könne man dieses Studium vernachlässigen.

V. Anand - P. Leko (Linares 2000): 1.d4 (Schon der erste Zug ist eine Überraschung. "Bisher hat Vishy gegen Peter meistens mit 1.e4 begonnen", sagte Lekos Sekundant, Großmeister Amador Rodriguez. Diesmal will Anand - ebenso wie Kasparow eine Runde zuvor - Lekos geliebte grünfeldindische Verteidigung testen.) 1...Sf6 2.Sf3 g6 3.c4 Lg7 4.Sc3 d5 5.cxd5 Sxd5 6.e4 Sxc3 7.bxc3 c5 8.Tb1 0-0 9.Le2 cxd4 10.cxd4 Da5+ 11.Ld2 Dxa2 12.0-0 Sd7 13.Te1 Sb6 14.Ta1 Db2 15.h3 f5 (Bisher verlief alles in bekannten Bahnen. Weiß hat einen Bauern geopfert, er verfügt jedoch über ein mächtiges Zentrum und kann Druck auf die Bauern am Damenflügel ausüben. Der Zug 15...f5 ist neu. "Er haucht der schwarzen Stellung neues Leben ein", meinte Leko. Neben den Perspektiven am Königsflügel gehe es auch um die Kontrolle des Feldes d5.) 16.Tb1 Da2 17.Dc1 Kh8 (Wohl zuviel Druck müsste Schwarz nach 17...fxe4? 18.Txb6! Df7 - nicht 18...axb6?? 19.Lc4+ - 19.Tb3 exf3 20.Txf3 aushalten.) 18.Ta1 Dg8 19.La5 fxe4 20.Lxb6 exf3 21.Lxf3 Lxh3! 22.Txa7 Lxg2! 23.Kxg2 (Oder 23.Lxg2 Txa7 24.Lxa7 Da2, mit Doppelangriff gegen a7 und f2; z.B. 25.Lb6 Dxf2+ 26.Kh1 Lh6!, und der Läufer kann plötzlich am Angriff teilnehmen, da 27.Dxh6? Dxe1+ 28.Kh2 an 28...Tf5! nebst ...Th5+ scheitern würde.) 23...Db3 24.Dd1! (Trotz knapper Bedenkzeit fand Anand diesen, laut Leko, "einzig rettenden Zug".) 24...Dxb6 25.Txb7 Df6 26.Texe7 Ta1 27.Txg7! (Anands Pointe - ein Damenopfer! Verloren hätten 27.De2?? Dh4 bzw. 27.Dxa1?? Dxf3+) 27...Txd1 28.Txh7+ Kg8 29.Ld5+! Tf7 30.Tbxf7 Dg5+ 31.Kh3! Dxd5 32.Thg7+ remis.

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