Welt : Nur mit Gottvertrauen

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Von Paul Kreiner, Wien

Was ihnen die katholische Kirche versagt, das wollen sich Frauen aus Deutschland und Österreich nun selbst verschaffen: Sie lassen sich zu Priesterinnen weihen. Die Kirche sagt: „Sektenschwindel!“, aber auch Papstkritiker distanzieren sich.

Die Sache gleicht einem hochgeheimen Kommandounternehmen. Bekannt ist lediglich, dass die Weihe am Samstag stattfindet und dass eine „Eintrittskarte“ für konspirative Gäste 100 Euro kostet; wo das alles sein wird, darüber lassen die Frauen „aus Sicherheitsgründen“ rätseln. Den Journalisten wollen sie sich nach dem Gottesdienst „eine halbe Autostunde westlich von Linz“ vorstellen – das nährt Spekulationen, ein Donauschiff könnte Ort der Handlung sein.

Offen bleibt bis zuletzt auch, wie viele Frauen auf diese Weise an den Grundfesten der katholischen Kirche rütteln. Zwölf sollen es nach ihrem dreijährigen, selbst organisierten Ausbildungskurs gewesen sein, die öffentliche Diskussion aber hat manche zurückzucken lassen: Angeblich stehen jetzt neun Kandidatinnen auf der Liste, darunter sind mindestens zwei promovierte Theologinnen. Sie lehnen sich dagegen auf, dass die römisch-katholische Kirche nur Männer zum Priesteramt zulässt. Sie sprechen von Diskriminierung, vom Verstoß gegen Menschenrechte, von einer bibelwidrigen Irrlehre. Sie vertrauen nicht darauf, dass ein zukünftiger Papst die dogmatische Festlegung Johannes Pauls II. zurücknimmt und Frauen an den Altar lässt: „Wir wollen ganz einfach jetzt etwas bewegen und nicht noch länger warten.“ So sagt es Christine Mayr-Lumetzberger, treibende Kraft und Sprecherin für die österreichischen Weihekandidatinnen.

Fragwürdiges Spektakel

Eine frömmelnde Sprache ist der 46jährigen Hauptschullehrerin und früheren Benediktinernonne aus Linz fremd; von ihrem Ehemann hat sie das Prädikat „Mann der Tat“ erhalten. In ihrem Haus hat Lumetzberger eine Privatkapelle eingerichtet; die priesterliche Gewänder zur Weihe gestaltet sie selbst. Schon einmal haben strenge kirchliche Regeln sie aus dem gewünschten Beruf vertrieben: Weil sie mit einem geschiedenen Mann verheiratet ist, darf sie keinen Religionsunterricht geben. Anfragen, sagt sie, gebe es zuhauf. Und im ländlichen, nicht gerade kirchenrebellischen Oberösterreich, wo die Gläubigen den Priestermangel inzwischen auch spüren, schlägt ihr durchaus Sympathie entgegen. Auf die Frage „Will denn der Herrgott so was?“ hat Lumetzberger nur fröhlich lachend geantwortet: „Aber natürlich!“ Doch nicht nur offizielle Kirchenvertreter, sondern auch die Plattform des österreichischen Kirchenvolksbegehrens, die katholische Frauenbewegung und - in Deutschland - die „Initiative Kirche von unten“, sprechen sich gegen die Priesterinnenweihe aus.

Gerade in den letzten Wochen haben die engagierten Frauen einige Freunde verloren; die Bewegung, die sie tragen könnte, ist klein geworden. Es begann damit, dass die Gruppe trotz früherer Ankündigungen offenbar keinen regulären römisch-katholischen Bischof finden konnte, der die Weihe hätte spenden können. Jetzt wird das ein gewisser Romulo Braschi tun, ein Argentinier, dessen Reputation nicht die beste ist. Er nennt sich „Erzbischof“ einer „Katholisch-apostolischen Charismatischen Kirche Jesu König“ mit Zuständigkeit für die „Diözesen München, Zürich, Buenos Aires und San Salvador de Bahia". Er ist als Lebensberater und „Heiler“ tätig; in der Schweiz hat man ihn auf Esoterik-Messen angetroffen. Die römisch-katholische Erzdiözese München, die offenbar Braschis Angaben nicht widerlegen kann, dass er tatsächlich geweihter Bischof sei, behauptet, er sei exkommuniziert. Wegen Zweifel an der Seriosität Braschis hat sich die „Initiative Kirche von unten“ von der Frauenweihe abgewandt.

Braschi hat zudem die Ungeschicklichkeit begangen, einen bei Lumetzberger lebenden früheren Benediktiner nebenbei zum Bischof zu weihen. Damit aber ist laut katholischem Recht der Tatbestand der Kirchenspaltung erfüllt; Braschi hat sich und die von ihm geweihten „Schismatiker“ angreifbar gemacht - und nicht nur das: Sie sind mit ihm praktisch aus der Kirche ausgeschlossen. Die Duldung als „Schulversuch“, den Lehrerin Lumetzberger von der Kirche für das Projekt erhoffte, ist damit vom Tisch.

Einen „grundsätzlichen Bruch mit der Kirche“ werfen denn auch die österreichischen Bischöfe den Frauen vor. Selbst wohlmeinende Theologen sagen, mit der Weihe würden freikirchlich-protestantische Verfahrensweisen – wer mit seiner Kirche nicht zufrieden ist, gründet eben eine neue - in die katholische Kirche eingeschleppt; das könne nicht gut gehen. Sogar Bewegungen, die eine volle Gleichberechtigung der Frau bis hin zu den Weiheämtern verlangen, sind von den Priesterinnen abgerückt. Sie nennen die Weihe „taktisch unklug“, einen „Rückschlag für die Sache der Frauen“ oder gar „Blödsinn“. Von einer „illegalen Aktion“ und einer „Anmaßung“ spricht die österreichische Plattform „Wir sind Kirche“, die 1995 ein mit 500 000 Unterschriften höchst populäres Volksbegehren gegen den Kurs des Vatikans lanciert hat: „Wir wollen die fatale Weichenstellung des Zuges im Interesse aller Fahrgäste geändert haben, aber von denen, die die Weichen zu stellen haben. Wenn wir aus dem Zug springen und selber in die Weichen greifen, wird uns der Zug überrollen - aber trotzdem weiterfahren, zum Schaden aller, die drinnen sitzen."

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