Welt : "Nur Pillen nehmen - das geht nicht"

FRANKFURT (MAIN) (AFP).Pillen gegen Impotenz, Glatzen und Fett liegen im Trend.Gegen jedes angebliche Übel - so scheint es - gibt es heutzutage ein Mittelchen.Doch der Sinn und die Wirkung mancher "Wunderpille" ist umstritten.Das Mittel Xenical etwa, das jüngst in der Europäischen Union als Medikament für Menschen mit hoher Fettleibigkeit zugelassen wurde und bald auch auf den deutschen Markt kommen könnte, ist nach Ansicht der Deutschen Gesellschaft für Ernährung (DGE) in Frankfurt am Main keineswegs die Traumpille zum Abnehmen.Auch Ulrike Gonder vom Europäischen Institut für Lebensmittel- und Ernährungswissenschaften in Hochheim dämpft allzu große Erwartungen: "Einen Hamburger mehr futtern, die Pille nehmen und abspecken - das funktioniert nicht."

Niemand werde innerhalb eines Jahres von 150 auf 75 Kilogramm abnehmen.Stattdessen würden vermutlich viele der Illusion erliegen, sie könnten weiteressen und trotzdem dünner werden.Gonder sieht darin auch nicht nur ein gesundheitliches, sondern auch gesellschaftliches Phänomen: "Wir leben in einer Zeit, wo die Menschen denken, sie brauchten nur eine Pille einzunehmen und dann regelt sich alles." Ähnliches versprechen sich vermutlich auch Raucher, die gezielt die Vitamine A, C und E schlucken.Untersuchungen zufolge sollen sie gegen sogenannte freie Radikale schützen, die Zellen angreifen und Krebs auslösen können.Allerdings sind Vitaminsäfte oder -pillen kein Ersatz für gesunde Ernährung oder gar ein Allheilmittel gegen die schädlichen Folgen des Rauchens.

In einer Gesellschaft, in der der Erfolgsmensch "dynamisch" und "fit" sein muß, gibt es auch einen großen Markt für Pillen, Tees und Pülverchen zum Abnehmen.Laut DGE leidet immerhin jeder dritte Erwachsene an Übergewicht und damit häufig auch an Bluthochdruck, Diabetes oder Gicht.Diäten bringen bei vielen Dicken aber kaum einen Erfolg; der Betroffene nimmt anschließend wegen des Yoyo-Effekts oft wieder zu.Sein Übergewicht verliert langfristig nur derjenige, der sich mehr bewegt und seine Eßgewohnheiten auf mehr Obst, Gemüse, Vollkornprodukte und weniger Fette umstellt.Eine Anti-Fett-Pille mache daher auf Dauer keinen Sinn, betont DGE-Präsident Günther Wolfram: "Wer ein anderes Eßverhalten lernt und beibehalten kann, braucht eigentlich kein solches Mittel."

Mittel gegen Fettleibigkeit, die Potenzpille Viagra oder Pillen gegen männlichen Haarausfall, die im kommenden Jahr auf den Markt kommen sollen, haben vor allem eine Wirkung: Sie spülen viel Geld in die Kassen der Pharmaunternehmen."Kollektivneurosen werden durch die Arzneimittelindustrie ausgeschlachtet", sagt Ellis Huber, Präsident der Berliner Ärztekammer.Jeder Patient sollte selbst entscheiden, ob er seine Bedürfnisse aus eigener Tasche finanziert.Die Krankenversicherung sollte nur den allgemeinen medizinischen Bedarf abdecken.Die eigene Unvernunft könne nicht mit kassenfinanzierten Tabletten bekämpft werden, sagt Huber.Sonst müßte jeder Jogger, der etwas für seine Gesundheit tut, auch Turnschuhe auf Krankenschein erhalten.

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