Welt : Nur wenige Atemzüge

Giftiger Rauch tötet schnell – Schlafende haben bei Bränden kaum eine Chance

Gideon Heimann

Über die Ursache des Brandes im Nachtzug D 261 wird immer noch gerätselt. Mit großer Wahrscheinlichkeit steht fest, dass das Feuer von einem Dienstabteil am Anfang des Wagens ausgegangen ist. Der erste Verdacht, die Heizanlage könnte den Schaden nach einem elektrischen Defekt ausgelöst haben, schied bald aus. Aber die Vermutung bleibt, ein Kurzschluss sei der Auslöser gewesen – etwa an einem Warmwasserboiler für Heißgetränke.

Das Feuer griff auf benachbarte Schlafabteile über, obschon die Materialien, die dort verwendet werden, schwer entflammbar sein müssen. Auch der Holzfußboden – mit dem auch heute noch neue Schlafwagen ausgestattet werden – ist entsprechend imprägniert, betonte Bahn-Sprecherin Christine Geißler-Schild. Die Eigenschaft „schwer entflammbar“ bedeutet allerdings nicht, dass diese Materialien nicht brennen, sagt Wolfgang Rovenhagen von der Berliner Feuerwehr. Solange solche Stoffe von einer Flamme erfasst werden, brennen auch sie, erst wenn sich das Feuer zurückzieht, müssen sie von selbst verlöschen.

Problematisch sind bei Bränden immer die giftigen Dämpfe, vor allem dann, wenn Kunststoffe verbrennen. Womit nun dieser Wagen ausgestattet war, ist noch nicht im Detail bekannt. Allerdings gibt es Stoffe, die auch im Haushalt erhebliche Gefahren hervorrufen können. Aufgeschäumtes Polyurethan etwa, für Matratzen gern eingesetzt, kann sich im Brandfall zu Blausäuregas umsetzen und dieses wiederum gehört zu den giftigsten Gasen überhaupt.

Wie Rovenhagen erläuterte, sterben die Opfer von Bränden generell sehr schnell an den Rauchgasen, Schlafende merken es gar nicht: „Nach acht bis zehn Atemzügen ist man bewusstlos, nach weiteren zehn bis 15 Atemzügen tritt der Tod ein.“

Der betroffene Schlafwagen gehört zu einer Reihe von 15 älteren Fahrzeugen, er wurde von der damaligen Bundesbahn 1964 in Dienst gestellt. Insgesamt betreibt die Deutsche Bahn rund 100 solcher Wagen unterschiedlichen Alters. Zwar werden kontinuierlich neue Waggons beschafft, doch lohnt sich bei älteren Fahrzeugen meist auch eine Komplettsanierung.

Dieser Wagen wurde 1999 modernisiert und während der letzten großen Revision im Juni 2001 völlig zerlegt. Die jüngste technische Prüfung fand am 4. November statt. Solche Fahrzeuge entsprechen den Standards der Vereinigung europäischer Eisenbahnen – in denen Rauchmelder nicht vorgeschrieben sind, lediglich Feuerlöscher. Jedem Schlafwagen ist ein Bahnbediensteter die ganze Nacht zugeteilt.

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