Obdachlose in Russland : Ohne Heimat

Ein einsames Holzhaus irgendwo in Russland – Zuflucht von Menschen ohne jede Zukunft. Ein Fotograf dokumentiert ihr bizarres Ringen um etwas Glück.

Kirsten Küppers
„Come bury me“ nannte der Fotograf die Serie über Obdachlose.
„Come bury me“ nannte der Fotograf die Serie über Obdachlose.Foto: Andrej Krementschouk/Kehrer Verlag

Die ehemalige Leistungsturnerin packte ihn am Ärmel und zog ihn in den Trolleybus. Sie hatten zwei Flaschen Wodka dabei, Brot und Wurst, es war Winter irgendwo in einer russischen Stadt, die Straßen waren vereist. Der Fotograf hatte die ehemalige Leistungsturnerin unten am Bahnhof bei den Trinkern getroffen.

Die kleine Frau Mitte 40 war ihm unter den kaputten Gestalten sofort aufgefallen – weil sie sich so aufrecht hielt, so gerade. Zuerst hatte sie ihn nach einer Flasche Bier gefragt, dann erzählt, sie sei dreifache Olympiasiegerin. Zum Beweis wollte sie ihm nun ihre Medaillen zeigen, die Zeitungsartikel. Deswegen hatte sie ihn in den Bus gezogen. Der Fotograf war einfach mitgegangen.

Und als sie jetzt ausstiegen, durch den Schnee stapften und an dem alten baufälligen Holzhaus anlangten, da fiel schon eine Ahnung auf den Fotografen Andrej Krementschouk, eine Idee davon, dass dieser Abend noch eine besondere Wendung nehmen könnte. Da hatte Krementschouk die Hunde, Ratten und Kakerlaken im Inneren des Hauses noch gar nicht gesehen, die absonderliche Gruppe von Menschen, die hier hauste, zwischen schief gesessenen Möbeln und vergessenen Weihnachtsgirlanden vom vergangenen Jahr.

Foto: Andrej Krementschouk/Kehrer Verlag

Vielleicht braucht es einen wie Andrej Krementschouk. Einen großen, schweren Kerl, 37 Jahre alt, mit hellen Augen und weichem Kinn. Einen Russen aus der Gegend von Nischni Nowgorod, der sich schon mit einer Menge Jobs durchs Leben geschlagen hat: Eine Zeit lang hat Krementschouk Ikonen restauriert, er hat als Juwelier protzige Klunker für Kriminelle gefertigt, er hat in einer Band gesungen, Ethnologie, Slawistik und Kunstpädagogik studiert, als Chorleiter gearbeitet. Seit zwölf Jahren lebt er als Fotograf in Deutschland, ist Mitglied der renommierten Fotoagentur Ostkreuz.

Auch wenn er gerade mit ein paar Pappkartons ein schmales Dachzimmer in Leipzig bezogen hat, ist Andrej Krementschouk einer geblieben, der immer auf der Suche ist nach einem Zuhause. Wahrscheinlich weil er als Junge nie besonders glücklich war, meint er. Bis heute verstehe er sich schlecht mit seinen Eltern. Irgendwie ist das zu seinem Dauermotiv geworden: Krementschouk macht Fotos, die stets das Thema Heimat behandeln und gleichzeitig die Heimatlosigkeit.

Andrej Krementschouks preisgekrönter erster Fotoband „No direction home“, 2009 im Kehrer Verlag erschienen, trug den Abschied vom Zuhause schon im Titel. Die Fotos zeigen das Russland, das längst verschwindet: die alten Mütterchen in den geblümten Kittelschürzen, die Pferdekutschen, fleckige Äpfel auf einem Radioapparat. Es ist das Landleben seiner Kindheit, sagt Krementschouk. Den Resten dieser verlorenen Welt begegnet Krementschouk nur noch, wenn er nach Russland fährt, weil wieder eine Beerdigung in der Verwandtschaft ansteht.

Bei einer seiner zurückliegenden Russlandreisen ist Andrej Krementschouk dann auch auf dem Bahnhof der Provinzstadt gelandet, deren Namen er nicht verraten will. Weil die Lage überall im Land die gleiche sei, wie er meint. Es trifft sich jedenfalls gut, dass ausgerechnet Krementschouk dort abends von einer verwahrlosten Olympiaturnerin zu jener schmutzigen Hütte geschleppt wird. Wenige andere würden wohl erkennen, wie viel Wärme in einer solchen Bruchbude am Stadtrand stecken kann, wie viel Trost in einer Plastikflasche voll gepanschter Chemikalien, wie viel Selbsterhaltungstrieb in einer waghalsigen Geschichte über das eigene Leben.

Foto: Andrej Krementschouk/Kehrer Verlag

Im Inneren des Hauses jedenfalls findet Andrej Krementschouk eine kleine Versammlung Obdachloser, die abseits der Gleichgültigkeit der Stadt ein familienähnliches Dasein teilt. Es sind angeschlagene Typen ohne große Zukunft. Sie halten zusammen, und doch bleibt jeder auf seine eigene Art allein.

Der Fotograf Krementschouk wird in dieser Gesellschaft empfangen wie Besuch auf einem Kindergeburtstag. Eine Frau bläst Seifenblasen, ein alter Mann sitzt in der Ecke und kichert, das Fest beginnt. Sie trinken, sie reden, sie rauchen. Schnell stellt sich heraus: Jeder in dieser Hütte ist der gefallene Held eines besonderen Universums. Da gibt es den Veteranen der Sowjetarmee, der im Vietnamkrieg mit bloßen Händen Atomwaffen entschärft haben will. Dann den Vater, der aus Afghanistan heimgekehrt ist. Die unheilbar Kranke, die wie ein Haustier im Schrank wohnt und sich nur von Wodka oder Kefir ernährt. Oder eben die Olympiaturnerin. Roh sind ihre Geschichten, gleichzeitig voller bestechender Details.

Aber was wahr ist und was falsch, ist längst nicht mehr wichtig. Der Abend geht weiter, die Hunde bellen, die Plastikflasche mit Chemikalien kreist, die Feier nimmt an Fahrt auf, die Drogen wirken, die Frauen tanzen, die Männer brüllen. Es ist ein exzessiver Rausch, und er endet so, wie Partys schon mal enden: mit Bewusstlosigkeit und Zusammenbruch.

Andrej Krementschouk sollte noch einige Male zu dem Haus fahren. Er hatte Gefallen an seinen neuen Freunden gefunden. Er nahm seine Kamera mit und ein paar Flaschen Tequila oder Wodka. Das zuverlässigste Vergnügen, das man sich in diesen Kreisen schenken kann, hat Krementschouk festgestellt. Die Abende liefen immer gleich ab.

Im Dezember 2007 wollte Andrej Krementschouk dort noch einmal Silvester feiern. Aber die Hütte war plötzlich weg. Krementschouk fand nur einen Haufen verkohlter Bretter vor. Es hatte ein Feuer gegeben, vielleicht hatte jemand das Haus angezündet, Krementschouk fragte Nachbarn, die Polizei, mehr konnte er nicht in Erfahrung bringen.

Im Sommer darauf hat Andrej Krementschouk immerhin noch einmal die Kefir-Trinkerin getroffen. Sie lief an ihm vorbei mit zwei vollen Plastiktüten in der Hand. Zuerst hat sie ihn nicht erkannt. Dann sagte sie ausdruckslos: „Sie sind alle tot.“ Und lief weiter.

Ob es stimmt, was sie behauptete, kann keiner sagen. Auf dem Grundstück steht inzwischen ein Neubau.

Übrig bleibt das Foto-Buch von Andrej Krementschouk, das er aus jenen Zusammenkünften gemacht hat. Das Buch heißt „Come bury me“ (ebenfalls im Heidelberger Kehrer Verlag erschienen, 36 Euro), und es schubst einen hinein in eine fremde Party, irgendwo am Rande einer kalten russischen Stadt. Eine Party, deren Bilder einem noch lange im Kopf hängen werden.

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