"Occupy Wall Street" : Die Bewegung lebt

Trotz Polizeigewalt versammelten sich Anhänger von "Occupy Wall Street" in US-Städten zu den bisher größten Demonstrationen.

Lars Halter[New York]

Anup Desai jubelt. „Heute hat uns die ganze Welt gehört.“ Desai ist einer der Sprecher von „Occupy Wall Street“. Am Donnerstagabend fanden in New York und in anderen Städten der USA die bisher größten Demonstrationen der Bewegung statt, die die Auswüchse eines hemmungslosen Finanzkapitalismus an den Pranger stellt. Die ganze Welt nimmt an dieser Bewegung Anteil – außer die Bosse an der Wall Street, die Händler auf dem Börsenparkett, und Tausende, die im New Yorker Finanzviertel arbeiten. Die Wall Street und das angrenzende Gebiet wurden während der Aktion von Hundertschaften der Polizei gesichert.

„Ziel ist es, die Geschäftsabläufe so viel wie möglich zu stören“, sagte der 23-jährige Patrick Bruner, einer der Organisatoren der Bewegung. „Nach diesen Maßstäben war die Aktion ein Erfolg“, kommentiert die wichtige politische Webseite „The Daily Beast“. Demnach hätten die Demonstranten wichtige Kreuzungen besetzt. Vorübergehend verbarrikadierten sie den Eingang des US-Sitzes der Deutschen Bank. Menschen seien freundlich, aber bestimmt daran gehindert worden, zu ihrer Arbeitsstelle zu gehen.

Die Polizei ging gegen die Demonstranten nicht zimperlich vor. Bis zu vier Reihen stählerner Barrikaden versperrten schon in den frühen Morgenstunden den Zugang zu wichtigen Straßen an der Südspitze Manhattans. Damit schloss man nicht nur die Demonstranten aus, sondern hinderte auch massiv viele, die mit Hausausweis und anderen Papieren zu ihrem Arbeitsplatz wollten. Auch Journalisten und Kamerateams durften nicht näher an die Börse als ein paar Blocks. Damit kämpfte New Yorks Bürgermeister Michael Bloomberg nun endgültig nicht nur gegen ein paar tausend Aktivisten, sondern gegen die Grundrechte der Amerikaner. Nicht nur die Versammlungsfreiheit wurde eingeschränkt, auch die Presse wurde massiv behindert.

Die New Yorker Polizei störte das nicht. Mindestens 26 Journalisten wurden am Donnerstag verhaftet, darunter fünf mit offiziellen Akkreditierungen, die die Polizei ausgestellt hatte. Von den Demonstranten wurden etwa 300 in Behelfs-Handschellen abgeführt, einige davon mit Verletzungen.

Allem Anschein nach war es vor allem die Polizei, die zu Gewalt griff. Fernsehbilder zeigten den ganzen Tag über mehrere Szenen, in denen Beamte in Kampfmontur Demonstranten mit Knüppeln schlugen, darunter auch Frauen. Ein junger Demonstrant war am Freitag das blutüberströmte Gesicht der Bewegung auf allen New Yorker Titelseiten. Nach Auskunft der Polizei soll sein Kopf auf Beton gestoßen sein, als er sich seiner Verhaftung widersetzte.

Zahlreiche Aktivisten konnten indes nicht verhehlen, dass ihnen die blutigen Bilder nutzen dürften. „Die Leute sehen jetzt endlich, wie hart es hier wirklich zugeht“, sagte Thomas Story, ein 55-jähriger Demonstrant aus Brooklyn. Er geht davon aus, dass „Occupy Wall Street“ gestärkt aus einer Woche gehen wird, in der man zunächst die Räumung des bisherigen Hauptquartiers im Zuccotti Park und den Verlust aller Zelte, Schlafsäcke, Fahrräder, Bücher und Computer sah, und dann den größten Marsch in der jungen Geschichte der Bewegung.

Zustimmung kommt indes nicht von allen Seiten. Zahlreiche Banker herrschten auf dem morgendlichen Weg ins Büro die Demonstranten an, sie sollten „lieber arbeiten gehen“ – angesichts einer Arbeitslosigkeit, die größtenteils eine Folge der von den Banken herbeigeführten Finanzkrise ist.

Ebenso viel Kritik trifft indes die Polizei, die mit ihren jüngsten Schikanen und der Dauerpräsenz von Helmen und Knüppeln auch bisher passive Anwohner gegen sich aufgebracht hat. „Es sieht jetzt schlimmer aus als in der Zeit nach 9/11“, sagt eine Frau nach Börsenschluss an der Wall Street. „Man kann nirgends mehr durch" – Ursache dafür sind nicht die Demonstranten, sondern die weiträumigen präventiven Absperrungen. Überhaupt stößt die Überreaktion der Staatsgewalt manchem auf. Auf Twitter schrieb ein Beobachter: „Wenn man nur die Bankenregulierung so drastisch umsetzen würde wie die Regeln im Zuccotti Park, dann wären wir gar nicht in diesem Schlamassel.“

„Die Lage eskalierte, als die Demonstranten versuchten, zu beweisen, dass die Räumung ihres Camps am frühen Dienstagmorgen weder ihren Willen geschwächt noch die Zahl der Protestierenden verringert habe“, kommentiert das „Wall Street Journal“ in erstaunlich neutraler Tonlage.

Die wichtige politische Webseite „The Daily Beast“ kommentierte: „Occupy Wall Street ist nicht tot. Stattdessen hat die Bewegung womöglich eine gefährliche Phase erreicht.“

Ihren Park wollen die Aktivisten in den nächsten Tagen zurückhaben. Nachdem verschiedene New Yorker Gerichte nach der Räumung zunächst der „Occupy“-Bewegung und dann der Stadt Recht gaben, ist das letzte Wort nicht gesprochen.

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