Odenwaldschule : Im Haus des Verdachts

„Hast du dich gewehrt, als er dich angefasst hat?“ „Nein“, sagt er. „Aber das war doch Missbrauch!“ In der Odenwaldschule treffen sich Lehrer und Schüler von heute und gestern zur „Aussprache“. Sie eint das Entsetzen und eine drängende Frage: Wie findet eine Schule zu sich selbst zurück?

von

Der Schatten über der Odenwaldschule ist so unsichtbar wie die Vulkanaschewolke im spätnachmittagsblauen Aprilhimmel. Zwei Männer schauen stumm auf die schönen alten Landhäuser. Die Schüler sind entweder noch bei den Hausaufgaben oder beim Abendbrot. Es ist sehr still für einen Ort, an dem über 200 Kinder und Jugendliche wohnen.

„Waren Sie auch Schüler hier?“, fragt der Jüngere. Der Ältere verneint mit Erleichterung, aber die Sache interessiere ihn schon sehr, deshalb wolle er, ein früherer Lehrer, auch zu der großen Aussprache kommen: „Ich schaue schon mal nach, wo man hier parken kann. Und Sie?“

„Ich war Schüler hier. Ich war sogar in Beckers Familie, aber mir ist nie etwas passiert. Vielleicht war ich schon zu alt.“

Der Ältere schaut skeptisch: „Gerold Becker? Sie meinen den Direktor, den Hauptschuldigen?“

„Wissen Sie, der Becker war ein ganz genialer Lehrer!“

Der Ältere verstummt. Gibt es geniale Kinderschänder? Vielleicht hat der einstige Odenwaldschüler das nur gesagt, weil dieser Ort, so von Angesicht zu Angesicht, ihm alles wieder vor Augen stellte, auch das, was Becker für ihn war. Und weil so vieles in dem, was nun gesagt wird, dennoch ungesagt bleibt. Und wenn man es trotzdem versucht, klingt es sofort falsch, wie jetzt. Als wolle man entschuldigen, was nicht zu entschuldigen ist.

Er fühlt wohl, dass er noch etwas erklären muss. Also erklärt er, dass der Lehrer, den er bewunderte, der als einer der größten Pädagogen Deutschlands galt, jetzt ein alter schwer kranker Mann sei. – Wieder falsch? – Und dass man auch die Zeit mitdenken müsse, diese vollkommen andere Zeit, in der so vieles, wenn nicht alles möglich schien. Die Augen des Älteren sind noch schmaler geworden, als wollten sie fragen: auch Päderastie als Lebensform?

Was verrät das Reden über die Schuld erwachsener Männer an denen, die ihnen vertrauten, über uns? Und wie findet eine Schule, die wie keine andere an die Freiheit und Selbstverantwortung des Kindes glaubte, zu sich selbst zurück?

„Setzen wir uns aufs Podium“, schlägt Dirk Höflich vor und lässt den Löffel in seine Kaffeetasse fallen mit einer Geste des Überdrusses und der Miene eines Menschen, der alles Recht auf diesen Überdruss hat. „Und ich sage Ihnen gleich, wenn Sie über den Missbrauch reden wollen, bin ich der Falsche!“

Höflich ist schuleigener Theaterimpresario sowie Lehrer für Deutsch und Geschichte, aber jetzt ist er eher der Hausmeister. Er hat das Podium für „die große Aussprache“ fast fertig gebaut und die Wand dahinter mit beigem Stoff verhängt. Beige ist gut, habe ihm ein Kameramann vom WDR erklärt. Höflich nickt nicht ohne Bitterkeit. Ja, das Fernsehen wird wohl auch kommen. Noch hat sich keiner so etwas vorgenommen: die Opfer des sexuellen Missbrauchs, Mitschüler von damals, Experten, Lehrer und Schüler von heute im Gespräch. „Also ich weiß nicht, was das werden soll. Niemand weiß das“, sagt Höflich.

Als Ende der 90er Jahre die ersten Missbrauchsfälle bekannt wurden, durch einen Artikel in der „Frankfurter Rundschau“, konnte er es nicht glauben. Und nie hätte er gedacht, dass da noch viel mehr gewesen sein könne unter der Ägide des Mannes, den Lehrer wie Schüler bewunderten.

Vom Podium geht der Blick durch die hohen Fenster auf die sanften Hänge des Odenwalds. Ein Ort, an dem es keine plausiblere Gewissheit gibt, als dass die Welt uns zu Füßen liegt. Genau das war beabsichtigt. Kinder hätten ein Recht auf diesen Eindruck, anders würden nie Menschen aus ihnen, glaubte Schulgründer Paul Geheeb vor genau 100 Jahren. „Nicht Priester noch Gelehrte, nicht Beamte noch zukünftige Handwerker brauchen wir, sondern: Menschen“, sagte er mit Goethe und Rousseau. Den Menschen aber sah er überall gefährdet: in den Elendsquartieren der Großstädte, in der beginnenden Massengesellschaft, vor allem aber in der Schule seiner Zeit. Und nun auch in seiner eigenen?

Das 100-Jahre-Erinnerungsbuch ist längst in Auftrag gegeben, die 100-Jahre-Ausstellung fertig, der Jubiläumswein abgefüllt. Bevor der Theatersaal der Theatersaal wurde, war er Sporthalle.

Sport war an der Odenwaldschule schon 1910 etwas Besonderes, da gab es erst 14 Schüler: Nicht nur, dass Jungen und Mädchen zusammen turnten, was anderswo undenkbar gewesen wäre. Sie taten dies – nackt. Ein Blick auf Dirk Höflich genügt, um zu wissen, dass es jetzt unmöglich ist, mit ihm über dieses Stück OSO-Geschichte zu reden. Sind Journalisten nicht Leute, die schon von Berufs wegen und aus Platzgründen Kurzschlüsse herstellen?

„Als ich ankam, hatten wir hier die Nacktkultur“, berichtete 1920 ein Odenwaldschüler, „denn der Paulus hat geglaubt, dass der nackte menschliche Körper gottähnlich ist.“ Nach fast 2000 Jahren Christentum die Einsicht: Die Natur ist gut! Müsste das nicht alles ändern, vor allem die Erziehung? Paulus war Schulgründer Paul Geheeb. Die Schüler sagten Du zu ihm und den anderen Lehrern, und das in einer Zeit, da Kinder mitunter noch ihre Eltern mit Sie ansprachen.

Die 68er glauben, sie hätten die Jugend erfunden und die Körper befreit. Aber sie haben die Natur, die Körper und die Freiheit nur wiederentdeckt. Höflich gehört schon zur Generation der Nach-68er. Der junge Lehrer aus dem Ruhrgebiet ging damals in eine Obdachlosensiedlung, um den Töchtern und Söhnen verwahrloster Familien Nachhilfestunden zu geben. Aber nichts, das begriff er bald, konnte diese Mädchen und Jungen vor der Sonderschule bewahren, höchstens ein anderes Leben. Höflich und seine Freunde begannen mit ihnen zu kochen, ins Schwimmbad zu gehen – ihnen ein Zuhause zu geben. So entstand der Odenwaldschulgedanke im Ruhrgebiet, so entsteht er wohl immer wieder.

Es ist im Kern ein Familiengedanke. Lehrer leben mit Schülern verschiedenen Alters wie in Familien zusammen. „Das macht unsere Schule so stark und verletzlich zugleich“, sagt Höflich. Und man müsse wohl mehr als ein Lehrer sein, um hier Lehrer zu sein.

Am nächsten Nachmittag blickt Dirk Höflich mit einer gewissen Befriedigung auf sein volles Theater. Kein Durchkommen mehr. Und das Beige ist wirklich gut als Podiumshintergrund. Davor sagt der frühere Schüler Quintus von Tiedemann gerade, wie der Übergang von der Odenwaldschule ins wirkliche Leben war: „Als ob man direkt aus der Gebärmutter auf dem Rollfeld eines Flughafens landen würde.“ Dabei war die Odenwaldschule für ihn eine durchaus zwiespältige Heimat gewesen. Tiedemann gehört zu jenen, die immer wieder Übergriffen eines Lehrers ausgesetzt waren, sich jedoch wehren konnten. Das Fazit seiner Odenwaldschulzeit: „Es war traumatisch und wunderschön.“ Tiedemanns Podiumsnachbarn nicken, auch wenn in ihrem Fall vor allem das „Wunderschön“ bleibt. Es sind die Moderatorin Amelie Fried, die nur den durchaus nicht unüblichen abendlichen „Strip-Poker“ nicht mochte, und der jüngere Mann vom Vortag, der Journalist Johannes von Dohnanyi.

Dohnanyi wiederholt auch hier, dass er Gerold Becker noch immer für einen fabelhaften Lehrer halte. Die Missbrauchsspezialistin auf dem Podium schaut ihn mitleidig an. Dohnanyi ist inzwischen aufgefallen, dass die Unversehrten meist Großbürgerkinder waren, zumindest solche, bei denen damit zu rechnen war, dass sie zu Hause ein offenes Ohr finden würden. Bei den Eltern derer, die das Jugendamt geschickt hatte, war davon nicht auszugehen. Und gerade diese Kinder standen häufig unter doppeltem Druck, denn sie hatten hier oft zum ersten Mal ein Zuhause gefunden.

Die große soziale Mischung war schon immer ein Kennzeichen der Odenwaldschule. Auch Klaus Mann, Wolfgang Porsche, Beate Uhse, Joachim Unseld, Klaus Gysi oder Daniel Cohn-Bendit waren Odenwaldschüler.

Wer morgens nicht aufstehen wollte, berichtet von Tiedemann, wurde erst in den Bauch gekniffen, dann in den Oberschenkel und schließlich zwischen den Beinen.

„Und, hast du dich gewehrt?“, fragt Amelie Fried.

„Nein, ich bin aufgestanden.“

„Aber das war sexueller Missbrauch!“, ruft Fried, „was sonst?“ Von Tiedemann antwortet: „Eine permanente Grenzverletzung.“

Die Stunde der bis eben stummen Spezialisten auf dem Podium schlägt. Sie wage es kaum zu sagen, beginnt eine resolute Frau in weißer Bluse, aber was sie hier höre, sei völlig normal. In aller Regel seien die Täter „geniale Pädagogen“, „gute Menschenversteher, und zwar, um sich das Umfeld zu schaffen, in dem sie tun können, was sie tun wollen“. Und sie betone noch einmal, obwohl die Anwesenden das sicher wüssten: Im Falle sexuellen Missbrauchs sei der Tatort fast immer die Familie. Und es gebe keine Familie, grundsätzlich gar keine, in der so etwas nicht vorkommen könne.

Der akkurat gekleidete Abgesandte einer Hilfsorganisation gibt nun bekannt, dass seine Institution bereits ein 14-Punkte-Präventionsprogramm entworfen habe. Die Anwältin, an die sich alle wenden können, die an der Odenwaldschule Opfer sexuellen Missbrauchs geworden sind – ja sie wisse, Männer werden nicht gern Opfer genannt –, die also Betroffene sind, mahnt künftig ein „klares Beschwerdemanagement“ an. Auch müsse ein Verhaltenskodex entworfen werden, der von allen zu unterschreiben ist und der ganz klar „unüberschreitbare Körpergrenzen definiert“.

Das Publikum ist längst in zwei Teile gespalten. Dem einen wird immer wohler angesichts der Entschlossenheit der Spezialisten und ihrer Sprache der Tat, die zugleich bloße Verwaltungssprache ist. In dem anderen breitet sich ein leises Unbehagen aus. Beginnt so eine neue menschlich verarmende Kultur des Verdachts? Das Wort vom „pädagogischen Eros“, das Gerold Becker so gern benutzte, steht plötzlich im Raum. Ein vielstimmiges Hohnlachen ist die Antwort. Auch für Geheeb war dieser Eros Grundlage aller nachautoritären Erziehung.

Ein Mann steht auf. Auch er war einmal Schüler hier, bis 1962. Er habe noch nie darüber gesprochen, fühle sich jetzt aber doch alt genug. Er habe vor lauter Liebeskummer nicht schlafen können und schließlich keinen Ausweg mehr gesehen, als nachts um zwei Uhr in der Zimmertür seiner Lehrerin zu stehen. So wie man vor dem Bett seiner Eltern stehen würde. Und die habe sich das angehört und das Einzige getan, was in diesem fortgeschrittenen Augenblick helfen konnte. Er durfte sich zur ihr ins Bett legen. Und er ist ihr bis heute dafür dankbar.

Vom Podium ertönt eine scharfe Zurechtweisung. Angesichts dessen, worum es hier gehe, halte man diese Geschichte für „obszön“.

„Aber sie war doch wie meine Mutter!“, verteidigt sich der vor einem halben Jahrhundert Getröstete. Amelie Fried antwortet streng: „Erzieher sind Erzieher und keine Eltern!“ Der Schüler Maximilian Priebe, seit drei Jahren an der Odenwaldschule, erklärt wie wichtig auch heute die „Familien“ sind. Man möge sie nicht zerstören, sondern stärken. „Wo steht denn geschrieben, dass die Lehrer mit im Haus wohnen müssen?“, überlegt ein Professor. Niemand antwortet. Aber sind Familien, in denen Eltern und Kinder getrennt wohnen, denn noch Familien?

In den 60ern ist die Odenwaldschule, die erste deutsche Gesamtschule, zur Unesco-Modellschule geworden. Man beschließt, sie jetzt zur Modellschule der „Aufarbeitung“ zu machen, und will dann ganz vorsichtig beginnen, den 100. Geburtstag zu feiern.

Wo am Tag zuvor die beiden Männer gesprochen hatten, steht nachher ein weinendes Mädchen. Ihre Mutter ist gerade abgefahren, zurück nach Hause, in das erste Zuhause also. Manchmal kann die beste Schule Heimweh nicht verhindern. Früher hätte jemand das Mädchen in den Arm genommen.

1 Kommentar

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben