Ölpest : Verzweiflung, Hoffnung, Teilerfolge

Auch vier Wochen nach Explosion der Bohrinsel vor der US-Küste lassen sich die Folgen der Katastrophe nicht genau voraussagen.

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20. April 2010: Die 80 Kilometer vor der Küste des US-Bundesstaats Louisiana gelegene Förderplattform "Deepwater Horizon" explodiert, elf Arbeiter sterben.Weitere Bilder anzeigen
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19.04.2011 13:0120. April 2010: Die 80 Kilometer vor der Küste des US-Bundesstaats Louisiana gelegene Förderplattform "Deepwater Horizon"...

Zuversicht und Verzweiflung wechseln am Golf von Mexiko fast ebenso rasch wie Ebbe und Flut. Vier Wochen sind inzwischen vergangen seit der Explosion auf der Bohrinsel „Deepwater Horizon“ am 20. April. Am Sonntag wendete sich die Stimmung wieder auf Hoffnung. Es gelang, ein etwa zehn Zentimeter dickes Absaugrohr in das größte Leck in der geborstenen ehemaligen Steigleitung in 1500 Meter Tiefe einzuführen. Durch dieses Rohr wird ein Teil des dort austretenden Gemischs aus Rohöl, Gas und Meerwasser an die Wasseroberfläche gebracht. Auf einem Spezialschiff werden die Komponenten getrennt: Das Gas wird abgefackelt und das Öl in Barken umgepumpt. Auch am Montag hielten diese Bemühungen an.

Bisher kann BP freilich nicht sagen, wie viel Prozent des austretenden Öls auf diese Weise eingefangen werden. Die Erfolgsmeldungen mischen sich mit skeptischeren Berichten, in denen die neue Methode mit dem Trinken durch einen Strohhalm verglichen wird – während neue Flüssigkeit nachsprudelt. Heimatschutzministerin Janet Napolitano sagt: „Die Technik ist keine Lösung für das Problem. Wir wissen noch nicht, wie erfolgreich der Versuch ist.“ Der BP-Manager Andrew Gowers gestand ein: „Es treten weiter beträchtliche Mengen Öl aus.“

Am Freitag und Samstag hatte Amerika die umgekehrte Stimmungswende erlebt. Die Bedrückung wuchs. Experten hatten Unterwasseraufnahmen von den Lecks im ursprünglichen Leitungssystem, das beim Untergang der Ölplattform gebrochen und auf den Meeresboden gesunken war, genutzt, um die Menge des austretenden Öls genauer zu schätzen. Sie kamen zu dem Ergebnis, dass das Volumen größer ist als bisher angenommen – und damit auch die Bedrohung der Natur, der Meerestiere, der Strände und der Existenzgrundlage der Menschen an der Küste von Louisiana, Mississippi und Alabama, die vom Meer leben.

Die Ölpest im Golf ist auch nach einem Monat das beherrschende politische Thema in den USA. Heerscharen von Journalisten und Ölexperten versorgen die Öffentlichkeit rund um die Uhr mit Neuigkeiten und Analysen. Doch trotz der Informationsflut ist das verlässliche Wissen, was sich da seit vier Wochen in 1500 Meter Tiefe abspielt und was die Folgen sein werden, begrenzt geblieben. Zu den befürchteten weiträumigen Verseuchungen an der Küste ist es bislang nicht gekommen. Wissenschaftler entdeckten nun aber große Ölschwaden unter Wasser. Sie seien bis zu 16 Kilometer lang, sechs Kilometer breit und rund 100 Meter hoch. Der Sauerstoffgehalt in der Nähe liege etwa 30 Prozent unter den Normalwerten. Auch das kann zu einer Bedrohung für Tiere und Pflanzen werden. Die weiteren Rettungspläne von BP sehen nun einen erneuten Versuch vor, das Bohrloch von oben mit einem Stöpsel zu verschließen. Das werde bis zu zehn Tage dauern. Falls diese Bemühungen misslingen, bleibe als Alternative eine Entlastungsbohrung schräg von der Seite in den ursprünglichen Förderschacht. Die komplizierte Prozedur kann mehrere Wochen in Anspruch nehmen.

Die Regierung Obama hat mittlerweile acht parallele Untersuchungen eingeleitet. Sie gehen unterschiedlichen Fragen nach, unter anderem: Wie kam es zu dem Unglück? Wurden die Umweltschutzauflagen eingehalten, als BP die Bohrgenehmigung erhielt? Wie lässt sich verhindern, dass sich ein solches Unglück wiederholt? Müssen Gesetze und Sicherheitsbestimmungen verändert werden? Manche Abgeordnete verlangen nun, Barack Obama solle eine präsidiale Untersuchungkomission mit einem unabhängigen Ermittler an der Spitze einrichten.

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