Österreich : Alle Wege führen nach Wien

Die Stadt bekommt einen futuristischen Hauptbahnhof und besinnt sich auf die alten Habsburger Zeiten.

Bernhard Schulz[Wien]

An diesem Sonnabend endet in Wien eine Nachkriegsepoche. Exakt drei Jahre später wird eine gänzlich neue anbrechen: mit Wien als einer Drehscheibe des Verkehrs. Seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs und der Abriegelung durch den Eisernen Vorhang war Wien die Endstation der Eisenbahnen, gleich ob von Westen, Norden oder Süden. Die Stadt verfügte über vier Kopfbahnhöfe und keinerlei durchgehende Verbindung. Mit der Schließung des Südbahnhofs und dem unmittelbar danach beginnenden Bau des hochmodernen „Hauptbahnhofs Wien“ als Durchgangsbahnhof wird sich diese Randlage, ein Erbe der seit 1955 staatsvertraglich festgeschriebenen Neutralität zwischen den politischen Blöcken, grundlegend wandeln. Künftig werden Züge aus München und Linz nicht mehr am Westbahnhof enden, sondern können über den neuen Hauptbahnhof auf den Balkan weiterfahren, während Verbindungen aus Prag und Böhmen bis nach Kärnten und weiter nach Slowenien geleitet werden können. Wien wird zur Drehscheibe des Verkehrs, zwischen Tschechien im Norden, Deutschland im Westen, Slowenien und Triest im Süden sowie Ungarn und dem Balkan im Osten und Südosten.

Damit vollzieht die Eisenbahn mit Milliardenaufwand für Tunnel und Trassen nach, was dem Flugverkehr im Handumdrehen gelang: Wien als ein natürliches Zentrum von Mittel- und Südosteuropa zu etablieren. Der Flughafen Schwechat hat einen enormen Aufschwung genommen, abzulesen an den neuen Terminalgebäuden, die die früher so kurzen Abfertigungswege gehörig verlängert haben. Und auch die Konkurrenz gehört dazu: Bratislava, das einstige Pressburg der Donaumonarchie, hat sich als Heimatflughafen von Billigfliegern eingerichtet. Sechzig Kilometer von Wien entfernt konnte man bis 1937 mit der Straßenbahn hinüberfahren. Nach 1945 war es eine regelrechte Weltreise. Seit der Öffnung des Ostblocks jedoch genügt das Auto, um in den Genuss niedriger Flughafengebühren zu gelangen. Plakatwerbung des slowakischen Flughafens taucht immer wieder im Straßenbild Wiens auf.

Anders als Berlin, wo von der Drehscheibenfunktion stets ebenso vollmundig wie folgenlos die Rede war, hat sich Wien bald nach 1989/90 auf seine angestammte Rolle als Metropole besonnen. Metropole von was? Niemand spricht es lautstark aus, aber es ist offensichtlich, dass die uralten Beziehungen, die die habsburgische Hauptstadt in die von ihr regierten Länder unterhielt, nur unterbrochen, nie jedoch vollständig abgerissen waren. Ungeachtet der Feindschaft, die der k.u.k. Monarchie, diesem viel geschmähten „Völkerkerker“, seitens der abhängigen Nationalitäten entgegengebracht wurde und die am Ende mit zum Zerfall des Riesenreiches 1918 geführt hat, bleibt Wiens Rolle als Schmelztiegel unbestritten. Waren es seit den sechziger Jahren die Gastarbeiter vom Balkan, die sich zumal am Sonntag im Südbahnhof zum Plausch trafen, so sind es heute Geschäftsleute aus allen Himmelsrichtungen, die im Dunstkreis deutsch-tschechisch-kroatischer Lokalitäten handelseinig werden. Ein Land, dessen Regierungschefs Kreisky und Vranitzky hießen, mit einem Präsidenten namens Klestil, kann nicht wirklich als Ausland angesehen werden.

Wien selbst hat sich freilich nicht erst seit dem Fall des Eisernen Vorhangs gewandelt. Die Hauptstadt der strikt neutralen, politisch gleichermaßen unauffälligen Alpenrepublik verharrte drei Jahrzehnte lang im Nachkriegsgrau eines Staatskapitalismus, der alle Schlüsselindustrien des Landes einbegriff. Grau in grau kam die Stadt selbst daher; nach den Zerstörungen alliierter Bombenangriffe entstanden Häuser und Wohnblöcke im Minimalstil. Der Besucher wähnte sich bisweilen halb im Realsozialismus von Prag oder Budapest. Erst als die gängigen, grellbunten Konsumtempel von der Stadt auch außerhalb der Flaniermeile Kärntner Straße Besitz ergriffen, schwante es Bewohnern und Besuchern gleichermaßen, dass das Flair dieser ebenso weltläufigen wie bodenständigen Stadt für immer verloren zu gehen drohte. Noch gibt es in Wien unvergleichlich viel mehr individuelle Geschäfte – bisweilen ein halbes Dutzend in einem einzigen Gebäude aus habsburgischer Zeit – als beispielsweise in Berlin. Noch gibt es in den einstigen Vororten außerhalb des 1. Bezirks, der eigentlichen „Stadt“, die typischen Gastwirtschaften, die Mittagsmenüs für fünf Euro und weniger anbieten, während Imbissbuden dutzenderlei Wurstsorten mit meist polnischen Bezeichnungen anbieten und keine Einheitshamburger. Doch ebenso wenig zu übersehen ist die Vormachtstellung, die eine einprägsam benannte Lebensmittelkette gegenüber den früheren Einzelhändlern errungen hat, samt ihrem Ableger im Bereich der Drogeriemärkte.

Vor rund drei Jahrzehnten begann der Aufstieg Wiens zum Szenetreffpunkt. Lokale zwischen Café und Kneipe entstanden, die nicht nur legendäre Bohèmetreffpunkte wurden wie das Café Hawelka oder das Restaurant Oswald & Kalb. Gestalterischer Ehrgeiz kam hinzu, wie bei den von Hermann Czech eingerichteten Lokalitäten vom „Kleinen Café“ bis zum – mittlerweile leider umgebauten – Café im Museum für Angewandte Kunst (MAK). Die heutzutage viel gerühmte Catering-Küche etwa von Do & Co – die auch Austrian Airlines beliefern – wäre ohne dieses Fundament verfeinerten Genussempfindens nicht denkbar. Desgleichen im Hotelgewerbe, wo ein Designhotel wie „Das Triest“ Maßstäbe setzte, aber selbst ein Studentenwohnheim wie das von dem slowenisch-wienerischen Architekten Boris Podrecca gestaltete „Korotan“ Architektur beweist.

Die Stadt Wien – die immer noch als „Gemeinde“ firmiert – hat die Bedeutung der „weichen“ Standortfaktoren längst erkannt. Kamen früher Opernliebhaber und, in der kurzen Saison ab Neujahr, Ballbegeisterte, so locken die durchweg grundsanierten Museen heute rund ums Jahr Besucher an. Trendsetter ist die Graphische Sammlung Albertina, die sich zu einem Allround-Kunstmuseum gewandelt hat und sich dank ihrer eingängigen Ausstellungen, nicht zuletzt aber auch dank ihrer beneidenswerten Lage schräg hinter der Staatsoper eines nie abreißenden Besucherzustroms erfreut. Das Kunsthistorische Museum veranstaltet seit Jahren kulinarische Abende in seiner Kuppelrotunde, die den Glanz der Franz-Joseph-Zeit heraufbeschwören. Im Museumsquartier stehen sich das Leopold-Museum und das Museum für Moderne Kunst (MuMoK) mit gegensätzlichen ästhetischen Konzepten gegenüber, und mittendrin als Annex der Kunsthalle – natürlich ein In-Restaurant. Oder ist es eher ein In-Club? Die Grenzen sind fließend.

Wien war innerhalb Österreichs stets ein Fremdkörper – zu groß, zu international, politisch zu links. Daran erinnert gerade eine große Ausstellung im Künstlerhaus am Karlsplatz, „Der Kampf um die Stadt – Politik um 1930“. Wien hat nichts mit dem Gemütvoll-Alpenländischen zu tun, in dem sich zumal Nachkriegsösterreich so heimelig eingerichtet hat. Oder doch zum Glück eher „hatte“? Wien braucht die Verbindungen in alle Welt – und besonders in diejenige Welt, die einmal unter k.u.k-Herrschaft vereint war und sich jetzt, nach Jahrzehnten der Absonderung, wieder der Vorbildfunktion erinnert, die die Donaumetropole früher besessen und mittlerweile, wie es scheint, wiedererrungen hat. Ab Dezember 2012 genügt die Eisenbahn, die Stadt durchgängig zu erreichen – zu betreten durch den neuen, ganz gewiss durchdesignten Hauptbahnhof.

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