Welt : Österreich: Der richtige Tunnelblick

Paul Kreiner

Als die Wurzel allen Übels gelten in der öffentlichen Diskussion die einröhrig geführten Tunnels. Der 6400 Meter lange Tauerntunnel ist ein solcher, der 11 600 Meter lange Montblanc-Tunnel auch. Beide sind mit den Brandkatastrophen von 1999 zu Symbolen für "den" Tunnelunfall schlechthin geworden. 42 Menschen verbrannten unter dem Montblanc, zwölf in der Tauernröhre. Einröhrige Tunnels waren es auch, in denen in Österreich die beiden tödlichen Unglücke dieser Woche passierten. Aber Fachleute warnen vor Illusionen: Auch die Trennung des Verkehrs in zwei Röhren verhindert keine Unglücke. Und wie zur Bestätigung krachte es zuletzt zweimal in einem Doppeltunnel: Auffahrunfall.

Unfälle, wie sie jetzt passiert sind, geschehen in exakt gleicher Form tagtäglich hundertfach auf "offenen" Straßen. Tunnels gehören, so merkwürdig sich das gerade diese Woche anhört, zu den sichersten Verkehrsabschnitten. Einer österreichischen Statistik zufolge geschehen im Berg weniger als ein Prozent aller Unfälle. Gleichwohl können die Folgen dort verheerender sein.

Zweiröhrige Tunnels, so wird argumentiert, erleichtern den Rettungskräften das Eingreifen, weil diese damit ganz nahe an die Unfallstelle heran können. Soweit die Theorie. Bei einem Brand wie im Tauerntunnel mit 1200 Grad Hitze ist das mit der "Nähe" zum Unfallort auch nicht mehr so einfach. Außerdem befinden sich in der zweiten Röhre ja auch Fahrzeuge. So wie Wissenschaftler ausdauernd darüber streiten, ob Sprinkler zusätzliche Sicherheit bringen oder alles noch schlimmer machen, so experimentieren Tunnelbauer noch immer an der idealen Lüftung herum. Im Montblanc-Tunnel haben ja Ventilatoren das Feuer auch noch angefacht. Im Tauerntunnel sind nach dem Unfall neue Rauchgasklappen installiert worden, mit der Hitze, Rauch und Flammen nicht erst horizontal durch die Röhre geblasen, sondern gleich an der Unfallstelle nach oben abgesaugt werden.

Das Hauptproblem ist der Mensch

Der Brand im Tauerntunnel und zumindest zwei der aktuellen Unfälle sind eindeutig auf Unachtsamkeit der Fahrer zurückzuführen. Im Tunnel - das sollte nach Ansicht von Verkehrspsychologen als Unfallursache nicht gering geschätzt werden - ballen sich die verschiedensten Charaktere: Neben den Routiniers bewegen sich hier Fahrer, mit wahren Todesängsten. Entsprechend unsicher fahren sie. Es gibt die Drängler und Raser, die in einröhrigen Tunnels überholen, und die Blinden, die auch nach Kilometer fünf noch ihre Sonnenbrillen aufhaben.

Den Ängstlichen hat man im Tauerntunnel versucht, mit einem hellen, "freundlichen" Anstrich der Wände psychologisch zu helfen. Die Blinden will man mit reflektierenden Straßen- und Wandmarkierungen auf der rechten Bahn halten. Müde, die in den gefährlichen Sekundenschlaf verfallen, sollen von "singenden" Mittelstreifen aufgeweckt werden, wenn sie auf die Gegenfahrbahn geraten - also von einem Belag, der beim Überfahren sirrende Geräusche von sich gibt. Eine verstärkte Tunnelüberwachung mit hitzesicheren Kameras soll die Rettung beschleunigen.

Doppelröhrig ausgebaut werden in Österreich vorerst nur wenige Tunnels. Grund dafür ist neben dem zu wenig eindeutigen Sicherheitseffekt hauptsächlich die Finanzlage des Staates. Auch Rentabilitätsgründe werden ins Feld geführt: Der Tauerntunnel beispielsweise gelangt nur an zwölf bis 15 Tagen im Jahr an seine Kapazitätsgrenze, immer dann, wenn alle meinen, gleichzeitig in die Ferien fahren zu müssen.

0 Kommentare

Neuester Kommentar