Österreich : Stürzt die Regierung über Kampusch?

Waren es bloße Ermittlungsfehler? Offenbar hätte Natascha Kampusch, die acht Jahre eingesperrt war, früher befreit werden können. Die konservative ÖVP verhinderte eine Prüfung des Falls.

Markus Huber[Wien]
Natascha Kampusch
Natascha Kampusch. -Foto: dpa

Waren es bloße Ermittlungsfehler? Pannen, die in turbulenten Tagen, und das waren diese Tage im März 1998 definitiv, einfach passieren können? Oder ist die Sache doch weit mehr – ein veritabler Polizeiskandal, einer, der weite Kreise bis hinein in die Spitze der österreichischen Bundesregierung zieht und am Ende sogar die Koalition aus SPÖ und ÖVP sprengen könnte? Niemand in Wien weiß das derzeit so genau, niemand kann sagen, wie die Causa zu bewerten ist. Klar ist bisher nur, dass es vor allem eine Leidtragende gibt. Sie heißt: Natascha Kampusch. Acht Jahre, vom 2. März 1998 bis zum 23. August 2006, war die heute 19-Jährige als Entführungsopfer in einem Keller eines Einfamilienhauses in der Nähe von Wien gefangen gewesen. Ihre Entführung war genauso wie ihre Flucht 2006 einer der spektakulärsten Kriminalfälle.

Seit Dienstag dieser Woche weiß die Öffentlichkeit, dass Kampuschs Entführung möglicherweise deutlich früher hätte beendet werden können. Der ehemalige Leiter des Bundeskriminalamts Herwig Haidinger gab da an, dass es bereits im Frühjahr 1998 Verdachtsmomente gegen Kampuschs Entführer Wolfgang Priklopil gegeben hatte. Priklopil war von der Polizei überprüft worden. Der Polizei erschien der Mann aber als unauffällig. Wenige Tage später ging nochmals ein anonymer Hinweis ein, wonach auf Priklopil mehrere Verdachtsmomente zutrafen, die im Täterprofil aufgezeichnet waren. Er war ein Einzelgänger, hatte kein Alibi und zudem besaß er einen weißen Lieferwagen, wie ihn der Entführer von Kampusch laut Augenzeugenberichten verwendet hatte. Dieser anonyme Hinweis – heute weiß man, dass er von einem Polizeihundeführer abgegeben worden war – wurde ohne weitere Überprüfung zu den Akten gelegt. Wäre die Polizei ihm nachgegangen – Kampuschs Entführung hätte wohl um acht Jahre verkürzt werden können. Die Anwälte von Natascha Kampusch prüfen nun eine Amtshaftungsklage gegen die Republik, die möglicherweise Österreich sehr teuer zu stehen kommen könnte.

Doch der Skandal hat noch eine weitere Komponente. Bereits im Jahr 2006 – kurz nach Kampuschs spektakulärer Flucht – bemerkten die Fahnder des BKA, dass sie 1998 Priklopil bereits im Visier hatten und nicht zugriffen. BKA-Chef Haidinger selbst erklärte nun, dass er 2006 die Fehler von 1998 evaluieren wollte, das Büro der damaligen Innenministerin Liese Prokop ihm aber eine Weisung erteilt hatte, diese Untersuchung aufzuschieben. Der Grund: Im Herbst 2006 standen Nationalratswahlen an – die damals regierende konservative ÖVP wollte offenbar keinen Polizeiskandal, der im Wahlkampf negative Schlagzeilen verursacht hätte.

Gleichzeitig forderten Mitarbeiter der Ministerin Haidinger auf, im Gegenzug schärfer in einer anderen damals laufenden Causa – den Milliardenverlusten der Gewerkschaftsbank Bawag – zu ermitteln. Sollten dabei Verstrickungen der sozialdemokratischen SPÖ in den Skandal auftauchen, dann sollte das BKA diese Informationen sofort dem Ministerium melden, die diese dann als Wahlkampfmunition gebrauchen könnte. Mitarbeiter der mittlerweile verstorbenen Ministerin bestreiten diese Vorwürfe zwar – doch Österreich hat nun einen deftigen Skandal. Sollten die Vorwürfe des ehemaligen BKA-Chefs zutreffen, dann stünde die mittlerweile kleinere Regierungspartei ÖVP wohl in einem ziemlich schiefen Licht. Die Opposition in Wien fordert bereits einen Untersuchungsausschuss. Und auch die Kanzlerpartei SPÖ fordert eine minutiöse Aufklärung. Dabei geht es neben dem menschlichen Aspekt der Gefangenschaft von Natascha Kampusch vor allem um die Instrumentalisierung der Polizei durch ÖVP-Innenminister.

Das wiederum sieht die ÖVP als Kriegserklärung und droht, für den Fall, dass die SPÖ einen Untersuchungsausschuss des Parlaments einsetzt, mit dem Bruch der Koalition.

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