Welt : Oetker-Entführer bei Lösegeldumtausch gefaßt

Zlof hatte über zehn Millionen bei sich / In Deutschland keine weitere Verurteilung möglich / Er lebt von ArbeitslosenhilfeLONDON/MÜNCHEN (dpa).Oetker-Entführer Dieter Zlof ist in London festgenommen worden, als er rund die Hälfte des vor über 20 Jahren gezahlten Lösegelds von 21 Millionen Mark umtauschen wollte.Oberstaatsanwalt Vollmann sagte in München, nur die britischen Behörden könnten Zlof wegen Geldwäsche belangen.In Deutschland gebe es keine Handhabe, da die Entführung - und damit auch die Verwertung des Lösegelds - seit Dezember 1996 verjährt sei.Zudem habe Zlof die volle Haftstrafe von 15 Jahren verbüßt.Daher werde keine Auslieferung beantragt. Beim ihm wurden nicht mehr gültige Tausenderscheine im Nennwert von rund 10,7 Millionen Mark gefunden.Der am Vortag festgenommene 54jährige sitzt in London in Haft.Gegen einen mitgereisten Komplizen aus dem Raum Miesbach leiteten die Münchner jedoch Ermittlungen wegen Verdachts auf Hehlerei und Geldwäsche ein.Allerdings ist der Verbleib dieses Mannes unklar.Die britischen Behörden haben ihn offenbar nicht festgehalten.Damit sei nach mehreren Umtauschversuchen nunmehr lediglich der Verbleib von 2,5 der insgesamt 21 Lösegeld-Millionen ungeklärt, sagte Vollmann.Rund 700 Tausender waren zuvor aufgetaucht, 7000 Tausender will Zlof verbrannt haben, weil sie vermodert waren. Zlof hatte immer geleugnet, etwas mit der Entführung zu tun zu haben.Erst als Anfang 1996 erneut Lösegeld-Tausender auftauchten, räumte er die Tat indirekt ein, als er behauptete, das Geld nur bis 1995 besessen zu haben.In seiner geplanten Biographie, die er der Autorin Nicole Amelung ins Mikrophon diktierte, hat er das Verbrechen erstmals offen eingeräumt.Er bestreitet, Komplizen gehabt zu haben. Der damals 25jährige Industriellensohn Richard Oetker hatte zwei Tage in einer Holzkiste aushalten müssen.Durch einen Stromschlag wurden ihm beide Oberschenkelhalsknochen gebrochen; er war für immer gezeichnet, lange ging der Invalide an Krücken. Zuletzt hatte der Fall im April dieses Jahres Schlagzeilen gemacht, als ein früheres Lösegeld-Versteck nahe München entdeckt wurde.Geld befand sich in dem Erdloch nicht, statt dessen nur ein vermoderter Müllsack und ein Stück Klebeband.In dem Loch soll Zlof das Geld während seiner Haft versteckt haben.Der Hinweis stammte aus dem Amelung-Manuskript. Noch heute ermittelt die Staatsanwaltschaft gegen Zlof - wegen einer eidesstattlichen Versicherung, die er 1996 über seine Vermögensverhältnisse machte.Zlof lebt nach eigenen Angaben von 1800 Mark Arbeitslosenhilfe, schuldet der Oetker-Familie aber das Lösegeld samt Zinsen: etwa 40 Millionen Mark.Ferner müßte er an Richard Oetker laut Urteil eine lebenslange Invalidenrente und 60 000 Mark Schmerzensgeld zahlen. Eine geheimnisvolle Figur Entführer Zlof lebt unauffällig mit seiner Frau in einem kleinen Reihenhaus in München MÜNCHEN (dpa).Groß, schlank und höflich trat Dieter Zlof im Gerichtssaal auf.Die Entführung des industriellen Sohns Richard Oetker stritt er ab.Seine Haftstrafe von 15 Jahren Haft saß er mit kühler Geduld voll ab.Geurteilt hatten die Richter aufgrund von Indizien, das Rekordlösegeld von 21 Millionen Mark tauchte niemals vollständig auf, und der Täter wurde für manchen zu einer geheimnisvollen Figur. Der heute 54jährige, der eines der spektakulärsten Verbrechen des Nachkriegsdeutschland verübt hatte, lebt wie ein braver Bürger mit seiner langjährigen Ehefrau in einem kleinen Reihenhaus in München.Zwar gibt er sich souverän, fast stolz und ist doch mit seinem "perfekten Verbrechen" gescheitert.Sein Opfer Richard Oetker, damals 25, ist für immer gezeichnet. Offenbar unterliegt noch immer mancher Beobachter einem Bann - etwa Nicole Amelung, Autorin einer unveröffentlichten Zlof- Biographie."Die Tat war noch genialer, als wir sie uns vorgestellt haben", meinte sie in einem Interview.Die Anwaltsgattin behauptet, aus Gesprächen mit Zlof die ganze Wahrheit zu kennen.Demnach hatte er keine Komplizen und alles genau ausgetüftelt.Zlof scheint bis heute nicht zu begreifen, was schiefging.1979 war er überraschend vom Frühstückstisch weg verhaftet und nach einem Indizienprozeß verurteilt worden.In seiner Haftzeit zeigte er sich immer wieder als Querkopf und wurde wegen Meuterei verlegt. Die Richter haben Zlof bei seiner Verurteilung 1980 "eine rasche Auffassungsgabe", hohe Intelligenz und "ungewöhnliches Wissen".bescheinigt.Vielseitig ist er auf jeden Fall: Er hat Betriebswirtschaft studiert, war Tauchlehrer, Barmixer und Autohändler, tüftelte im Gefängnis Würfelspiele aus. Mit seiner Ehefrau Christel, die über die gesamte Haftzeit auf ihn gewartet hat, hat er zwei erwachsene Söhne.

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