Welt : Offiziell ist Prostitution in China verboten. Doch der Frauenhandel blüht.

Harald Mass

Auch das Mädchen Wang Yanhong wurde entführt. Und kein Polizist half ihr.Harald Mass

In der Stadt sollte der Traum des Lebens beginnen. "Alles war so groß und so hell erleuchtet", erinnert sich Wang Yanhong an ihren ersten Besuch in Chengdu. Seit einer Woche war die Siebzehnjährige mit einer Freundin und ihrer Kusine in der Provinzhauptstadt, um Arbeit zu suchen. Der Bus, mit dem sie von ihrem Dorf losgefahren war, hatte auf der staubigen Landstraße acht Stunden gebraucht. Ihr war, als sei sie in einer anderen Welt gelandet: Die Straßen sind breit und sauber, in den Einkaufsstraßen drängeln sich gut gekleidete Menschen, aus den Feuertopfrestaurants riecht es verführerisch nach Chili. Und plötzlich scheint auch Yanhong das Glück zu winken: "Sucht ihr einen Job?", spricht sie ein Mann im feinen Anzug an. Für ein Lokal brauche er Bedienungen. 300 Yuan im Monat (65 Mark) verspricht er. Begeistert stimmen die jungen Frauen zu. Ein Kleinbus fährt vor, in dem schon fünf andere Mädchen sitzen. Als die drei Freundinnen einsteigen, wissen sie nicht, dass ihre Körper bereits verkauft sind.

Eigentlich darf diese Geschichte nicht erzählt werden. Bis heute, elf Monate nach der Entführung, ist es chinesischen Zeitungen verboten, über die Tragödie zu schreiben, die Yanhong und die anderen Mädchen nach der Busfahrt erlebten. Es ist eine Geschichte, wie sie in diesen Tagen in China fast täglich passiert. Sie handelt von Frauen, die gegen ihren Willen in die Prostitution verkauft werden. Die aus Geldgier misshandelt, geprügelt und vergewaltigt werden. Die wie Wang Yanhong für den Rest ihres Lebens eine Wunde in der Seele tragen; deren Peiniger jedoch bis heute ungeschoren geblieben sind. Denn die Entführer von Yanhong arbeiteten unter Aufsicht der Polizei.

Lernen, wie man Männer unterhält

Es dauerte ein paar Minuten, bis Yanhong klar wird, dass sie in eine Falle geraten ist. Der Mann im Anzug, der als Arbeitsvermittler aufgetreten war, hatte sich mit einer Ausrede verdrückt. Als der Bus plötzlich auf die nächtliche Landstraße einbiegt, wissen die Frauen, dass sie entführt worden sind. "Wir haben geschrien", erinnert sich Yanhong. Ihre Kusine, fünf Jahre älter und verheiratet, fleht um Verschonung, sie sei schwanger. Die Männer im Bus herrschen sie an: "Halt das Maul. Wir haben für Euch bezahlt!" In der Verzweiflung versucht eines der Mädchen aus dem Fenster zu klettern. Mit Gewalt reißen sie die Männer zurück, schlagen ihr ins Gesicht. "Wer versucht zu fliehen, dem brechen wir die Beine", drohen sie.

Kurz vor Sonnenaufgang erreicht der Bus das Bordell "Hong Dou" (Rote Bohne), ein mit schweren Eisengittern befestigtes zweistöckiges Haus im Landkreis Renshou. Die Puffmutter, die sich als "Dritte Schwester" (San Jie) vorstellt, redet nicht lange drum herum: 500 Yuan (110 Mark) habe sie für jedes der Mädchen bezahlt. Dafür müssten sie jetzt arbeiten und "Gäste empfangen". Hoffnung auf Flucht solle sich niemand machen. "Wir haben für jeden von euch Schutzgeld bei der Polizei gezahlt", droht die Dritte Schwester. Vor dem Haus hören die Mädchen das Bellen von Wachhunden.

Yanhong macht eine Pause in ihrer Erzählung. In dem kargen Bauernhaus in ihrem Heimatdorf Luocheng schenkt der Vater heißes Wasser in Tassen, stellt sie auf den groben Holztisch. Sie hat sich zusammengerissen, hat sich extra für das Gespräch ihre beste Bluse und einen Blazer angezogen, als wolle sie zeigen, dass sie die schrecklichen Erlebnisse überwunden hat. Doch als Yanhong versucht, weiter zu berichten, überwältigt sie der Schmerz, Tränen laufen über ihr kindliches Gesicht.

Am nächsten Abend sei "es passiert", erzählt sie. Zwei Lastwagenfahrer betreten das Bordell, einen davon soll Yanhong unterhalten. Sie versucht, sich in ein Zimmer einzuschließen. Die Zuhälter treten die Tür ein und zerren Yanhong in ein Schlafzimmer, in dem der Lastwagenfahrer, ein dicker, ungepflegter Mann, schon wartet. Yanhong versucht zu reden, zu erklären: Jungfrau sei sie noch, erst 17 Jahre alt. Den Lastwagenfahrer kümmert ihr Flehen nicht, er habe "ja schließlich für sie bezahlt". Barsch drückt er Yanhong auf das Bett. Drei Mal wird sie in dieser Nacht vergewaltigt.

Nur schwer kann man sich das Grauen vorstellen, dass Yanhong in den nächsten Tagen durchmacht. Wie durch einen Nebel nimmt sie wahr, was mit ihr geschieht. Unter Anleitung der Dritten Schwester werden die Mädchen ins Dorf zum Friseur gebracht, müssen aufreizende Kleider anziehen. Als eines der Mädchen laut um Hilfe ruft, lachen die Dorfbewohner sie aus. Um ihnen zu zeigen, "wie man Männer unterhält", werden die Mädchen gezwungen, pornografische Videos anzusehen. In den kommenden Tagen wird Yanhong Dutzende Male missbraucht, auch von den Zuhältern. Jede Nacht bekommt sie neue Kunden auf das Zimmer geschickt. Irgendwann, erzählt sie, habe ihr die Kraft gefehlt, sich zu wehren. "Ich lag einfach nur noch da."

Es sind die Schatten einer lange überwundenen geglaubten Vergangenheit, die China eingeholt haben. Jahrtausende lang galten chinesische Frauen als Menschen zweiter Klasse. Prostitution und Frauenhandel waren Alltag im klassischen China. Um sie ans Haus zu fesseln, brach man ihnen die Füße und zurrte sie mit Bändern zusammen. Frauen durften keine Schulen und Universitäten besuchen, ihr einziger Zweck war, Kinder zu gebären und den Männern zu dienen. Erst unter dem Sozialismus verbesserte sich ihre Situation. "Frauen tragen die Hälfte des Himmels", versprach Mao Tse-tung.

Und tatsächlich war seine Politik revolutionär: 1950, ein Jahr nach Gründung der Volksrepublik, verkündet die KP ein neues Ehegesetz. Erstmals dürfen Chinas Frauen selbst ihren Ehemann wählen. Prostitution ist für die Kommunisten "bourgeoise Ausbeutung". 1949 werden alle 224 Bordelle in der Hauptstadt geschlossen, 1964 verkündet Peking der Welt, dass Prostitution in ganz China abgeschafft sei.

Die Polizei hält die Hand auf

Das Blatt hat sich wieder gewendet. Seit der Einführung der Marktwirtschaft 1979 sind auch Frauen wieder käufliche Ware. Keine Stadt und kein Dorf, in dem heute nicht leicht bekleidete Mädchen ihre Körper vermarkten. Oft sind Bordelle als Friseurläden oder Tanzbars getarnt, in manchen Provinzen bieten Dirnen ihre Dienste auch offen auf an Tankstellen an. Zwischen 800 000 und 2,5 Millionen Prostituierte gibt es heute in China. Die meisten arbeiten als "San Pei"-Mädchen - als "dreifache Begleiterinnen". Für Geld leisten sie Männern beim Trinken, beim Karaoke-Singen und beim Tanzen Gesellschaft. Sex gibt es gegen Aufpreis.

Die Mädchen kommen meist vom Land - und immer öfter kommen sie gegen ihren Willen. Offiziellen Zahlen zufolge wurden im vergangenen Jahr mehr als 6000 Frauen von der Polizei aus der Entführung befreit. Weil die Regierung Informationen über Frauenhandel unterdrückt, dürfte die Dunkelziffer "ein Vielfaches höher sein", sagt Sophia Woodman von der Menschenrechtsgruppe "Human Rights in China" in New York. An die Öffentlichkeit dringen nur Einzelfälle: Im Juli befreite die Polizei 50 entführte Fabrikarbeiterinnen, die landesweit als Prostituierte verkauft werden sollten. In Schanghai flog in September ein Ring von Frauenhändlern auf, die 20 Mädchen an Bordelle in Henan verkauft hatten. Das Jüngste Opfer war gerade 13 Jahre alt.

"Frauenhandel ist ein großes Geschäft", sagt Huang Qi. Er betreibt in Chengdu eine private Internetseite mit Informationen über entführte oder vermisste Menschen. Huang führt einen einsamen Kampf. Die Polizei unternehme kaum etwas gegen den Menschenhandel, klagt er. "Die halten lieber selbst die Hand auf, und verlangen Schutzgelder von den Bordellen", sagt Huang. Seit einem Jahr hilft er Angehörigen, indem er Fotos von Vermissten auf seiner Internetseite abbildet. Täglich erhält er Anrufe von Familien, deren Töchter verschwunden sind. "Nur ganz wenige tauchen wieder auf, meistens durch Glück", sagt Huang.

Auch Wang Yanhong wurde nur durch Zufall gerettet. Nach einige Tagen wird ihre schwangere Kusine schwer krank, die Entführer lassen sie ziehen. Die Dritte Schwester fühlt sich offenbar sehr sicher: Die lokale Sicherheitspolizei im Kreis Renshou deckt ihr Geschäft, einige der Beamte sind selbst Stammgäste in dem Bordell. Am 4. Dezember, elf Tage nach der Entführung, gelingt es der schwerkranken Kusine, sich bei der Familie von Wang Yanhong zu melden. Der Alptraum ist jedoch noch nicht vorbei. Als der Vater bei der Polizei anruft, wird er rüde abgewimmelt. Bei der Provinzpolizei schickt man ihn weg mit den Sätzen: "Davon wissen wir nichts. Woher sollen wir wissen, ob deine Geschichte stimmt?"

In der Not entschließt sich der Vater, nach Chengdu zu fahren. Dort bestätigt sich sein Verdacht. Die Polizisten wollen ihre Kollegen auf dem Land schützen, immer wieder verzögern sie die Befreiung. "Es war schrecklich", erinnert sich Vater Wang. "Meine Tochter war in diesem Bordell, und niemand wollte ihr helfen." Erst zwei Tage später, als es dem Vater gelingt, einen Reporter der Lokalzeitung einzuschalten, schreitet die Polizei widerwillig ein. Eine Nacht müssen die sechs entführten Mädchen im Gefängnis der Polizei verbringen, nur durch einige Gitterstäbe von ihren Peinigern getrennt. Ärztliche Betreuung oder Hilfe gibt es nicht. "Ihr seid doch selber schuld", schnauzt ein Polizist die Frauen an.

Bald ein Jahr ist vergangen. Yanhong lebt wieder bei ihren Eltern. Im Nachbardorf hat sie eine Stelle als Kellnerin gefunden Von der Polizei hat die Familie nie wieder etwas gehört. Ob die Entführer und die Polizisten in dem Dorf zur Verantwortung gezogen wurden? Sie wissen es nicht. Briefe an die Provinzregierung blieben unbeantwortet. Als der Vater vor Gericht Anzeige erstatten wollte, schickte man ihn mit den Worten weg: "Sei froh, dass du deine Tochter wieder hast."

Yanhong kann nicht vergessen. Manchmal, sagt sie, habe sie im Restaurant bei der Arbeit Tagträume. Woran sie dann denkt? "An nichts", antwortet sie mit traurigem Blick. "Mein Kopf ist dann einfach leer."

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