Welt : Oh Schreck, der Böögg ist weg

Das Zürcher Bürgertum ist schockiert. Linksradikale stören das traditionelle Sechseläuten, das heute seinen Höhepunkt finden soll

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Das Zürcher Bürgertum ist entsetzt. Der Böögg ist verschwunden. Gestohlen von einer „Revolutionären Bewegung 1. Mai – Strasse frei“.

Wenn der Böögg nicht rechtzeitig gefunden wird, muss das traditionelle Sechseläuten am heutigen Montag mit einem Ersatz-Böögg stattfinden. Für das Zürcher Bürgertum ist das ein Albtraum. Das Sechseläuten ist ein alljährlich stattfindendes Spektakel, auf dessen Höhepunkt mitten in Zürich der

Böögg, ein Schneemann aus Holz und Pappmache, auf einem großen Scheiterhaufen verbrannt wird. In seinem Kopf befindet sich Feuerwerk. Während der Scheiterhaufen brennt, reiten Vertreter der alten Zünfte auf ihren Pferden um den Böögg herum. Irgendwann haben sich die Flammen zum Böögg emporgefressen und sein Kopf expodiert mit einem ohrenbetäubenden Knall. Je länger es dauert, bis der Kopf platzt, desto länger dauert es, bis der Sommer kommt, sagt die Legende.

Das Sechseläuten ist aber mehr als nur das Spektakel am Schluss. Der festliche Zug der Zünfte durch die Straßen Zürichs gilt als die wichtigste Selbstdarstellung des Zürcher Bürgertums. „Im Auftritt der in Trachten und historische Kostüme gekleideten Zünftler verbindet sich das Bekenntnis zur zürcherischen Tradition mit dem selbstbewussten Anspruch, ebendiese Tradition in der Gegenwart fortzuführen“, schreibt die „Neue Zürcher Zeitung“ („NZZ“). Erzürnt, aber auch ein bisschen geehrt, konstatiert das Zentralorgan der Zürcher Bourgeoisie: „Im Sechseläuten gewinnt aus linker Sicht das Feindbild eines sich selbst genügenden Bürgertums Gestalt.“

Der gestohlene, noch nicht ganz fertig gestellte Böögg, der seit 41 Jahren vom Buchbinder Heinz Wahrenberger hergestellt wird, befand sich vor der Tat in seiner Garage. Der Böögg wurde in seinen Einzelteilen abtransportiert, darunter der 3 Meter 40 lange Rumpf. Die Teile wiegen etwa 100 Kilogramm. „Deshalb geht die Kantonspolizei davon aus, dass die Täter für den Abtransport ein Fahrzeug verwendeten“, schreibt die „NZZ“ minutiös auf. Um 8 Uhr 33 ging bei der „NZZ“ ein Fax ein, mit dem eine „Revolutionäre Bewegung 1. Mai – Strasse frei“ die Verantwortung für die Aktion übernahm. Ein Sprecher bedauerte den Missbrauch des Sechseläutens zu politischen Zwecken. Natürlich sorge der Diebstahl des Bööggs für Unruhe in den Zünften. Aber er könne garantieren, dass auch am Montag ein Böögg auf dem Scheiterhaufen verbrannt werde. Als habe er es geahnt, hatte Heinz Wahrenberger bereits in der Mittwochausgabe der „Zürichsee-Zeitung“ gesagt: „Falls der Böögg aus irgendwelchen Gründen zu Schaden kommt, ist vorgesorgt: Für alle Fälle steht immer ein Reserve-Böögg bereit.“ Einen solchen Reserve-Böögg hat es am Sechseläuten seit je gegeben, jedenfalls bereits 1921, als der Original-Böögg mutwillig nachmittags um halb zwei Uhr angezündet worden war. Ein kleiner Junge hatte damals den Holzstoß vorzeitig entzündet. Später stellte sich heraus, dass der Junge von einigen Mitgliedern der Kommunistischen Partei angestiftet worden war, die mit dieser Aktion gegen die Arbeitslosigkeit protestieren wollte. „Eine Schandtat kommunster Art“, schimpfte tags darauf die „NZZ“. Die Drahtzieher wurden zu sechs Monaten Arbeitshaus verurteilt. Tsp

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