Welt : Ohne Bauchgefühl

Die Eltern wollen von der Schwangerschaft ihrer minderjährigen Tochter nichts bemerkt haben

Antje Lückingsmeier[Hamburg]

Ein Mädchen mit zwölf Jahren ist ein Kind. Es kennt sich aus in der Welt der Barbies, schwärmt für Boygroups und hat vielleicht schon mal einen Jungen geküsst. Soweit reicht die Fantasie der Erwachsenen. Aber weiter? Die zwölfjährige Juliane (Name geändert) hat im Hamburger Marienkrankenhaus überraschend einen gesunden Jungen zur Welt gebracht, nachdem sie mit „starken Bauchschmerzen“ eingeliefert worden war. Und ihre Eltern wie Bekannte behaupten, bis zuletzt nichts von der Schwangerschaft gewusst haben.

Die Polizei tut das nahe liegende: Sie ermittelt gegen Unbekannt wegen Verdachts auf sexuellen Missbrauch. Den Eltern zufolge könnte der Vater ein 17jähriger Junge aus der Nachbarschaft sein, der häufig mit Juliane Hausaufgaben gemacht habe. Auch der 17-Jährige werde vernommen, sagte ein Sprecher der Hamburger Polizei dem Tagesspiegel. Bislang sei er aber noch nicht gehört worden.

Laut „Hamburger Abendblatt“ gab es drei Wochen vor der Geburt einen Jugendamtstermin mit dem Mädchen und seiner Mutter, der Grund sollen handgreifliche Auseinandersetzungen gewesen sein. Der Sozialarbeiterin sei nicht aufgefallen, dass das Mädchen hochschwanger war. Schulleiter Albrecht Gsell behauptet jedoch, Eltern und Schulbehörde auf das veränderte Verhalten der Gymnasiastin hingewiesen zu haben. Und Mitschüler werden nun mit den Worten zitiert: „Das wusste doch die ganze Schule, dass die Juliane schwanger war.“ Warum Schulbehörde und Jugendamt nicht Hand in Hand arbeiteten, bleibt offen.

Kann es sein, dass ein junges Mädchen schwanger wird und die Familie merkt nichts davon? Leila Moysich, Leiterin des Hamburger „Findelbaby“-Projekts, wundert sich nicht darüber. „Die jungen Mädchen kennen doch ihren Körper noch gar nicht so genau“, sagt sie. „Entweder sie ahnen etwas und verdrängen den Gedanken an die Schwangerschaft bis zuletzt, oder sie sind wirklich ahnungslos und gehen mit besagten Bauchschmerzen ins Krankenhaus.“ Der dickere Bauch wird weggeschnürt, mit weiten Pullis kaschiert oder mit zu viel Nahrung erklärt. Weil nicht sein kann, was nicht sein darf – bis irgendwann die Wehen einsetzen.

Julianes Eltern, selber erst 33 und 34 Jahre alt, bestätigen bei einem Pressetermin im Klinikum, dass sie von der Schule über einen Verdacht informiert wurden. Von der Mutter vorgenommene Schwangerschaftstests seien aber negativ verlaufen. Welcher Art die Tests gewesen sind, will die frisch gebackene Großmutter nicht sagen: „Fragen Sie mich dazu bitte nicht.“ Julianes Vater, der von ihrer Mutter getrennt lebt, sagt, er habe seine Tochter auf ihre zunehmende Körperfülle angesprochen – und sich mit der Aussage „Ich esse halt mehr“ zufrieden geben müssen. Nach der Geburt, sagen die Eltern, seien sie „sprachlos gewesen“. Die Liebe zur Tochter sei aber größer als der Ärger, „hinters Licht geführt“ worden zu sein.

Die Mutter versucht sich in Optimismus. Sie bekräftigt, für Tochter und Enkelin da sein zu wollen. „Wir werden uns um sie kümmern und dafür sorgen, dass sie ihr Abitur machen kann.“ Sie selbst hat einen 16-monatigen Sohn von ihrem neuen Lebensgefährten. „Jetzt hab’ ich eben zwei kleine Kinder zu Hause“, sagt sie. Wo Juliane und ihr kleiner Sohn künftig leben sollen, ist aber noch offen. Für jedes Kind einer minderjährigen, unverheirateten Mutter übernimmt das Jugendamt die rechtliche Amtsvormundschaft. Die junge Mutter hat jedoch das Recht, den Aufenthalt des Kindes zu bestimmen und es zu versorgen. Sollte die Zwölfjährige ohne Hilfe durch Angehörige sein, komme eine Mutter-Kind-Einrichtung in Frage, sagt eine Behördensprecherin.

Für den Chefarzt der Frauenklinik, Peter Scheidel, war Juliane bisher die jüngste Patientin. Medizinisch sei die Geburt problemlos verlaufen, sagt er, aber das Mädchen müsse natürlich mit den physischen und psychischen Belastungen fertig werden. In ein paar Tagen könne sie das Krankenhaus verlassen.

In Hamburg brachten 2004 insgesamt 137 Minderjährige ein Kind zur Welt. Zwei von ihnen waren unter 15 Jahre alt. Dieser Zahl stehen 200 Abtreibungen von Minderjährigen gegenüber.

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