Welt : Ohne Schaden kein Betrug

Bei einem Freispruch für Alexander Falk droht Hamburg ein teurer Justizskandal

Arne Siebert[Hamburg]

Im Plenarsaal 300 im Hamburger Strafjustizgebäude herrscht um 9 Uhr 30 eine Stimmung wie in einem Klassenzimmer, kurz bevor der Lehrer kommt: Sechs Angeklagte mit heute acht Anwälten, fünf sind heute absent, zwei Staatsanwälte. In der dritten Reihe wird ein Mann mit viel Gel im Haar zum Spaß von einem jüngeren Mitangeklagten gewürgt. Der jüngere mit der blondierten Tolle ist Alexander Falk, der Primus. Der Mann, den er gleich wieder loslässt, war früher sein Finanzberater. Beide sind inzwischen wieder auf freiem Fuß. Alexander Falk hatte 22 Monate in Untersuchungshaft gesessen, angeklagt wegen Betrugs.

Der 36-Jährige ist Erbe des gleichnamigen Stadtplanverlages. Den hatte er 1995 verkauft und das Geld in ein Geflecht aus Internetanbietern, die Ision AG, investiert. Deren Aktienkurs soll er als Vorstandsvorsitzender mit Scheinumsätzen künstlich in die Höhe getrieben haben, um sie im Januar 2001 für 812 Millionen D-Mark an den britischen Telekomkonzern Energis zu verkaufen.

Plötzlich kommt das Klassenzimmer in Bewegung: Am Ende des vor Prozessbeginn im Dezember 2004 renovierten Vorzeigeplenarsaals öffnet sich eine Holztür. Durch den Spalt blickt der Vorsitzende Richter Nikolaus Berger, ehemaliger Sprecher der aus Berlin nach Hamburg abgewanderten Justizsenatorin Lore-Marie Peschel-Gutzeit (SPD). Falk huscht auf seinen Platz vorne rechts in der ersten Reihe. Doch nach kurzem, prüfendem Blick verschwindet Berger wieder hinter der Tür. Die Angeklagten tuscheln mit ihren Anwälten. Vorne rechts, ganz außen und weit von Falk entfernt, sitzt Dirk W., im Karohemd. Er hatte das Protokoll eines internen Meetings lanciert, in dem die angeblichen Scheingeschäfte verabredet worden sein sollen. Auf diesem Papier fußt die Anklage wegen schweren Betrugs. Die Staatsanwaltschaft beschlagnahmte damals bei Falk 532 Millionen D-Mark. Dirk W. war früher Mitarbeiter von Falk. Als die Geschäfte nicht mehr so gut liefen, bot ihm Falk eine Abfindung von 500 000 Euro. Im Juni 2005 gestand Dirk W., dass das Protokoll erfunden war.

Anfänglich saß Alexander Falk sogar in Isolationshaft: In einer neun Quadratmeter großen Zelle ohne Fernsehen und Zeitung, den Hofgang absolvierte er allein – um sich nicht mit seinen ehemaligen Geschäftspartnern absprechen zu können. In den folgenden Monaten bekam er Gesellschaft, spielte Schach mit Hamburgs berüchtigstem Auftragsmörder Zantopp und diskutierte mit dem damals ebenfalls inhaftierten Al-Qaida-Sympathisanten Mzoudi über den Koran. Sein tägliches Liegestützprogramm sah man ihm bei Prozessbeginn deutlich an. Seine Taekwondo-Kenntnisse halfen ihm, die Haftzeit körperlich unversehrt zu überstehen. Seine Tage im Knast plante er wie ein Manager – um durchzuhalten von sechs bis elf Uhr abends. Er las 300 Klassiker und die Akten für seine Verteidigung.

Um 9 Uhr 45 erheben sich die Angeklagten: Die Große Strafkammer betritt den Plenarsaal. Das akademische Viertel Verspätung hat sich an nunmehr 82 Verhandlungstagen so eingespielt.

Der Vorsitzende Richter Berger wirkt sich seiner Sache nicht mehr so sicher wie am ersten Verhandlungstag. Er ist fast so blass wie der Untersuchungshäftling bei Prozessbeginn. Der letzte Sonnentag in Hamburg liegt Wochen zurück, Berger dürfte auch den Sommer am Schreibtisch verbracht haben. Akribisch bereitet er sich vor, um den 13 Anwälten gegenübertreten zu können. Allein Falk beschäftigt drei. 700 Ordner mit 12 000 Seiten sind im Plenarsaal inzwischen bearbeitet worden.

Berger wies darauf hin, Falk könnte statt wegen vollendeten Betrugs auch nur wegen versuchten Betrugs verurteilt werden – ein Versuch, den ausufernden Prozess abzukürzen. Was nämlich fehlt, ist ein Geschädigter. Und ohne Schaden kein Betrug. Energis hat nie Strafanzeige erstattet und die Führung des Konzerns hat sich nicht gerade darum gerissen, vor Gericht zu erscheinen. Mitte September sollen sie nach zwei Jahren Prozess endlich aussagen.

Auch die übrigen Angeklagten wünschen sich ein schnelles Prozessende. Einige haben angeboten, „zu einer Lösung zu kommen“. Falk hat im Büro seines Rechtsanwaltes ein eigenes Zimmer zum Aktenstudium angemietet. Er kämpft, weil er nicht diesen Satz aus Managementseminaren zu glauben scheint: Dass man den Sieger am Start erkennt. Eher schon an ein deutsches Sprichwort: „Wer aufgibt, wird nie Sieger und ein Sieger gibt nie auf.“ Falk will einen Freispruch.

Und dann will er eine Entschädigung – Beobachter schätzten sie auf 50 Millionen Euro, der Angeklagte selbst hält sich noch bedeckt. Falks Anwalt Thomas Bliwier spricht von dramatischen Konsequenzen für den Haushalt der Hansestadt, wenn es dazu kommen sollte. Die Hamburger Justiz verweist nur auf einen Beschluss des Oberlandesgerichts: Ihm zufolge wird der Haftbefehl gegen Falk aufrechterhalten, wegen Fluchtgefahr. Dennoch wird er gegen 1,5 Millionen Euro Kaution von der Haft verschont.

Am 82. Prozesstag verliest der Vorsitzende Richter Urkunden. Falks ehemaliger Finanzberater, der Mann, den er eingangs freundschaftlich würgte, legt am Laptop Patiencen. Falk verbirgt hinter seinem Computer die „Financial Times“. Er liest die neuesten Wirtschaftsnachrichten.

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