Welt : Ohnmächtige Wut

Vater der toten Natalie verliert im Prozeß die Fassung AUGSBURG (dpa/rtr).Die ungeheure nervliche Zerreißprobe war vorhersehbar.Denn der Augsburger Prozeß um den Sexualmord an der siebenjährigen Natalie Astner konfrontierte die Eltern am Dienstag erstmals persönlich mit dem 29jährigen Täter Armin Schreiner.Schräg vor Hannes und Christine Astner, nur rund acht Meter entfernt, saß hinter einer schußsicheren Glaswand jener Mann, der ihre kleine Tochter grausam quälte und nach eigenem Geständnis tötete.Er mied jeden Blickkontakt. Die Eltern, die durch einen Nebeneingang ins Gebäude geleitet wurden, konnten ihre seelische Belastung nicht verbergen.Der Prozeß reißt alle ihre Wunden wieder auf.Als der Angeklagte in den Schwurgerichtssaal geführt wird, drückt sich die 30jährige Christine Astner zitternd eine Hand vor den Mund.Ihr 39jähriger Ehemann beißt sich auf einen Finger.Der Blick der Eltern ist danach fast ständig auf den Angeklagten gerichtet.Dieser aber dreht sich kein einziges Mal um, schaut nur starr nach vorne zur Richterbank.Als die Anklageschrift verlesen wird, weint Natalies Mutter still vor sich hin, wischt sich immer wieder Tränen ab. Hannes Astner kann schließlich seine Wut nicht mehr beherrschen."Du Schwein", ruft er mehrmals zum Angeklagten.Dieser berichtet von seinem Liebeskummer vor der Tat und von Depressionen.Da brennen bei Natalies Vater die Sicherungen durch."Diese Heuchelei halte ich nicht aus", ruft er und versucht, zum Angeklagten vorzudringen."Du dreckige Sau, du dreckige Sau, wenn du rauskommst...", brüllt er, bevor er von Beamten aus dem Saal gedrängt wird.Etliche der rund 100 Zuhörer zeigen spontan Sympathie mit Astner und seinen Gefühlen.Der Leitende Oberstaatsanwalt Jörg Hillinger warnt das Publikum, er werde gegebenenfalls die Räumung des Saales beantragen. Am Morgen des 20.September 1996 sei er nach einer Nacht voller Alpträume, Liebeskummer und Depressionen über das Ende seiner Beziehung mit seiner Freundin Andrea erwacht, berichtet der Angeklagte."Bei der Morgentoilette kam ich auf den Gedanken, mir ein Kind zu holen." Er schluchzt kurz."Der Gedanke, ein Kind in meiner Gewalt zu haben, erregte mich sexuell".Dann sei er mit einem wenige Tage zuvor gestohlenen roten VW Golf aufgebrochen.Der Gedanke an Macht sei durch sein Hirn geflossen, er habe an ein Kind gedacht und seine "Niederlagen beim weiblichen Geschlecht". Als er beim Haus seiner Ex-Freundin Martina eintrifft, traut er sich nicht zu klingeln.Er steigt wieder ins Auto und fährt herum.In Epfach trifft er auf die kleine Natalie, die gerade auf dem Weg in die Schule ist.Er hatte beschlossen, beim erstbesten Mädchen, das er trifft, zuzuschlagen.Als er Natalie sieht, setzt er sich eine Strumpfmaske auf, zerrt die Kleine in den Kofferraum und fährt in Richtung Lechauen.Dort angelangt, fleht Natalie um ihr Leben, bietet ihm 1000 Mark von ihren Eltern, wenn er sie gehen läßt.Sie versucht sogar, ihren Peiniger auf italienisch anzusprechen, da sie ihn für einen Ausländer hält.Doch er läßt nicht von ihr ab.Nachdem er sich an ihr vergangen habe, habe er ihr gesagt, sie sei frei.Die Kleine habe ihn gebeten, ihre Handfesseln zu lösen, um sich wieder anziehen zu können.Dabei habe sie sich kurz umgedreht und sein Gesicht gesehen, da er seine Maske abgenommen hatte."Irgendetwas explodierte da in mir", sagt der Angeklagte."Da war Angst, aber auch etwas anderes, gefährliches." Er schlug das Kind gegen einen Baum bis es das Bewußtsein verlor.Dann warf er Natalie in den Lech, wo sie ertrank. Den Namen "Natalie" nimmt der Angeklagte während seiner Aussage nicht in den Mund - immer ist vom Kind, vom Mädchen die Rede.Ja, er habe Kinder als Objekt gesehen, sagt er später auf eine Frage des Staatsanwalts. Der schreckliche Tod ihrer Tochter hat die Astners völlig aus der Bahn geworfen.Monatelang waren sie arbeitsunfähig und krankgeschrieben.

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