Welt : Oktoberfest: Es tröpfelt

Thomas Magenheim-Hörmann

Normalerweise ist das Münchner Oktoberfest nicht nur ein Fest für das Volk, sondern auch eines für die Wirtschaft. Bis zu sieben Millionen Besucher haben während der bierseligen 16 Tage nach Berechnungen des Münchner Ifo-Instituts für Wirtschaftsforschung zuletzt jedes Jahr stets knapp eineinhalb Milliarden DM Umsatz in der Isarmetropole gelassen. 2001 ist alles anders. "Es ist eine Katastrophe," sagt Herbert Koppenhöfer zur Situation. Der Besitzer eines kleinen Kinderriesenrads namens "Russenrad" ist angesichts eines im Vergleich zum Vorjahr 80-prozentigen Umsatzrückgangs verzweifelt. "Ich weiß nicht, was ich im Winter zum Leben habe," klagt der Schausteller. Wie andere leidet er vor allem massiv unter dem diesjährigen Fehlen von Familien mit Kindern. Krinolinen-Besitzer Theodor Niederländer kennt vier Gründe für die aktuelle Misere. Da sei zum einen "das Ereignis in New York". Zum anderen hätten die Medien Ängste geschürt. Dazu komme die schlechte Wirtschaftslage und anhaltendes Regenwetter. "Ein Trauerspiel", fasst der Schausteller- Sprecher Norbert Metzger, die Lage zusammen. Im Stadtrat wurden Subventionen für besonders Not leidende Schausteller diskutiert.

Noch ist darüber nicht entschieden. Wenn vor allem das Wetter sich nicht bessere, würden es aber wohl kleine Betriebe wie Kasperltheater, Flohzirkus oder Kinderkarusselle nicht schaffen, fürchtet Münchens Fremdenverkehrschefin Gabi Weishäupl nach der ersten völlig verregneten Oktoberfest-Woche. Zwei sonnige Tage vergangenes Wochenende haben nur kurzfristig für bessere Stimmung und höhere Umsätze gesorgt. Die verheerende Mischung aus Regen, Rezessions - und Kriegsängsten trifft dieses Jahr sogar die großen Bierzelte. Zur Wiesn- Halbzeit sei der Bierausstoß um ein Viertel auf 1,7 Millionen Maß gesunken, bilanzierte Weißhäupl. Zumindest mussten bislang keine Mitarbeiter entlassen werden, beruhigte Weishäupl. In den 14 großen Bierburgen mit ihren zusammen fast 100 000 Sitzplätzen und den rund 80 Fahrbetrieben schuften etwa 8000 fest angestellte und 4000 wechselnde Arbeitskräfte.

Auch eine im Vorfeld wegen der US-Terrorakte erwogene, völlige Absage des Fests wurde verworfen. Nur Weltkriege und Choleraepidemien haben seit dem ersten Wiesn-Anstich im Jahr 1810 bislang einen Komplettausfall erzwungen. In puncto Besucher und Bierausstoß droht das Oktoberfest aber 2001 um ein Jahrzehnt auf das Niveau des Jahres 1992 zurückgeworfen zu werden. Die diesjährige Wiesn des gebremsten Schaums hat aber auch gute Seiten. Immerhin verzeichnete das Rote Kreuz zur Wiesn-Halbzeit einen rund 20-prozentigen Rückgang ihrer Einsätze. Statt wie im Vorjahr 28 Kinder sind dieses Jahr erst 18 Sprösslinge verloren gegangen und bei der Oktoberfest-Betreuungsstelle wieder abgeholt worden. Eine US-Flagge und eine notarielle Urkunde warten im Fundbüro aber immer noch auf ihren Besitzer.

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