Welt : Oliver W.: Das erste deutsche Retortenbaby wird volljährig

Kerstin Kohlenberg

Nein, sprechen möchte er mit der Presse nicht. Oliver W. ist freundlich, aber kühl, fast abweisend. Das verwundert etwas bei einem Jungen, der gerade 18 geworden ist. Aber es ist verständlich bei einem Jungen, dessen Geburt wie eine Revolution gefeiert wurde und dem man prophezeite, er würde sich womöglich nicht normal entwickeln.

Am 16. April 1982 kam Oliver zur Welt. Mit dabei das ZDF-Gesundheitsmagazin und die Zeitschrift "Quick", die die Print-Exklusivrechte an seiner Geburt gekauft hatte. Oliver ist das erste Retortenbaby Deutschlands. Doch als solches will er heute auf keinen Fall behandelt werden. Er hat die Schule abgeschlossen und macht nun eine Lehre. Ganz normal. Das findet viele Jahre später auch eine Studie der Universitätsfrauenklinik Erlangen-Nürnberg, in der Oliver zur Welt gekommen ist. "Künstlich gezeugte Kinder sind ganz normale Kinder. Sie lernen im selben Alter wie andere Kinder Sprechen, sie werden genauso groß und schreiben dieselben Noten in der Schule."

Als Oliver zur Welt kam, war er eine Sensation. Im Guten wie im Bösen. Für viele sterile Frauen schien endlich der Weg frei zu einem ganz normalen Familienleben. Die Kritiker dagegen warnten vor einem höheren Missbildungsrisiko der Retortenkinder und mahnten zur Vorsicht. In Verbindung mit dem Wissen aus der Gentechnik könne es zu beängstigenden Entwicklungen kommen. Mittlerweile werden jedes Jahr in Deutschland 6000 Retortenbabys geboren.

Was ist daran interessant - heute, wo gerade die Gene entschlüsselt werden? Die Parallelen. Denn die Bedenken sind die gleichen, und auch der Wettlauf um gute Platzierungen im Genom-Projekt ist mit dem im Reagenzglas-Projekt zu vergleichen. An Retortenbabys hat sich die Gesellschaft gewöhnt. Und wahrscheinlich wird sie sich ebenso an die Gentechnologie und ihre Folgen gewöhnen. Die Ethik passt sich der Wissenschaft an: Das hatte schon der Molekularbiologe Robert Edwards gesagt, als er in England Louise Brown zum Leben verhalf, dem ersten Retortenbaby der Welt.

Wie kommt es dazu? Wie funktioniert ein wissenschaftlicher Wettlauf? Wer läuft als Erster, wer wartet und warum? Vielleicht können das drei Beteiligte erklären: ein Ungeduldiger, ein Zauderer und eine Ost-Berliner Wissenschaftlerin. Doch dazu später.

Vor Olivers Geburt forschten nur einige wenige Wissenschaftler an den Möglichkeiten zur künstlichen Befruchtung im Reagenzglas. Künstlich gezeugte Kaninchen liefen zwar schon durch die Labors, aber beim Menschen gab es Probleme. Wissenschaftliche und ethische. Man konnte die Eizellen aus der Gebärmutter der Frau entnehmen, aber man konnte sie außerhalb des Körpers nicht am Leben halten. Die Flüssigkeit, in der die Eizelle sich fühlt wie im Mutterleib, war noch nicht bekannt. Und vor allem war nicht klar, welchen Status das Mini-Embryo im Glas haben sollte: Mensch, kleiner Mensch, gar kein Mensch?

Dann kam der 25. Juli 1978. Das entscheidende Datum für das Wettrennen im Retortenprojekt. An diesem Tag lief eine überraschende Nachricht aus einer Klinik in der englischen Stadt Oldham um die Welt: In-Vitro-Befruchtung einer 32-jährigen Frau geglückt. Kind nach Kaiserschnitt wohlauf. Etwa 60 Mal war den Ärzten das gleiche Experiment in den neun Jahren zuvor missglückt. Jahrelang war der Gynäkologe Patrick Steptoe zwischen Oldham und dem Labor seines Partners Robert Edwards in Cambridge hin und her gependelt. Oft mit einigen Karnickeln auf dem Beifahrersitz. In den Bauchhöhlen der Tiere transportierte Steptoe die befruchtungsreifen Eizellen, die er seinen Patientinnen entnommen hatte und die nun im Labor befruchtet werden sollten.

Die "Bild"-Zeitung bezeichnete die Geburt von Louise Brown, dem ersten Retortenbaby der Welt, als das "größte Wunder der Medizin". Die Überschrift lautete jedoch: "Film- und Fotokrieg um das Jahrhundert-Baby". Denn nie zuvor hatte ein Wissenschaftler seinen Forschungserfolg besser vermarktet als der immer modisch gekleidete, 65-jährige, weißhaarige Mercedes-Fahrer Steptoe. Während der letzten Monate der Schwangerschaft hatte Steptoe die Presse gezielt auf sein Projekt aufmerksam gemacht, um die Rechte dann meistbietend für 1,2 Millionen Mark an die "Daily Mail" zu verkaufen.

Gottesgleiche Wesen

Retortenbaby, Genom-Projekt: Die Reaktionen von damals ähneln denen von heute. Für den Ex-Präsidenten der Amerikanischen Chemischen Gesellschaft, Charles D. Price, stand fest, dass die Fortschritte auf den Gebieten der Genetik, Biochemie und Embryologie bald "alles zwergenhaft erscheinen lassen, was etwa die Atomphysik und Raumfahrttechnik hervorbrachten". Und der Genetiker und Nobelpreisträger Hermann Joseph Muller prophezeite einen "Neubau des Menschen von Grund auf". Der Forschergeist werde "gottesgleiche Wesen" hervorbringen. Die andere Seite rief dagegen zu einer Verlangsamung der Entwicklung auf. Ansonsten, so der US-Wissenschaftler Allen Utke, werde die Menschheit, so wie wir sie kennen, in der nächsten Generation zerstört sein. Zu der Zeit war der Wettlauf um den zweiten Platz schon voll im Gange.

Besuch bei drei Beteiligten: dem Gynäkologen Siegfried Trotnow in der Universitätsfrauenklinik in Erlangen, dem Embryonalpharmakologen Horst Spielmann in West-Berlin und der Molekularbiologin Hannelore Körner in der Ost-Berliner Charité. Alle hatten sie die Neuigkeit aus England mitbekommen. Siegfried Trotnow war der Ungeduldigste. Während Spielmann zögerte und Körner so schnell nicht an die nötige Labortechnik kam, suchte Trotnow schon nach Mitarbeitern für sein Team.

Die Engländer Steptoe und Edwards hatten zwar ihre Methode veröffentlicht, die Zusammensetzung der Nährflüssigkeit aber, in der das befruchtete Ei im Reagenzglas 48 Stunden überleben muss, um heranreifen zu können, hatten sie geheim gehalten. Auf diese Weise war der Pilgerstrom tausender steriler Frauen nach England sichergestellt. Und um so viel wie möglich Geld an ihnen zu verdienen, hatten sich die beiden englischen Ärzte vom staatlichen und universitären Medizinbetrieb freigemacht und eine Privatklinik in einem mittelalterlichen Schloss eröffnet.

Dann ein kleiner Schock: 1980 holten die Australier Silber. Jetzt war für den ungeduldigen Trotnow nur noch der erste Platz in Deutschland drin. Im Januar 1981 ging er mit seinem Team ins Rennen.

Eizellen von Selbstmörderinnen

Der zögerliche Berliner Horst Spielmann hatte zur gleichen Zeit die ersten Angebote abgelehnt, quasi als Chef-Befruchter in eines der deutschen Teams einzusteigen. "Es gab einen richtigen Run auf die wenigen Leute, die Embryonen züchten konnten. Aber mir war das noch zu heikel." Spielmann wartete darauf, dass die Politik der Wissenschaft Richtlinien gab. "Nur so können Wissenschaftler in Situation wie der ersten künstlichen Befruchtung oder heute der Entschlüsselung des Genoms wissen, wie sie sich in der neuen Welt bewegen sollen." Allerdings müsse so etwas rasch geschehen, denn die Wissenschaft sei erheblich schneller als die Ethik. Aber die Politik tat nichts.

Auch die Ost-Berliner Forscherin Hannelore Körner konnte Embryonen züchten. Sie hatte ihre Doktorarbeit über die künstliche Befruchtung geschrieben und dafür ausgiebig an embryonalen Stammzellen geforscht. Die DDR hatte in dieser Hinsicht allerdings etwas ungewöhnliche Beschaffungsmethoden. Wenn man bei der Unterleibsoperation einer Frau gesehen habe, dass deren Eizellen gerade reif waren, erinnert sich Körner, dann habe man diese in der Regel abgesaugt. "Oder sie wurden Selbstmörderinnen bei der Obduktion entnommen. Heute ist das alles natürlich nicht mehr erlaubt."

Zurück nach Erlangen zu Siegfried Trotnow. Trotz einiger kleiner Probleme hatte er sich einen kleinen Vorsprung herausgearbeitet. Die Ungeduld machte sich bezahlt. Denn die Politik hatte die künstliche Befruchtung zwar nicht verboten, es gab aber keine öffentlichen Gelder für ein solches Projekt. Also organisierte Trotnow private Mittel und zapfte den Kliniketat an. Am 16. April 1982 holte er sich den ersten Platz in Deutschland, ebenfalls mit viel Medienrummel. Und nun begann die zweite Stufe des Wettrennens. Weil die Reaktionen in Deutschland auf die Geburt Olivers weit milder ausfielen als erwartet, stieg auch der zögerliche Spielmann in das Befruchtungsprojekt ein. Bei der Frauenklinik der Freien Universität in Charlottenburg. Damals, sagt Spielmann, seien alle wie im Rausch gewesen. Jede Frau, die steril war, wurde zur künstlichen Befruchtung gebracht. Nur geklappt hat es damals noch nicht so oft.

Nachdem in Erlangen das erste deutsche Kind geboren wurde, stieg die Nachfrage der sterilen Paare. Eine Umfrage bei Paaren mit Kinderwunsch ergab, dass 43,9 Prozent eine absolut positive und 34,3 Prozent eine positive Einstellung gegenüber Retortenbabys haben. Also wurde Anfang 1983 auch in Charlottenburg mit dem Befruchtungsprojekt begonnen. Vorher einigte sich eine Arbeitsgruppe um Spielmann jedoch auf ethische Rahmenbedingungen. Eine künstliche Befruchtung sollte nur bei sterilen, verheirateten Frauen angewendet werden dürfen, es durften keine Experimente mit der befruchteten Eizelle durchgeführt werden, und jede befruchtete Eizelle musste wieder in den Mutterleib eingepflanzt werden. Das war ein Versuch, Leihmutterschaft, Genmanipulation und das Forschen am Embryo zu unterbinden. Zur gleichen Zeit stieg auch die Ost-Berliner Charité in das Befruchtungsprojekt ein.

Spielmann fuhr nun immer dann in die Klinik, wenn die Frauen der Versuchsreihe reife Eizellen hatten. Die Eizellen wurden den Frauen abgesaugt, damals noch mit einer Nadel durch die Bauchdecke. Spielmann legte die Eizellen dann in eine Nährlösung und ließ die Spermien des Mannes auf sie los. Danach mussten sie zwei Tage in einen Brutschrank, um zu einem 4-Zell-Stadium heranzureifen. Anschließend übergab er sie dem Gynäkologen, der sie wieder in die Gebärmutter der Frau einpflanzte. "Es ist nicht sehr witzig, was die Paare da durchmachen. Die Frauen stehen wahnsinnig unter Druck, genügend Eizellen zu haben." Damit die Wahrscheinlichkeit steigt, dass sich eine befruchtete Eizelle in der Gebärmutter einnistet, entnahm man bis zu acht Eizellen und befruchtete sie. Und um einen Missbrauch zu vermeiden, mussten sie alle wieder in den Mutterleib zurück. Oft wurde die Frau dennoch nicht schwanger. Wenn es aber funktionierte, und das tat es damals in fünf Prozent der Fälle, mussten sich die Eltern häufig nicht nur einen Namen, sondern gleich zwei bis drei überlegen. Denn oft nisteten sich mehrere Eizellen in der Gebärmutter ein. Um den Frauen die Belastung einer solchen Mehrlingsgeburt zu ersparen, reduzierte man später die Zahl der Embryonen, die wieder eingepflanzt wurden, auf drei. Der Rest wurde vernichtet. Am 19. Juni 1984 war es dann auch für Spielmann so weit. Das erste West-Berliner Retortenbaby war geboren. Kurz darauf, am 5. Oktober 1984, folgte das erste Ost-Berliner.

Siegfried Trotnow, der Ungeduldige, ist am 30. Juni, 18 Jahre nach seiner ersten künstlichen Befruchtung, in Pension gegangen. Die Ost-Berlinerin Hannelore Körner arbeitet immer noch an der Charité. Allerdings hat sie nach ihrem Erfolg, das erste Retortenbaby im Ostblock geschaffen zu haben, nie wieder an einer künstlichen Befruchtung teilgenommen. "Ich hatte bewiesen, dass ich das kann." Seitdem arbeitet sie als Direktorin des Instituts für medizinische Genetik an der Entwicklung von genetischen Tests. Horst Spielmann sitzt heute im Institut für gesundheitlichen Verbraucherschutz und Veterinärmedizin. Er entwickelt gerade einen Test mit tierischen embryonalen Stammzellen weiter, mit dem mögliche Missbildungen durch Medikamente festgestellt werden sollen.

"Natürlich hätte es die Pharma-Industrie lieber", sagt Spielmann, "dass man den Test an menschlichen Stammzellen durchführt, das ist viel genauer." Das aber verbietet das Embryonenschutzgesetz. Jedenfalls noch. Denn Spielmann ist sich sicher: "Auch das wird kommen, wie das Amen in der Kirche."

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben