Online-Sucht : Wenn der Computer die Realität verdrängt

Online-Sucht entwickelt sich zum ernsthaften Problem: Drei bis neun Prozent der 16- bis 30-Jährigen verbringen mehr als zehn Stunden täglich vor dem Monitor - und entgleiten der Realität. Experten fordern Gegenmaßnahmen. So sollen die Hersteller zukünftig die Spieldauer auf den Bildschirmen einblenden.

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Computerspiele. Bald nur noch mit Warnhinweis und eingeblendeter Spieldauer erhältlich? -Foto: dpa

BerlinPsychologen und Suchtexperten sagen der Online-Sucht den Kampf an. In schriftlichen Stellungnahmen für eine Anhörung im Bundestagskulturausschuss schlagen sie vor, Hersteller von Internet-Computerspielen dazu zu verpflichten, ihre Produkte künftig mit Suchtwarnungen zu versehen. Außerdem sollen sie die Spieldauer auf den Bildschirmen einblenden.

Die Onlinesucht bei Jugendlichen und Erwachsenen ist nach Expertenmeinung "ein in seiner Tragweite noch weit unterschätztes gesellschaftliches Problem, dem sich auch das Gesundheitswesen stellen muss". Aus den Stellungnahmen geht ferner hervor, dass drei bis neun Prozent der Jugendlichen und jungen Erwachsenen zwischen 16 und 30 Jahren, die regelmäßig im Internet surfen, onlinesüchtig sind und täglich mehr als zehn Stunden vor dem Bildschirm sitzen.

Dabei lassen sich nach Angaben der Experten verschiedene Ausprägungen der Online-Sucht unterscheiden: 20 Prozent seien chatsüchtig - davon betroffen sind vor allem Frauen über 30 Jahre, 50 Prozent seien "online-sexsüchtig", männliche Studenten und Singles fielen besonders häufig darunter. Warum diese "soziale Scheinwelt" eine solche Attraktivität ausübe, müsse noch erforscht werden, meint das Leibniz-Institut für Neurobiologie in Magdeburg.

Keine Sucht hat eine höhere Dunkelziffer

Die Experten fordern unter anderem zentrale Anlaufstellen für Onlinesucht in allen Bundesländern sowie die Gründung von flächendeckenden Selbsthilfegruppen für Betroffene und deren Angehörige. Bei kaum einer Sucht sei die Dunkelziffer so hoch wie bei der Onlinesucht. Die Betroffenen vereinsamten oft. Die Folgen seien Jobverlust, Rückzug aus dem Familienleben und Abkapselung vom sozialen Umfeld, "das reale Leben verliert zunehmend an Bedeutung".

In dem Fragenkatalog für die Anhörung wird auch auf eine Studie des Verbandes europäische Onlinevermarkter (EIAA) Bezug genommen, wonach 43 Millionen Deutsche regelmäßig im Internet surfen. Der Studie zufolge hat das Internet dem Fernsehen unter den jungen Deutschen als meist genutztes Medium den Rang abgelaufen. (stb/dpa)

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