Online-Vermächtnisse : Unsterblich in der digitalen Welt

Facebook, Myspace, Blogs: Immer mehr Menschen haben sich im Internet verewigt – aber wie geht man nach ihrem Tod damit um? Ein schwedisches Unternehmen will nun als erstes den testamentarisch letzten Willen von Verstorbenen im Internet vollstrecken.

André Anwar
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Was machen Hinterbliebene mit dem Blog eines Angehörigen, wenn dieser stirbt? -Foto: dpa

StockholmIm Pionierland des Internets, in Schweden, häufen sich die Todesfälle von Menschen, die im Internet auf unzähligen Seiten ein zweites Leben zurücklassen. Angehörige sind oft überfordert damit, wie der digitale Nachlass behandelt werden soll. Das schwedische Unternehmen „Webwill“ will nun als erstes Unternehmen den testamentarisch letzten Willen von Verstorbenen im Internet vollstrecken. Auch im deutschsprachigen Raum soll es Ende des Jahres das Angebot geben.

Die digitale Welt ist eine unsterbliche – ganz im Gegensatz zu der Welt der Menschen, die sie schaffen. Immer mehr Personen, vor allem der jüngeren Generation, haben nicht nur ein richtiges Leben, sondern auch ein digitales. In sozialen Kontakt-und Selbstdarstellungsforen wie Facebook, Myspace, Twitter, Partnersuchseiten und Blogs legen sie Bilder und Videos an und schreiben öffentliche Tagebücher. In Schweden, wo das Internet relativ früh Verbreitung fand, wird nun diskutiert, was mit all diesen digitalen Vermächtnissen geschehen soll, wenn ein Anwender stirbt.

„Ich habe nie meine Tochter Madeleine gefragt, was ich mit ihrem Internetblog machen soll, wenn sie stirbt. Auch nicht was mit ihrem MSN-, ihrem Facebook- und ihrem Hotmail-Konto geschehen soll. Ich bin da sehr unsicher und weiß auch nicht, was rechtlich zulässig ist“, sagt Anne Murberger der schwedischen Zeitung „Svenska Dagbladet“, die, wie viele andere Medien in Schweden – einem Land in dem allein jedes dritte Teenagermädchen einen eigenen Blog hat –, dem Thema ganze Sonderserien gewidmet hat.

Die Schwedin Sunniva Gertinger hat ein schweres Jahr hinter sich. Ihr Freund nahm sich am Neujahrstag das Leben. Nachdem sie sich ein wenig von dem Schicksalsschlag erholt hatte, wollte sie das Facebook Konto ihres verstorbenen Freundes löschen, hatte aber nicht die Zugangsdaten. „Wer dann Facebook mit dem Totenschein kontaktiert bekommt keine Antwort, oder es dauert sehr lange“, sagt die 23-Jährige. „Die Gewissheit, dass er einfach so mit unseren gemeinsamen Freunden mit ein paar Klicks im Internet zu sehen war, war schlimm.“ Gertinger beschließt, die Seite muss weg, aus Respekt vor ihm aber auch vor denen, die ihm nahestanden. „Aber all das zu löschen ist schwierig“, sagt sie. Anne Murberger hat ähnliche Probleme. Ihre Tochter Madeleine Deckert ist im September 2008 im Alter von 20 Jahren an Krebs gestorben. Im Krankenhaus begann sie einen täglichen Blog im Internet zu veröffentlichen. Im noch immer existierenden Blog geht es um ihren Kampf gegen den Krebs, „den verdammten Idioten“, wie sie den Krebs im Internet nennt. „Das Blogschreiben war sehr wichtig für Madeleine. Sie bekam viel Zuspruch“, sagt ihre Mutter. Nach dem Tod der Tochter vermochte sie es nicht, sich um die digitalen Spuren zu kümmern. Nun ist sie sich unsicher. „Madde wollte vielleicht, dass der Blog weiter existiert. Oder auch nicht. Jetzt lasse ich ihn erstmal wo er ist. Viele lesen ihn noch“, sagt die Mutter, die selbst manchmal in den Blog ihrer toten Tochter geht, ähnlich wie zu einem Grab, und ihr schreibt, dass sie sie vermisst. „Das klingt wahrscheinlich seltsam, aber das tue ich tatsächlich. Vielleicht lassen wir ihn als Gedenkseite im Netz“, sagt sie der schwedischen Zeitung „Svenska Dagbladet“ in einem langen Porträt über Angehörige und die Datenwelt. Die anderen Konten wie etwa Facebook, will Murberger gerne löschen, hat aber keine Passwörter und weiß nicht, wie sie das machen soll.

Genau darüber hat die Unternehmerin Lisa Granberg nachgedacht. „Viele Leben ihr Leben in der realen Welt und im Internet, deshalb gibt es heute auch den Tod im Netz als relativ neues Phänomen“, sagt sie. Menschen können in ihrer Firma angeben, wie genau ihre digitalen Spuren nach ihrem Tod erhalten oder gelöscht werden sollen. „Sie verfügen eine Art Internettestament“, erklärt sie. In der Gratisversion können Konten deaktiviert werden. In der kostenpflichtigen Premiumversion können vorab verfasste E-Mails an bestimmte Personen geschickt werden oder letzte Aktualisierungen bei Facebook hinterlegt werden. „Es kann darum gehen, ein Facebook-Konto zu löschen, den Status zu aktualisieren oder eine vorbereitete E-Mail an alle Freunde zu verschicken“, sagt sie.

Aber wer vertraut einer kleinen privaten Firma einfach zu Lebzeiten sämtliche persönliche Zugangsdaten an? „Wir müssen einfach ein seriöses Image aufbauen. Wer zu einer Bank geht und dort sein ganzes Geld lässt, muss dieser ja auch vertrauen.“

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