Welt : Opernführer im Vergleich: Bei der Ouvertüre bitte nicht tratschen

Frederik Hanssen

Der Titel ist gut: Einen "Opernverführer" nennt Franz Endler seine Inhaltsangaben von 100 der beliebtesten Werke. Genau darum geht es: Lust zu machen auf Oper, die Leute ins Theater zu locken. Einstmals, als das Licht im Zuschauerraum während der Vorstellung nicht gelöscht wurde, war es kein Problem, die Windungen der Intrigen zu verfolgen. Man hatte am Eingang das Libretto erworben und konnte - wenn man nicht gerade mit der Dame von der Loge gegenüber flirten wollte - Vers für Vers mitlesen, was auf der Bühne verhandelt wurde.

Drei Jahrhunderte hielt man es so, dann kam Richard Wagner: Der Bayreuther Meister befand, die Zuschauer könnten sich im Dunkeln besser konzentrieren: Die neue elektrische Beleuchtung machte es bald möglich. Seitdem hat der Opernanfänger, der unvorbereitet ins Theater hetzt, nur eine Chance, die Story zu begreifen, wenn es Übertitel gibt, falls das Werk in der Originalsprache aufgeführt wird. Singt man auf Deutsch, kommen die Vokal-Konsonant-Reihungen der Sänger dem ungeübten Ohr fast immer spanisch vor.

Es hilft also nur der rechtzeitige Griff zum Opernverführer. Zum Beispiel zu dem von Franz Endler? Die Freude über den geistreichen Titel währt nur kurz: Bereits nach einer Seite wird klar, dass der Autor dem Leser keineswegs ein Wegweiser ins moderne Musiktheaterland sein will. Statt lebendiger Oper wünscht er sich die Pappmachée-Welt des 19. Jahrhunderts zurück, jene Zeiten, als Sänger ihre Arien mit rudernden Armen am Rampenrand ablieferten. Endler bedauert zutiefst das Versäumnis der Komponisten, sich vertraglich zusichern zu lassen, dass ihre Werke nur in einer einzig gültigen Version gespielt werden dürfen - wie heutzutage die großen Musicals. So aber fielen sie den Regisseuren in die Hände, die unter dem Deckmantel der Interpretation perverse Leichenfledderei betreiben: "Sie zeigen uns, was die eine oder andere Oper uns heute noch zu sagen hat. Nicht die Oper selbst."

Eine seltsame Mischung aus Pflichbewusstsein und Neugier treibt den Rezensenten dazu, nach dieser Ouvertüre trotzdem weiterzulesen. Wie schreibt einer über Opern, der nicht im geringsten vom Zweifel angekränkelt ist, dass die Komponisten vieles anders gemacht hätten, wenn sie von den Publikumserwartungen (Wagners Pariser "Tannhäuser"-Debakel), der Zensur (Verdis wieder und wieder umgeschriebene Libretti, Mozarts "Figaro") oder auch der Moral ihrer Zeit nicht zu Kompromissen gezwungen worden wären? Endlers bildlos präsentierte Inhaltsangaben sind die eines Habitués: detailreich, mit leichter Hand geschrieben und - nicht nur in der extra eingerichteten Randspalte - durch altkluge Zeigefinger-Zusätzen veredelt (Zu Smetanas Verkaufter Braut: "Bitte, bei der Ouvertüre nicht tratschen! Sie ist ein Meisterwerk und kann gar nicht oft genug gespielt werden.") Ab damit ins Opernmuseum!

Mit welcher angenehmen Zuürckhaltung empfängt den Leser da "Knaurs großer Opernführer". Nüchtern und sachlich werden hier die Informationen weitergegeben, mit Abrissen zum Komponisten, linear nacherzählten Inhaltsangaben, Anmerkungen zu Komposition und Rezeptionsgeschichte und - der Spieldauer des Werkes. Die vielen, oft allerdings recht kleinen Abbildungen, bemühen sich, legendäre wie aktuelle Inszenierungen zu spiegeln, ein Glossar erklärt verständlich Fachbegriffe. Der Extra-Service von CD-Empfehlungen stammt von den Rezensenten der Fachzeitschrift "Opernglas" und ist - weil unkommentiert - leider nur bedingt hilfreich.

Der idealen Mischung aus Sendungsbewusstsein und Wissensvermittlung begegnet der Leser in András Battas 920-Seiten-Wälzer "Opera": Der großformatige und dabei äußerst günstige Band ist ein Glücksfall für Genreneulinge, die bereits starke Oberarmmuskeln haben. Für alle anderen empfiehlt sich eine stabile Unterlage, denn aus dem Kurz-Mal-Nachschauen-Was-Da-Heute-Abend-Passiert könnte eine längere Schmöker-Session werden. Die Inhaltsangaben stehen nämlich eher im Hintergrund, fesselnder sind die ausführlichen, detailreichen Bildtexte, die gut geschriebenen Hintergrundstücke zu Werken, Figurenkonstellationen und Komponisten oder auch die Exkurse über so spannende Themen wie die Darstellung erotischer Gesellschaftsspiele des Ancien Régime in Mozarts Opern. Wer sich von der Begeisterung für diese unmögliche, unfassbare Kunstform, die dem Leser hier entgegen schlägt, nicht mitreißen lässt, ist für das Genre verloren.

Hat man dann die ersten Abende hinter sich und festgestellt, dass in der Oper nicht nur übermäßig dicke Frauen übermäßig laut Unverständliches brüllen, wächst die Lust, sich jenseits einzelner Werkdarstellungen einen Überblick über die Entwicklungsgeschichte der Gattung zu verschaffen, dann sollte man sich einen weiteren opulenten Bildband gönnen. In seinem "Streifzug durch 400 Jahre Musiktheater" beweist Richard Somerset-Ward einmal mehr die Überlegenheit des englischen Essay-Stils gegenüber kontinentaler Faktenhuberei. Zwar gibt es auch hier (dezent gedruckte) Fußnoten, doch das Ziel des Autors besteht darin, in einem charmanten Erzählton den Leser für seine persönliche Auswahl der Fakten, Geschichten, Anekdoten zu interessieren.

Eines kann auch der beste Opernführer dem Besucher nicht abnehmen: die Bereitschaft, sich Zeit zu nehmen. Zeit zur Vorzubereitung, damit man mehr sieht und hört, Zeit auch, um sich gelassen und konzentriert der ungewohnten Lebensgeschwindigkeit der Musiktheatermenschen hinzugeben. Nur unter diesen Voraussetzungen wird die einmalige Stärke der Kunstform erlebbar: Dass alles hier viel langsamer abläuft, als wir es aus unserem Alttag gewohnt sind, dass die Zeit in den Arien und Ensembles fast stillzustehen scheint - und damit so viel intensiver spürbar wird.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben