Welt : Opfer der Familie

„Ehrenmorde“ an Frauen sind in der Türkei immer noch Realität

Thomas Seibert[Istanbul]

Güldünya Tören floh Tausende von Kilometer, doch sie konnte ihren Mördern nicht entkommen – offenbar waren es ihre eigenen Brüder. Die 22-Jährige aus dem Osten der Türkei war von ihrer Familie verstoßen worden, weil sie ein uneheliches Kind erwartete. Sie floh nach Istanbul und brachte dort ihr Kind zur Welt. Doch ihre Brüder verfolgten sie. Der erste Mordversuch schlug fehl, die Frau kam ins Krankenhaus. Nur einen halben Tag später verschafften sich die Brüder laut Zeugenaussagen Zugang zum Krankenzimmer und schossen Gül in den Kopf.

Die türkischen Behörden bekommen die so genannten „Ehrenmorde“ nicht in den Griff. Immer wieder werden junge Frauen von ihren eigenen Familien umgebracht, weil sie durch angebliche oder tatsächliche Beziehungen zu Männern die Sippenehre beschmutzt hätten. Der Fall Güldünya werfe die Frage auf, wer der eigentlich Schuldige sei, kommentierte die Zeitung „Milliyet“. Die Familie? Die Täter? Die Polizei, die die Frau nicht beschützte? Oder türkische Gesetze, die nach wie vor Strafnachlässe für „Ehrenmorde“ vorsehen?

Güldünya Tören lebte bei ihrer Familie in dem Dorf Erler in der südosttürkischen Provinz Bitlis. Alles war in Ordnung, bis sie schwanger wurde – der Vater war der Ehemann ihrer Kusine. Unklar ist, ob die beiden ein Verhältnis hatten oder ob Gül vergewaltigt wurde. Klar dagegen scheint, dass die Schwangerschaft einem Todesurteil gleichkam. Die junge Frau floh zu einem Onkel nach Istanbul, der sie einem islamischen Geistlichen anvertraute. Presseberichten zufolge fällte der Familienrat das Urteil: Güls Brüder, der 24-jährige Irfan und der 20-jährige Ferit, reisten der Schwester demzufolge nach, um sie zu töten. Unter einem Vorwand holte sie Irfan im Haus des Imams ab, der jedoch darauf bestand, sie zu begleiten. Auf dem Weg lauerte Ferit und schoss auf seine Schwester. Güldünya wurde am Bein getroffen und ins Krankenhaus gebracht. Die Brüder flohen. Doch Zeugen zufolge tauchten sie noch in derselben Nacht in der Klinik auf, schossen ihrer Schwester aus nächster Nähe zweimal in den Kopf und machten sich davon. Während Güldünyas Leiche zur Bestattung in ihre Heimat gebracht wurde, kam ihr zweimonatiger Sohn in staatliche Pflege. Der Junge heißt Umut – Hoffnung.

Tausende nahmen in Bitlis an der Beisetzung teil, Zeitungen und TV-Sender berichteten groß über den Fall. Vielleicht unter diesem Druck der Öffentlichkeit dementierte Güls Familie ihr erstes Eingeständnis eines Todesurteils durch den Familienrat. Wäre Güldünya von ihren Brüdern erschossen worden, hätten diese auf eigene Faust gehandelt und würden nun ihrerseits verstoßen, sagte Vater Serif Tören.

Was immer im Dorf Erler geschehen ist – die Türkei ist durch den Aufsehen erregenden Fall gezwungen, einer schrecklichen Realität ins Auge zu sehen: Viele junge Frauen werden von ihrer Familie gejagt wie Freiwild. Allein der Frauenverband KA-MER versteckt zurzeit 25 junge Frauen, deren Verwandte ihren Tod beschlossen haben. Erst mit einer in den kommenden Monaten geplanten Strafrechtsreform soll es in türkischen Gesetzen keine mildernden Umstände mehr für „Ehrenmorde“ geben.

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