Welt : Oprah Winfrey hat Amerikas Kühe beleidigt

ROBERT RIMSCHA

Schadenersatz, wie von Züchtern verlangt, muß sie aber nicht zahlenVON ROBERT VON RIMSCHA WASHINGTON.Seit Jahren erscheint sie auf der Liste der zehn bestbezahlten Unterhalter Amerikas.Seit Jahren führt sie den Ehrentitel "Königin der Nachmittags-Talkshows".Sie setzt sich für die Umwelt und für Minderheiten ein, ist mit ihrem neuen Fernseh-Buchclub für die Verlage der USA noch wichtiger als Marcel Reich-Ranicki für die deutschsprachigen und spielt in etlichen Kinofilmen kleine Nebenrollen.Jetzt stand sie vor Gericht.Sie hatte Rindviecher beleidigt.Oprah Winfrey ist eine amerikanische Institution.Von ihren rund 50 Millionen Dollar, die sie jährlich verdient, sollte sie 11 bis 12 Millionen Schadenersatz zahlen.Dies verlangte eine Gruppe von Viehzüchtern.Im April 1996 hatte Winfrey in ihrer Talkshow einen Tierschützer zu Gast gehabt, der behauptete, daß in Amerika noch immer üblich sei, was in Europa als Ursache von Rinderwahn verdächtigt wird: das Verfüttern von Tiermehl an Tiere derselben Gattung, die sich sonst vegetarisch ernähren.Die US-Aufsichtsbehörde "Food and Drug Administration" (FDA) hat aus Furcht vor Rinderwahn verboten, daß Kuhmehl an Kühe oder Schweinemehl an Schweine verfüttert wird.Trotzdem, so der Tierschützer, könne in den USA noch immer Rinderwahnsinn ausbrechen.Winfrey rief ins Publikum: "Nachdem ich das gehört habe, esse ich keine Hamburger mehr! Ich habe aufgehört!" Einer anderer Studiogast, ein Farmer in vierter Generation, der nun anti-Fleisch-Aktivist ist, sagte: "Rinderwahnsinn läßt Aids wie einen kleinen Schnupfen aussehen."Am Tag nach der Ausstrahlung fiel der Preis für eine Option auf Rindfleisch an der Warenbörse in Chicago um zehn Prozent.Er erholte sich erst Monate später.Der Verband der Rinderzüchter sagt, im Kreis Amarillo seien Einnahmeverluste von knapp zwölf Millionen Dollar entstanden - eben der Schaden, den Winfrey ersetzen sollte.Rindfleisch ist in Texas keine Nebensache und in Amarillo schon gar nicht.Die Stadt im Nordwesten des Viehzüchterstaates war der Austragungsort des Prozesses.Oprahs Talkshow wurde für die Verfahrensdauer eigens in "Oprah in Texas" umbenannt, da die Beschuldigte die Sendungen in der Nachbarschaft des Gerichtssaales von Amarillo im alten Stadttheater statt wie sonst in Chicago aufzeichnete.Wer innerhalb einer Stunde ein 2-Kilo-Steak vertilgen kann, erhält es in Amarillos führendem Restaurant gratis.Ein Schlachthof ist der größte private Arbeitgeber der Stadt.Texas gehört zu den 13 US-Bundesstaaten, die ein eigenes Gesetz erlassen haben, das die heimische Landwirtschaft vor Beleidigung und übler Nachrede schützt.Die Agrarlobby hatte 1995 erfolgreich beklagt, im Zeitalter der Massenmedien genüge ein unbedachtes Wort eines Bildschirmlieblings, und eine ganze Branche muß büßen.So ist es jetzt ein zivilrechtlich verfolgbarer Tatbestand, der Kartoffel in Iowa oder der Orange in Florida latente Fäulnis oder schlicht schlechten Geschmack nachzusagen.Wer es dennoch tut, muß "ernsthafte und vertrauenswürdige wissenschaftliche Daten" nachweisen können, auf die er sich stützt.Oprah Winfrey war der Präzedenzfall der Hüter über das gute Image von Obst, Gemüse und Fleisch.In ihrem Verfahren, das zu ihrem 44.Geburtstag im Januar begann, ging es um die Schutzwürdigkeit heimischer Produkte und die Verfassungskonformität der "veggie-libel-laws".Die "New York Times" nannte die "Gemüse-Gesetze" "falsch und verfassungswidrig, da sie die Beweislast umkehren.""Wenn Gouverneur George Bush Jr.sagt, er mag keine Broccoli, ist das etwas anderes", erklärt ein Juraprofessor der örtlichen Universität."Oprahs Show hat in Frage gestellt, ob Rindfleisch grundsätzlich zum menschlichen Verzehr geeignet ist.Damit fällt es unter das neue Gesetz." Vor einer Woche entschied die Richterin anders.Das Sondergesetz sei nicht anwendbar, höchstens normale Verleumdung käme in Betracht.Seit Mittwoch berieten die Geschworenen.Am Donnerstag morgen entschieden sie, "böswillige Absicht" sei Winfrey und ihrer Produktionsfirma nicht nachzuweisen.Die Klage wurde abgeschmettert.Winfrey selbst war sich ihrer Sache zuvor offenbar nicht sicher.Sie war bereit gewesen, für eine außergerichtliche Einigung 2,4 Millionen Dollar zu zahlen.Nach ihrem Sieg sagte sie: "Free speech rocks.Ich entstamme einem Volk, das für das Recht auf freie Meinungsäußerung gestorben ist.Ich lasse mich nicht einschüchtern!" Kritiker der Agrarwirtschaft glauben, diese wolle unliebsame Kritiker mundtot machen."Die Debatte über Rinderwahn ist wegen des Verfahrens richtiggehend eingefroren", sagt der Autor eines Buches über die Gefahren der Seuche.In dem sechswöchigen Prozeß hat Oprah Winfrey unter anderem erklärt, sie habe 10 Minuten Zeit, sich mit einem Thema zu befassen, das anschließend auf Sendung geht.Sie vertraue ihren Redakteuren bei der Akuratesse der Fragen und der Überprüfung der Glaubwürdigkeit von Studiogästen.Die Zwänge des Fernsehens gestatteten es ihr leider nicht, einen Sachverhalt so komplex wiederzugeben, wie sie das gern täte und wie es angemessen wäre.Ihre Studiogäste hatten sich beklagt, positive Äußerungen über die Fleischindustrie seien herausgeschnitten worden.Für Amarillo beginnt jetzt wieder die Normalität.Sechs Wochen lang waren Tickets für Winfreys Show das begehrteste Gut im Kreis gewesen.Die Stadt lebt zwar von den Kühen, die Oprah beleidigt hat, doch derzeit lebt sie noch besser von Oprah.Tausende Touristen kommen, um im Fernsehstudio dabeizusein, wenn das aktuelle Programm aufgezeichnet wird.Wann Oprah zurück nach Chicago geht, ist noch offen.

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