Orkan : "Kyrill" tobt über Europa

Viele Tote, Millionenschäden, Verkehrschaos: Mit dem Orkantief "Kyrill" ist einer der schwersten Stürme der vergangenen 20 Jahre über Deutschland und Europa hinweggefegt.

Hamburg - Mindestens 27 Menschen - davon zehn in Großbritannien und sieben in Deutschland - starben bei dem verheerenden Orkan, der nach Angaben des Wetterdienstes Meteomedia Geschwindigkeiten von 202 Kilometern pro Stunde erreichte. Auch in den Niederlanden, Frankreich und anderen Ländern hinterließ "Kyrill" eine Schneise der Verwüstung.

Der Schienenverkehr in Deutschland stand zum ersten Mal in der Geschichte der Bahn fast völlig still. Tausende gestrandete Reisende erreichten ihre Ziele nicht. Die Mobilität der Menschen auf den Straßen, in der Luft und auf Wasserwegen war stark eingeschränkt.

Mit zunehmender Sturmstärke wuchs gegen Abend auch die Zahl der Todesopfer. Vor den Augen seiner Eltern wurde ein 18 Monate altes Mädchen in Bayern von einer Terrassentür erschlagen. Ebenfalls in Bayern wurde ein 73-Jähriger von einem Scheunentor erdrückt, das eine Böe aus den Angeln gehoben hatte. Ein Mann starb in Baden-Württemberg, als er mit dem Auto auf einen umgestürzten Baum fuhr. In Nordrhein-Westfalen wurde eine Frau in ihrem Wagen von einem Baum erschlagen. Ein 39-jähriger Feuerwehrmann wurde bei einem Einsatz nahe Krefeld von einem entwurzelten Baum tödlich getroffen.

Im niedersächsischen Hildesheim erlitt ein Autofahrer tödliche Verletzungen durch einen Baum, der auf sein Fahrzeug stürzte. In Sachsen-Anhalt kam ein Mann ums Leben, als in einer Gaststätte eine Wand auf ihn stürzte. Wie durch ein Wunder überlebte ein Bauarbeiter, der in Berlin auf einem Gerüst von einer Böe erfasst worden und zehn Meter in die Tiefe gerissen worden war.

Tonnenschwerer Träger am Berliner Hauptbahnhof eingestürzt

Den Flugverkehr Europas wirbelte "Kyrill" ebenfalls durcheinander. Die Gesellschaften strichen hunderte Verbindungen, manche Maschinen hoben erst mit stundenlanger Verspätung ab. Am größten deutschen Flughafen in Frankfurt wurden bis zum frühen Abend 178 Flüge gestrichen. Chaos auch im Schiffsverkehr: Im Ärmelkanal spielten sich dramatische Szenen ab, als der Container-Frachter "MS Napoli" wegen eines Motorschadens vor Cornwall in Seenot geriet. Trotz meterhoher Wellen und heftiger Windböen eilten Helfer in Booten und Hubschraubern herbei und retteten alle 26 Besatzungsmitglieder.

Schwere Sturmflut an den Küsten erwartet

In Deutschland wurden die Fährverbindungen auf Nord- und Ostsee sowie dem Bodensee zeitweise eingestellt. Auf den Inseln und an den Küsten bereiteten sich die Menschen auf eine schwere Sturmflut vor. Auf Sylt und Helgoland wurden nach den schweren Küstenschäden der vergangenen Monate weitere Dünenabbrüche befürchtet. Zunächst entwickelte sich "Kyrill" im Nordwesten allerdings schwächer als prognostiziert.

"Kyrill" ließ vielerorts den Strom ausfallen; in Magdeburg kam fast das ganze öffentliche Leben zum Erliegen. Katastrophal war die Lage im Harz. Auf dem Brocken wurden Windgeschwindigkeiten von rund 200 Kilometern pro Stunde erreicht, überall knickten Bäume um. "Der Harz ist praktisch nicht mehr passierbar", sagte ein Polizeisprecher. In Schleswig-Holstein prallte ein Intercity gegen einen Baum, verletzt wurde niemand.

"Extreme Unwetterwarnung"

Vielerorts wurden windanfällige Straßenabschnitte und Brücken gesperrt, dennoch warf der Sturm mehrere Lastwagen um. Etliche Schulen, Kindergärten und Behörden schickten schon am Vormittag Kinder und Mitarbeiter nach Hause.

Der Deutsche Wetterdienst hatte für Regionen in mehr als der Hälfte der Bundesländer eine "extreme Unwetterwarnung" ausgegeben. Der Begriff bezeichnet die höchste mögliche Warnstufe. Bis in die Nacht hinein bestünden diesmal außerordentliche Gefahren beim Aufenthalt im Freien, hieß es bei den Wetterdiensten, die den Höhepunkt des Orkans gegen Mitternacht erwarteten. (tso/dpa)

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