Welt : Orthodoxe Fundamentalisten in Russland auf dem Vormarsch

Elke Windisch

Moskau - Die Forderungen hören sich an wie aus einen Katalog aus finstersten Zeiten der Inquisition. Demokratie sei Gotteslästerung, denn sie stehe „im Widerspruch zur Lehre der Kirche“. Macht sei nur legitim, wenn sie von Gott selbst an ihm Wohlgefällige verliehen wird. Einzig mögliche Regierungsform sei daher die Monarchie, und deren wichtigste Aufgabe, den allgemeinen Sittenverfall zu stoppen. Neben Alkoholismus und Drogenmissbrauch müssten auch Impfungen, Abtreibungen und Homosexualität mit aller Strenge bekämpft werden. Sünder gehörten öffentlich an den Pranger gestellt, ersatzweise müssten sie exkommuniziert werden.

Die Verfasser dieser Thesen sind Zeitgenossen, Bischöfe der Eismeer-Halbinsel Tschukotka, dem nordöstlichsten Amtsbezirk der Russisch-Orthodoxen Kirche: Der Adressat: Patriarch Alexi II., dem die frommen Eiferer Laxheit im Kreuzzug gegen das Sündenbabel der Moderne vorwerfen. Mit einem Brandbrief ähnlichen Kalibers – beide Texte wurden dem einflussreichen Blatt „Kommersant“ zugespielt – sorgten die Popen aus der Arktis schon im Winter landesweit für Furore. Die Bischöfe verlangen von Alexi, auf Distanz zur Ökumene zu gehen. Wer mit anderen Bekenntnissen – auch christlichen – kooperiere, mache sich der Ketzerei und der Sünde wider den Heiligen Geist schuldig, die nicht vergeben werden könne. Massiv unter Druck der Fundamentalisten kommt Alexi dabei ausgerechnet mit Projekten, die er weniger aus eigener Einsicht betreibt, sondern eher, weil der Kreml ihn drängt: normale Beziehungen zum Vatikan und eine schrittweise Wiedervereinigung mit der Auslandskirche. Von Emigranten nach der Revolution 1917 im Westen gegründet, vertritt letztere erheblich tolerantere Positionen als die Kirchenväter in Moskau.

Ein Sprecher des Patriarchats bezeichnete den Brief in einer ersten Reaktion zwar als „unverantwortlich“ und „Provokation“. Kirchenexperten wie der Journalist Mark Krutow jedoch glauben, dass weitere Konsequenzen ausbleiben. Einen linken Flügel gebe es im Patriarchat nicht, nur einen rechten, der stramm hinter den Fanatikern stehe. Auf deren Betreiben hin ist Sexualkunde bereits vom Lehrplan staatlicher Schulen verschwunden.Elke Windisch

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