Osten : Angst vor sozialer Ansteckung

Die ostdeutsche Gesellschaft zerfällt immer mehr. Dies ist das Ergebnis einer in der brandenburgischen Kleinstadt Wittenberge realisierten Langzeitstudie, die von der Bundesregierung mit 1,7 Millionen Euro unterstützt wurde.

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Ein Kino, ein Pferd, ein alter Radfahrer. So sieht es in Wittenberge aus, einer ostdeutschen Stadt mitten in Deutschland.Fotos:...

Arbeitslose treffen sich gemeinsam in Discount-Supermärkten, um nach dem günstigsten Angebot zu suchen. Die Märkte werden für sie zu einem Lebensmittelpunkt. Wissenschaftler haben diese Beschäftigung „Discounting“ genannt. Für manchen Erwerbslosen sei sie an die Stelle eines Jobs getreten. „Das Arbeitsleben transformiert sich in ein Leben des Konsums“, sagt der Soziologieprofessor Heinz Bude. Und er hat weitere Beobachtungen gemacht: Soziale Ungleichheit mache sich inzwischen sogar in der Struktur deutscher Kleinstädte bemerkbar. In Wittenberge, Brandenburg, herrschten amerikanische Verhältnisse. Die Reichen wohnen laut Bude außerhalb, die Armen im Stadtkern. Man meide sich. Die Wohlhabenden hätten so etwas wie eine „soziale und moralische Ansteckungsangst“, sagt Bude.

Heinz Bude ist der Leiter eines gigantischen Forschungsprojekts. 28 Wissenschaftler und Journalisten waren Anfang 2007 in Wittenberge eingefallen – sie blieben drei Jahre lang. Einige wohnten sogar in dem Örtchen mit seinen 20 000 Einwohnern an der Bahnstrecke zwischen Berlin und Hamburg. Die Forscher und Journalisten haben das Leben der Einwohner bis ins Detail untersucht, Interviews geführt, teilgenommen, beobachtet. 1,7 Millionen Euro hat sich das Bundesministerium für Forschung und Bildung die Studie kosten lassen. Sie heißt Social Capital – über Leben im Umbruch. Das „Zeit Magazin“ veröffentlicht die Ergebnisse in der am Donnerstag erscheinenden Ausgabe. Im Laufe des Jahres soll ein Buch erscheinen. „Die Zusammenarbeit von Journalisten und Wissenschaftlern sollte die Ergebnisse anschaulicher machen“, sagt Nina Pauer vom „Zeit Magazin“.

Eine vergleichbare Studie hat es erst einmal gegeben. 1930 blieb ein österreichisches Forscherteam ein Jahr lang in Marienthal, einer kleinen Stadt nahe Wien, um die Auswirkungen von Massenarbeitslosigkeit zu untersuchen. „Die Arbeitslosen von Marienthal“ wurde zu einem Klassiker der Sozialforschung.

Aber warum eigentlich Wittenberge? „Ausgewählt wurde die Stadt wegen seiner historischen Biografie“, sagt Pauer, die auch dort war. In den 80er Jahren waren die Bewohner von Wittenberge noch stolz auf ihr Nähmaschinenwerk, das modernste der Welt. Die Stadt avancierte zum industriellen Knotenpunkt Ostdeutschlands. Nach der Wende folgte der rasante Niedergang. Und der ließ die Stadt interessant werden – zumindest für die Forschung. „Es geht um Deindustrialisierung“, sagt Projektleiter Bude. Und die habe überall stattgefunden, nicht nur in den neuen Bundesländern. „Das ist eine europäische Geschichte. Wittenberge gibt es auch in Belgien, Portugal oder Rumänien“, sagt Bude in ruhigem Tonfall. Der Mann ist allerdings bereit, seine Thesen zu diskutieren. Sein Forscherteam hat die westdeutsche Kleinstadt Pirmasens zum Vergleich mit Wittenberge herangezogen, erzählt Bude auf Nachfrage. Es gebe einige Parallelen, aber das bürgerschaftliche Engagement zum Beispiel würde in Pirmasens besser funktionieren als in Wittenberge. „Pirmasens hat eine Milliarde Euro Schulden“, sagt Bude, eine unglaubliche Zahl für eine Stadt mit gut 40 000 Einwohnern. Unter anderem dieser Umstand gebe den Menschen so etwas wie ein Zusammengehörigkeitsgefühl. Wittenberges Haushaltskasse ist kaum belastet.

Die Bewohner von Wittenberge waren zuerst nicht gerade begeistert von diesem Forscherteam aus Westdeutschland, das gekommen war, um ihr Leben zu sezieren, und ganz besonders auch noch das der Langzeitarbeitslosen. „Erst nach einer Weile haben die Menschen gemerkt, dass unsere Beobachtungen und die Erkenntnisse daraus ihnen auch helfen können“, sagt Heinz Bude. Die Entdeckung eines wesentlichen Problems innerhalb der Familien zum Beispiel. Die Eltern sagen ihren Kindern, dass sie in die Welt hinausgehen sollen, um es dort besser zu machen. Um dann im übernächsten Satz das Bleiben der Kinder zu fordern: „Verratet uns nicht!“ Die Antwort der Kinder fällt ebenso widersprüchlich aus: Lasst euch nicht so hängen, verlangen sie. Später werden die Eltern dann aber doch bemitleidet: Was sollt ihr auch sonst tun in eurer perspektivlosen Lage? Die Kommunikation der Familien sei gewissermaßen doppelt paradox, haben die Forscher beobachtet.

Wer sich einmal in Wittenberge aufgehalten hat, dessen Beobachtungen decken sich weitestgehend mit denen des Forscherteams. Allein der Bahnhof sieht verlassen aus. Der Fahrkartenschalter ist nur selten besetzt. Ein Automat? Gibt es auf dem Bahnhof nicht. Man muss ihn erst suchen, er steht etwas außerhalb und ist meistens defekt. Die Rollläden vieler Häuser hier sind heruntergelassen. Es ist schwierig zu sagen, wo jemand wohnt. Im Umfeld des Bahnhofs warten einige, die keine Arbeit haben. Auf was eigentlich? In einen der Züge, die von Hamburg nach Berlin rasen, steigen diese Menschen nicht ein.

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