Welt : Osterhasenschicksale

MANFRED PAPST

VON MANFRED PAPSTMan soll nicht glauben, der Osterhase sei nur etwas für Kinder.Zumindest der Schokoladenosterhase, namentlich der zerbrochene und deshalb im Preis herabgesetzte, ist ein wesentlicher Bestandteil der intellektuellen Szene.Eine Umfrage unter Zürcher Kulturschaffenden hat ergeben, daß erstens ausnahmslos alle Befragten finden, Osterhasenschokolade schmecke anders als andere Schokolade, nämlich süßer, samtiger, runder, und daß zweitens alle Befragten sich in ihrer Kindheit einen bestimmten (weißen, gescheckten, schubkarreschiebenden, motorradfahrenden) Schokoladenosterhasen gewünscht und nicht bekommen haben.Das holen sie nun nach, wieder und wieder, und da sie das Objekt der Begierde im Sehnen nach dem seligen Kinderland sogleich verspachteln, darf es auch ein bereits ramponiertes Exemplar sein.Einzelne Zürcher Kulturschaffende haben sogar zugegeben, daß sie ihre Schokoladehasen heimlich, aber heftig über die Kante des Einkaufswagens hauen und an der Kasse scheinheilig fragen, ob der Gemeuchelte nicht verbilligt zu haben sei.Zur Ehrenrettung der Zürcher Kulturschaffenden fügen wir jedoch hinzu, daß es unter ihnen auch solche gibt, die das Elend von Hasen, die mit geknicktem Ohr oder gequetschtem Eierkörbchen im Regal stehen, nicht ansehen können.Sie kaufen die Ärmsten sogleich, tragen sie sorgsam nach Hause, machen sie mittels Kuchenpinsel und im Wasserbad geschmolzener Tafelschokolade wieder heil und stellen sie bis Pfingsten neben ihren PC.Aber der Mensch ist ein widersprüchliches Wesen.Oft kaufen die gleichen Leute für wenig Geld zerbrochene Hasen, schicken sie mit pomadigen Kärtchen an Neffen und Nichten und verlassen sich darauf, daß die der Post die Schuld geben. Die Zürcher Kulturschaffenden haben jedoch nicht nur niedrige Instinkte, sondern auch einen Traum.Eines Tages werden sie bei Sprüngli am Paradeplatz den allergrößten Osterhasen kaufen.Der ist aus fünf Kilogramm Schokolade gemacht und kostet 395 Franken.Fünf Tage im voraus muß man ihn bestellen.Das ist einer Affekthandlung hinderlich.Schon mancher Zürcher Kulturschaffende hat, natürlich unter falschem Namen, einen Königshasen bestellt und dann einfach nicht abgeholt.Zunächst ringt er noch mit sich und hofft wild, die Verkäuferin werde mit dem kostbaren Stück in der Hand über den Teppichrand stolpern und ihm die Trümmer verlegen lächelnd überlassen.Dann verdrängt und vergißt er im Zug des Freudschen Triebverzichts den Hasen - worauf der ihn, zum Nikolaus umgeschmolzen, in quälenden Träumen heimsucht, um künstlerisch verwandelt - Sublimierung! - zu einem weiteren Stück Zürcher Kultur zu werden.

Mehr lesen? Jetzt gratis E-Paper testen!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben