Pakistan : Die Flut zum Nachbarn umgeleitet

Entscheidungen, die Flut in Pakistan an bestimmten Stellen abzulenken, um größere und strategisch gelegene Städte und Einrichtungen zu retten, haben in der Unglücksregion Kritik ausgelöst.

Imtiaz Gul
Flüchtende waten durch das Hochwasser hin zu höhergelegenen Orten und Städten.
Flüchtende waten durch das Hochwasser hin zu höhergelegenen Orten und Städten.Foto: AFP

Aus 6000 Metern Höhe ähnelt der schlammige Indus einer endlosen Schlange. Bis vor vier Tagen war hier unten nichts als Wasser zu sehen, sagt der Flugkapitän Usman Auarakzai, der diese Nord-Süd-Strecke jeden Tag fliegt. Es war, als ob wir über einem Meer flögen, erinnert sich Aurakzai an die erste zerstörerische Flutwelle, die am 29. Juli im Norden Pakistans ihren Anfang nahm und sich in den Süden wälzt. In drei Tagen wird sie auf der Höhe von Hyderabad sein, der zweitgrößten Stadt der Südprovinz Sindh. Hier steht der KotriDamm. Eine so große Flut hat der 1955 erbaute Damm nie zuvor erlebt. „Wir können nur zu Gott beten, dass diese Superflut ohne Schaden vorbeigeht”, sagt der pensionierte Wasserbauingenieur Anwar Dasti Baloch.

Die Behörden haben in Hyderabad Hilfslager für die großen Scharen entwurzelter Menschen eingerichtet, die in die Stadt kommen. Die Flut treibt die Menschen vor sich her, die ihre Häuser und ihr Eigentum verlassen mussten. Ebenso viele Menschen sind trotz der Gefahr zurückgeblieben, denn sie haben von Plünderungen in evakuierten Gebieten gehört. „Wir wollen das Eigentum niemandem überlassen”, sagt Nadeem Mehr, dessen Vater das Haus bewacht, während die Familie geflüchtet ist. „Wir haben keinen Kontakt mit dem Vater mehr“, sagt der Mann, „weil die Handybatterien wegen fehlenden Stroms nicht aufgeladen werden können“.

Nach wiederholten Klagen über die nur schleppend anlaufende Hilfe steigt die internationale Spendenbereitschaft nun an. Die Weltbank gewährte einen Millionenkredit, auch aus Deutschland fließen nach Angaben des Deutschen Roten Kreuzes (DRK) mittlerweile mehr Spenden. Pakistanischen Schätzungen zufolge kostet allein der Wiederaufbau im Norden des Landes fast zwei Milliarden Euro. Das von den katastrophalen Überschwemmungen betroffene Gebiet habe etwa die Größe Englands, sagte der pakistanische UN-Botschafter, Zamir Akram, am Dienstag in Genf. Allein für den Wiederaufbau im Norden Pakistans würden 2,5 Milliarden Dollar benötigt. Noch immer sei das Land auf Soforthilfen angewiesen, darunter vor allem Nahrung, Trinkwasser und Medikamente gegen Infektionskrankheiten. Die Weltbank schätzte die Auswirkungen der Katastrophe auf die pakistanische Wirtschaft als „gewaltig“ ein; die Fluten hätten neben Straßen, Brücken und landwirtschaftlichen Flächen rund 723 000 Wohnhäuser zerstört oder beschädigt. Sie stellte am Montag einen Kredit in Höhe von 900 Millionen Dollar bereit. „Wir können eine Naturkatastrophe dieser Dimension nicht alleine überwinden”, sagte der pakistanische Ministerpräsident Yousouf Raza Gilani am Dienstag in Islamabad. Angesichts der immer schlimmeren Ausmaße der Flutkatastrophe schlug EU-Kommissionspräsident José Manuel Barroso eine internationale Geberkonferenz vor. Dabei sollen große Geldsummen für den langfristigen Wiederaufbau des Landes gesammelt werden.

Schwerwiegende Entscheidungen, das Wasser an bestimmten Stellen abzulenken, um größere und strategisch gelegene Städte und Einrichtungen zu retten, haben Kritik ausgelöst. „Ein Minister hat die Flutwelle auf unsere Dörfer gelenkt, um eigenes Eigentum und den Jacobabad-Flughafen zu schützen“, warf der ehemalige Premierminister Mir Zafrullah Jamali dem Bildungsminister Ejaz Jhakhrani vor. „Der Minister dachte nicht nur an seine Felder und Dörfer, sondern auch an Dollars”, beschuldigte er den Minister unter Anspielung auf dessen gute Beziehungen zu den Amerikanern. Unbestätigten Berichten zufolge ist der Minister der wichtigste Lieferant der Amerikaner.

Ebenso empört reagierte Jamshed Dasti, ein Abgeordneter der Nationalversammlung. Er warf Zulfiqar Khosa, dem der Oppositionspartei Pakistan Muslim Lega angehörenden Clanführer, vor, die Überschwemmung seines Dorfes verursacht zu haben. „Die Khosas haben eigenes Gebiet gerettet, indem sie unsere Dörfer und Agrarland überfluten ließen”, sagte Dasti.

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