Pakistan : Im Tal der Hoffnung

Im Süden Pakistans haben Soldaten eine Deichstraße gesprengt, um Jacobabad zu retten – dafür wurden zahlreiche Dörfer überflutet.

Imtiaz Gul
Sauberes Trinkwasser ist das Wichtigste, was die Menschen im Hochwassergebiet brauchen.
Sauberes Trinkwasser ist das Wichtigste, was die Menschen im Hochwassergebiet brauchen.Foto: dpa

Noch vor drei Wochen hatten die Menschen Gott um mehr Wasser gebeten. Sie sehnten den Monsun herbei, mit seinen alljährlichen beherrschbaren Überflutungen, die das Ackerland so dringend braucht. Überall setzten die Bauern zu Sondergebeten an, baten um die Gnade Gottes. Immer weniger Wasser war in den letzten Jahren den Indus hinuntergeflossen, die Bewässerung der Ackerflächen wurde immer schwieriger.

Jetzt beten die Menschen wieder, erbitten Rettung aus den Wassermassen. Die große Flut hat den Süden erreicht. Verheerung überall.

Die Fahrt von Sukkur, der drittgrößten Stadt der Provinz Sind in die historische Stadt Jacobabad wird jäh unterbrochen. Seit Tagen kämpft Jacobabad gegen die Fluten, 90 Prozent der Bevölkerung wurden in Sicherheit gebracht. 30 Kilometer vor der Stadt, in dem Dorf Lodhra, ist kein Weiterkommen möglich. In der Nacht zum Montag hat die Armee die Straße gesprengt. Die Straße ist erhöht und wirkt wie ein Damm, der eine gleichmäßige Überschwemmung des Landes verhindert und stattdessen die Wassermassen gezielt nach Jacobabad lenkt.

Die Sprengung hat Folgen. Hunderte kleine Dörfer, die vorher durch die Straße geschützt waren, stehen auf einmal unter Wasser.

„Kurz vor Mitternacht wurden wir über den Moscheelautsprecher aufgefordert, das Dorf zu verlassen“, berichtet Lala Khalil Khan, ein Getreidehändler. Das Wasser war schon knietief, als wir das Boot gegen vier Uhr morgens verließen, sagt Khan, der uns den Turm seines aus dem Wasser ragenden Hauses auf der anderen Seite zeigt.

Auch die Moschee ist hinter den im Wasser schimmernden Bäumen sichtbar. Armeesoldaten waren auch am Mittwoch dabei, die im Dorf verbliebenen Bewohner in Booten in Sicherheit zu bringen.

Wohin man auch blickt, ein riesiges Meer schimmert im Licht der Sonne.

Zwei Jungen sind ertrunken, als die Straße gesprengt wurde und die Flutwelle über die Dörfer hereinbrach. „Sie können sich das nicht vorstellen”, sagt der Polizist Yunus Jkahrani. Jhakrani bewacht die gesprengte Straße. Daneben liegt die Eisenbahnstrecke, schwer beschädigt. Fünf Kilometer entfernt sind die Dorfbewohner in kleinen höher gelegenen Zeltsiedlungen untergebracht. Auf der Hauptstraße von Shikarpur, einer Stadt mit 20 000 Einwohnern, spielen sich dramatische Szenen ab. Junge, Alte, viele Mädchen rennen Lastwagen mit Hilfsgütern hinterher. Sie sind gerettet, aber sie haben nichts als das, was sie am Leib tragen. Verängstigt, verschmutzt, verloren – es sind armselige Gestalten, die nicht warten, bis ihnen die Hilfslieferungen ausgehändigt werden. Im Kampf jeder gegen jeden springen sie auf den Wagen, Polizisten setzen den Schlagstock ein. „Ich konnte nur noch meinen vierjährigen Sohn retten und nichts anderes“, sagte Shareefan, eine schwangere Frau aus Ghouspur, einem Dorf in der Nähe von Jacobabad. Ihr Mann, Gulzar, ist ein Tagelöhner. Sie konnten nur eine Ziege und zwei Hühner mit in Sicherheit bringen. Überall finden sich in den Zelten Menschen, an deren abgemagerten Gesichtern man die Armut ablesen kann. Den ganzen Tag lang warten sie verzweifelt auf Almosen wie auch auf Hilfe von Regierungs- und Nicht-Regierungsorganisationen.

0 Kommentare

Neuester Kommentar