Pakistan : Vom Ankläger zum Täter

03.09.2012 00:00 Uhrvon
Überraschende Wende. Der islamische Geistliche Khalid Chishti wird den Haftrichtern vorgeführt. Foto: AFP
Überraschende Wende. Der islamische Geistliche Khalid Chishti wird den Haftrichtern vorgeführt. - Foto: AFP

Erst wurde ein behindertes Mädchen in Pakistan wegen des Blasphemie-Vorwurfs eines Geistlichen ins Gefängnis gesteckt - jetzt steht der Imam selbst am Pranger.

Es kommt fast einer Sensation gleich – jedenfalls für ein Land wie Pakistan, in dem Fanatiker an Boden gewinnen und Minderheiten immer brutaler terrorisieren. In einer überraschenden Wende ist nun der islamische Geistlichen Khalid Chishti festgenommen worden, der die junge Christin Rimsha Masih wegen Blasphemie bei der Polizei denunziert hatte. Man wirft ihm vor, zerrissene Koranseiten in eine Tüte des Mädchens geschmuggelt zu haben, um dem Kind eine Straftat anzuhängen.

Rimshas Fall hatte weltweit Entsetzen ausgelöst. Das geistig zurückgebliebene Mädchen sitzt seit dem 16. August im hochgesicherten Adiala-Gefängnis in Islamabads Nachbarstadt Rawalpindi – dort, wo auch Mörder, Schwerverbrecher und Terroristen der Organisation Lashkar-e-Toiba ihre Strafe verbüßen. Dabei ist sie laut medizinischem Befund erst 14. Ihre Eltern sagen sogar, sie sei nur elf Jahre alt – wie die meisten Pakistaner hat sie keine Geburtsurkunde.

Der Geistliche Chisthi hatte behauptet, das Mädchen, das laut einigen Berichten das Down-Syndrom hat, habe Seiten des Korans zerrissen oder verbrannt und in eine Tüte mit Papiermüll gesteckt. Nun haben Anwohner laut Polizei jedoch Chishti selbst belastet, der in einer Moschee in Rimshas Nachbarschaft als Iman dient. „Zeugen haben ausgesagt, dass er zerrissene Koranseiten in ihre Tüte geschmuggelt hat“, sagte Polizeioffizier Munir Hussain Jafri.

Laut Zeugen soll er das Mädchen in Verdacht gebracht haben, um die Christen aus dem Viertel zu vertreiben. Von Chisthis Festnahme könnte ein wichtiges Signal ausgehen: Erstmals haben die Behörden demonstriert, dass jene, die Angehörige von Minderheiten zu Unrecht anschwärzen, nicht ungeschoren davonkommen – und das sogar für Geistliche gilt. Zudem stellte sich auch der Chef des Ulema-Rats, der Dachorganisation pakistanischer Geistlicher, hinter die Festnahme: Allama Tahir Ashrafi rief das Oberste Gericht auf, Chisthi wegen Blasphemie anzuklagen.

Pakistans Menschrechtskommission beklagt seit langem, dass das Blasphemiegesetz missbraucht wird, um Minderheiten zu unterdrücken. Die Hetze gegen Hindus, Schiiten, Ahmadis und Christen nimmt alarmierend zu. Laut Gesetz droht jedem die Todesstrafe oder lebenslange Haft, der schlecht über den Islam oder den Propheten Mohammed spricht oder den Koran entweiht.

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Unser/e Leser/in blinder meint zum Artikel: Besuch im Reichstag bleibt umständlich:
Da von den aktuell 620 Abgeordneten bei den Sitzungen sowieso nur 20% anwesend sind, bleiben fast fünfhundert Sitze unbelegt. Hier könnte man doch die wartenden Besucher nach der obligatorischen Einlasskontrolle "zwischenparken".
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