Pakistan : Wasser wie Gift

Die Fluten in Pakistan haben nach Angaben der Regierung 20 Millionen Menschen obdachlos gemacht - viel mehr als befürchtet. Ein Nothelfer in Pakistan berichtet.

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Das Zuhause verloren - viele Tausend leben nun in Zelten.
Das Zuhause verloren - viele Tausend leben nun in Zelten.Foto: dpa

Berlin - Der Indus hat sich seit ein paar Tagen wieder in sein Bett zurückgezogen. Doch die Spuren, die der unbändige Fluss in Nowshera hinterlassen hat, sind für Jürgen Mika allgegenwärtig. „Überall liegen Schlamm, Hausmüll und Hausrat herum. Ein brauner Streifen an den Häusern, anderthalb bis zwei Meter hoch, zeigt noch den Flutpegel an. In der Innenstadt sind einige der alten Häuser eingestürzt oder einfach weggespült worden.“

Als Projektleiter der Welthungerhilfe ist Mika seit vier Tagen im pakistanischen Katastrophengebiet, um dringend benötigte Nahrungsmittel zu den betroffenen Menschen zu bringen. Gerade hat er in dieser 600 000-Einwohner-Stadt, zwei Autostunden nordwestlich von Islamabad, mit seinen Leuten Mehl, Trinkwasser, Bohnen, Linsen, Speiseöl und Salz verteilt. Am Telefon ist im Hintergrund das laute Stimmengewirr der Einheimischen zu hören, die sich um die zwei Kleinlastwagen scharen. Der Vorrat reicht für etwa 100 Familien. In der Regel gehören hier zu einer Familie sieben Personen. Die Lieferung kommt also rund 700 Menschen zugute.

Die Lebensmittel haben sie in Islamabad gekauft und auf abenteuerlichen Wegen, über Brücken, die zwar von der Flut überspült worden waren, aber standgehalten haben, bis nach Nowshera gebracht. Dort, im flacheren Land, ist der Pegel relativ langsam angestiegen, die Bewohner konnten sich rechtzeitig in Sicherheit bringen. Dennoch sind allein in dieser Stadt 78 Menschen ums Leben gekommen. Nun drohen Krankheiten. „Die Latrinen waren übergelaufen und die Brunnen sind kontaminiert. Die größte Gefahr geht von dem stehenden Wasser aus“, sagt Mika. Deshalb sei es so wichtig, sauberes Trinkwasser und Hygieneartikel an die Bevölkerung zu verteilen.

Für Mika und seine Truppe, insgesamt 15 Leute, ist es ein großer Vorteil, dass die Welthungerhilfe schon seit Jahren in dem Land aktiv ist. „Wir haben gute lokale Partner hier“, sagt Mika. Schon nach dem Erdbeben habe sich diese Kooperation bewährt. So fürchtet der Mann, der mit seinem vierköpfigen deutschen Nothilfeteam eine Art Feuerwehr in Krisensituationen ist, auch die Taliban nicht. „Wir haben von den Gerüchten gehört, dass die Taliban angeblich selbst Hilfe organisieren wollen, weil sie keine Ausländer im Land dulden“, sagt er. „Mir ist noch keiner beim Helfen begegnet“, fügt er hinzu. Und er ärgert sich über Berichte, in denen die Pakistaner Ausländern gegenüber als abweisend, die Behörden als unkooperativ geschildert werden. „Das sind offene, gastfreundliche Menschen. Und die Regierung hat uns einen Polizisten zur Verfügung gestellt, wenn es bei der Lebensmittelverteilung doch einmal zu kritischen Situationen kommen sollte.“

Am heutigen Sonntag bricht Mikas Team weiter nach Norden auf, wo ganze Dörfer weggespült wurden oder von der Außenwelt abgeschnitten sind. Zuvor müssen sie aber noch schweres Räumgerät organisieren. Matthias Schlegel

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