Welt : Panorama von Tod und Zerstörung

RITA NEUBAUER

MIAMI ."Ich habe Erdbeben, Dürren, zwei Kriege und schwere Stürme erlebt," sagt Nicaraguas Kardinal Miguel Obando y Bravo, "aber das ist unzweifelhaft das Schlimmste, das ich je gesehen habe." In dem mittelamerikanischen Land, einem der ärmsten der Hemisphäre, werden nach dem Hurrikan Mitch bisher über 1300 Tote gezählt, doch über 1900 Menschen werden weiter vermißt.

Allein die gigantische Schlammlawine, die sich am Freitag vom Casitas Vulkan löste, begrub eine ganze Ortschaft mit 2000 Menschen lebendig unter sich.Sie zerstörte Häuser, die Schule, die Klinik und die Haustiere.Die Einwohner des hochgelegenen Ortes El Porvenir wurden völlig von der Lawine überrascht, die sich wahrscheinlich aus einem Kraterrand löste.Nur wenige entgingen ihrem tödlichen Kurs.

Ismael Valdivias selbst hatte Glück, sein Haus stand am Ende der Schneise, die die Schlammassen schlugen."Ich ging nach draußen, um nachzusehen, woher der Lärm kommt", erzählt später der 20jährige.Was er jedoch sah, war eine mehrstöckige Wand von Schlamm, die auf ihn zukam.Er schaffte es nur mit knapper Not, sich durch einen Sprung zu retten.Zwei seiner Brüder konnten sich ebenfalls in Sicherheit bringen, doch am nächsten Tag fanden sie den Vater - tot, rund acht Kilometer von El Porvenir entfernt.Zwei weitere Brüder sind vermißt.

Bis zum späten Montag abend hatten Rettungsmannschaften über 800 Tote geborgen, und ein pestilenzartiger Geruch hing über dem Ort des Unglücks."Wir werden vielleicht nie erfahren, wieviele genau starben", sagte Nicaraguas Vize-Präsident Enrique Bolanos.Seine Regierung erwägt, die Zone, rund 100 Kilometer von der Hauptstadt Managua entfernt, zu einem "nationalen Friedhof" zu erklären.

Die Nachricht von der Katastrophe brauchte zwei Tage, um an die Öffentlichkeit zu dringen.Deswegen begannen die Rettungsmannschaften ihre Arbeit erst am Sonntag, nachdem bereits die Überlebenden verzweifelt nach Lebensmitteln und Trinkwasser riefen.Unter den Überlebenden befinden sich viele Kinder, die von ihren Eltern in Bäumen in Sicherheit gebracht wurden.Wie der zwölfjährige Calderon Gonzalez, der seine Eltern und vier Geschwister verlor.Mit Hubschraubern wird nun die von der Außenwelt abgeschnittene Region versorgt, während Behörden zu rekonstruieren versuchen, wie es zu der Katastrophe kommen konnte.Über 400 000 Menschen wurden im gesamten Land obdachlos.

Auch im benachbarten Honduras kommen die Ausmaße der zerstörerischen Kräfte von Hurrikan Mitch, dem viertstärksten Wirbelsturm dieses Jahrhunderts, nur langsam ans Tageslicht.Denn zu der eigentlichen Katastrophe kam es erst, als Mitch sich bereits aufzulösen begann, aber weiterhin heftige Regenfälle auf Zentralamerika niedergingen.So wurden nicht nur der Küstenstreifen betroffen sondern auch die Städte, in denen die Flüße über die Ufer traten und ganze Stadtteile mit sich rissen.

"Wir hörten, wie Leute unter dem Schutt ihrer Häuser begraben wurden, wir hörten sie um Hilfe rufen, aber niemand konnte ihnen helfen", berichtet ein sichtlich schockierter Einwohner der Haupstadt Tegucigalpa der lokalen Presse.Die Rettungshelfer konzentrierten ihre Arbeit am Montag vor allem darauf, den Überlebenden in den abgelegensten Ortschaften zu Hilfe zukommen.Allein in der zweitgrößten Stadt San Pedro Sula warteten am Montag weiterhin 2000 Menschen auf die Evakuierung durch Boote.

"Wir haben vor uns ein Panorama von Tod, Zerstörung und Verwüstung", klagte Präsident Carlos Flores in einer Fernsehansprache und erklärte, daß in dem Land von sechs Millionen Einwohnern rund eine Million Menschen obdachlos und 70 Prozent der Ernte zerstört wurden.Bis Montag wurden mehr als 300 Tote offiziell bestätigt, aber Experten gehen inzwischen von bis zu 5000 Opfern aus.Die Zahl könnte jedoch auch auf über 10 000 steigen.Präsident Flores ordnete eine landesweite Sperrstunde an, nachdem es am Wochenende zu Plünderungen in der schwer betroffenen Hauptstadt Tegucigalpa kam.Dort wurde jedes dritte Haus beschädigt oder zerstört.Gleichzeitig bat er um internationale Hilfe."Honduras ist tödlich verwundet, aber wird wieder auf die Füße kommen", beschwor der Präsident.

Beide Länder, Honduras und Nicaragua, gehören nach Haiti zu den ärmsten Ländern der Region, das Jahreseinkommen liegt bei rund 560 Dollar.Vor allem Nicaraguas Wirtschaft wurde während des Contra-Krieges der 80er Jahre schwer geschädigt und erholte sich erst langsam in den vergangenen Jahren.Doch der Wirbelsturm Mitch hat viele Anstrengungen innerhalb von sieben Tagen zunichte gemacht.Die Behörden fürchten nun, ebenso wie ausländische Hilfsorganisationen, eine Versorgungskrise für die 4,3 Millionen Einwohner, da Lagerhallen mit Lebensmitteln sowie Verbindungsstraßen und Brücken zerstört wurden.

"Die Betroffenen benötigen massive Hilfe von außen"

Hilfsorganisationen rufen auch in Deutschland zu Spenden auf

BERLIN.Zahlreiche Hilfsorganisationen rufen in Deutschland zu Spenden für die Katastrophengebiete Mittelamerikas auf.Ärzte ohne Grenzen, der Caritas-Verband, das Deutsche Rote Kreuz, das Diakonische Werk und das Inkota-Netzwerk Berlin haben Spendenkonten eingerichtet.

"Die betroffenen Länder benötigen massive Hilfe von außen", faßt Caritas-Mitarbeiter Wolfgng Gerstner die Situation in Honduras, El Salvador und Nicaragua zusammen.Vorräte seien so gut wie aufgebraucht, weshalb mit Medikamenten, Kleidung, Nahrungsmitteln und Trinkwasser geholfen werden müsse, so Gerstner.Auch die Organisation "Ärzte ohne Grenzen" startete am gestrigen Dienstag mit ersten Flugzeugen in die Krisenregion.Hauptproblem nach Angaben der Organisation sei die Trinkwasserversorgung und die damit einhergehende Seuchengefahr.Teams der "Ärzte ohne Grenzen" verteilen deshalb schon Medikamente gegen Durchfallerkrankungen.

Weniger Soforthilfe möchte die Berliner Organisation "Inkota-Netzwerk" leisten."Über unsere Partner vor Ort möchten wir den mittelfristigen Wiederaufbau fördern", erklärt Angela Bähr das Konzept der Hilfsorganisation, die über Nicht-Regierungs-Organisationen in Nicaragua Frauenförderung, ländliche Entwicklung und Einhaltung der Menschenrechte unterstützt.Für das Rote Kreuz steht laut Pressestelle zunächst die Versorgung mit sogennnten Küchensets im Vordergrund, die zusammen mit Nahrungsmittellieferungen die Selbstversorgung der Wirbelsturmopfer ermöglicht.In einer zweiten Phase sei dann an Notunterkünfte zu denken.

Unterdessen sicherte sowohl die EU als auch die Bundesregierung umfassende Hilfe für die Länder Mittelamerikas zu.Umgerechnet mehr als 13,5 Millionen Mark stellt Brüssel dem Roten Kreuz zur Verfügung.Auch die Gesellschaft für Technische Zusammenarbeit (GTZ) und das Auswärtige Amt kündigten technische und finanzielle Unterstützung an. CHRISTOPH PRÖSSL

Spendenkonten: Caritas-Verband, Postbank Karlsruhe, BLZ 66010075, Konto 202-753; Deutsches Rotes Kreuz: Postbank Köln, BLZ 37010050, Konto 414141; Diakonisches Werk: Postbank Stuttgart, BLZ 60010070, Konto 502-707; Inkota-Netzwerk, Bank für Kirche und Diakonie, BLZ 35060190, Konto 1555000010.Stichwort jeweils "Flut Mittelamerika".

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