Welt : Papas an die leeren Wiegen?

Der linksliberale US-Wissenschaftler Phillip Longman sagt einen Sieg des Patriarchats voraus

Rüdiger Suchsland

Wenn er da so vor einem sitzt, in seinem Büro im Washingtoner Think Tank „New American Foundation“, ein fast bullig gebauter Mittvierziger, und überraschend schüchtern, eher zögerlich, aber mit einiger versteckter Ironie auf Fragen antwortet, dann kann man sich kaum vorstellen, dass Phillip Longman der Star der Stunde ist am Intellektuellen-Himmel Amerikas. Als Kolumnist der liberalen „New York Times“, aber auch des konservativen „Wall Street Journal“ und im renommierten Magazin „Atlantic Monthley“ entwickelt er seine provozierenden Thesen von der „Wiederkehr des Patriarchats“, das sich in der Krise des Sozialstaats als das überlegene Modell erweise. Sein spektakulärer Aufsatz in der März-Ausgabe des US-Magazins „Foreign Policy“ mit seinen Thesen vom Sieg der konservativ-christlichen Fundamentalisten über den Liberalismus und die Emanzipation der Frauen hat die Öffentlichkeit elektrisiert.

Auch die Deutschen haben ihn jetzt entdeckt. Seine Thesen passen perfekt in die Angst-Debatte der Republik um die angeblich aussterbenden Deutschen. Da wettert der konservative Boulevard gegen Kinderlose und Mütter gleichermaßen („Sind deutsche Mütter faul?“) und fordert: Frauen zurück zu Heim und Herd. Die „Tagesschau“-Sprecherin Eva Herman sekundiert mit einer Philippika gegen den Feminismus und berufstätige Frauen, denen sie „Selbstgefälligkeit und Eitelkeit“ bescheinigt. Familienministerin und Vorzeigemutter Ursula von der Leyen will auch die Väter und die Kirchen „mehr an der Erziehung beteiligen“, was der CSU-Politiker Ramsauer abschätzig als „Wickelvolontariat“ bezeichnete. Angestoßen hatte die Debatte in Deutschland Frank Schirrmacher, der in seinem Buch „Minimum“ die selbstlose Aufopferung der Frau als Rettungsanker preist.

Schon befürchten liberale Beobachter, Deutschland stehe vor einer konservativen Revolution. Doch auf die actio folgt die reactio. Ist es ein Zufall, dass ausgerechnet jetzt das Leben von Uschi Obermaier verfilmt wird, jener Frau, die mit ihrer erotischen Ausstrahlung wie kaum eine andere in den 60er Jahren den Ausbruch aus der vermufften Familienidylle der Adenauer-Ära verkörperte?

Verantwortlich für den konservativen Rückschlag machen Liberale vor allem Phillip Longman. Er ist einer der einflussreichsten Bevölkerungswissenschaftler der USA. Nach Büchern über die „Politik des Alterns“ und die Folgen des „Kollaps der Mittelklasse“ entwickelt er in seinem jüngsten Buch „The Empty Cradle“ („Die leere Wiege“) das dramatische Szenario von der Bedrohung des weltweiten Wohlstandes durch sinkende Geburtenraten.

Nachdem man über Jahrzehnte vor dem Weltuntergang durch drohende Überbevölkerung gewarnt hatte, nachdem derzeit fünfmal so viele Menschen auf der Erde leben wie in allen Jahrtausenden zusammen seit der Entstehung der Welt, soll plötzlich das Gegenteil wahr sein? „Zumindest werden sich unsere Gesellschaften stark verändern“, sagt der Wissenschaftler im Gespräch, „sie werden altern“, und wenn dann auf nur einen jungen arbeitsfähigen Mensch über zwei Alte kommen, deren Wohlstand gesichert werden soll, werde das nicht zu bezahlen sein. Auch verändere sich die Zusammensetzung der Gesellschaften: Wenn die liberalen und gebildeten Städter – nicht nur im Westen, auch in Nahost, Indien oder China – vergleichsweise wenig Kinder bekommen, dann „stammen die zukünftigen Kinder zum größten Teil aus der sehr konservativen Bevölkerungsgruppe, die sozialkonservativ und religiös ist“. Ob die dann allerdings ihre altmodischen Werte wirklich immer an die nächste Generation vererben, wie Longman suggeriert, ist noch die Frage.

Von seinen deutschen Kritikern, die von „Gebärkampagne“ sprechen und ihm vorwerfen, Propaganda für ein konservativ-vormodernes Wertesystem zu machen, wird Longman dabei aber völlig missverstanden. Das beginnt schon damit, dass er selbst weder konservativ noch gar ein christlicher Fundamentalist aus dem Bush-Lager ist, sondern persönlich eher linksliberal denkt. „Ich beobachte und sammle Daten“ sagt er, und weiter: „Ich bin ein Feminist.“ Longman kritisiert nicht etwa die Tatsache, dass die jungen Frauen der reichen Industrieländer keine Kinder mehr wollen, er kritisiert das Verhalten der Männer: „Sie müssen andere Dinge tun, als sie vielleicht gerne täten, wie zum Beispiel sich niederlassen, die Verantwortung für Kinder übernehmen, an der Entwicklung seiner Kinder interessiert sein.“

Sein Rezept ist keineswegs einfach die Rückkehr in vormoderne Verhältnisse. Wenn man nicht „den Weg der Taliban“ zu Patriarchat und strengem, gesellschaftlich erzwungenem Glauben gehen wolle, sei noch mehr und „viel fortgeschrittenerer“ Feminsmus nötig: „Männer wie Frauen müssen Kinder haben können, die sie wollen, und auch wann sie sie wollen, ohne dass sie ihre Karriere oder ihre Lebensperspektiven aufgeben müssten.“

Auch hierin scheint Longman etwas zeitgemäßer als jene, die die Frauen wieder in alte Rollen zwängen wollen. Er glaubt nicht an „Erziehungsbündnisse“ und Rückkehr altmodischer Werte, sondern setzt gut angelsächsisch liberal auf die Kraft des Kapitalismus und fordert radikale Steuersenkungen für Kinder, ein staatlich finanziertes Sparbuch von 6000 Dollar pro geborenes Kind. „Wenn freie Gesellschaften eine Zukunft haben wollen, dann nur, indem Kinder wieder mehr wert sind.“

Welche Rezepte auch immer angeboten werden, eines sollten Propagandisten des Patriatchats nicht vergessen: Jeder Vorschlag, der einen versteckten oder offenen Vorwurf gegenüber Frauen enthält, ihnen etwas unterstellt oder sie in eine Bahn zwängen soll, der ist zum Scheitern verurteilt. Frauen alleine entscheiden über ihre Kinder – und über ihren Mann.

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