Welt : Papiersucht

Amory Burchard

Es war ein Genuss, im Zeitungslesesaal der Berliner Staatsbibliothek in den Bänden des Berliner Tageblatts zu blättern. Wie gut es erhalten war, kaum vergilbt, brüchig höchstens an den Kanten. Man konnte süchtig werden nach diesen papierenen Konserven der zwanziger Jahre. Bis es eines Tages hieß: Nur noch auf Mikrofilm, Originalbände werden nicht mehr ausgeliehen. Wer je verzweifelt vor den Lesegeräten saß, nackenstarr vom Lesen der Plastikstreifen: Mit Nicholson Bakers Plädoyer für originale Zeitungsbände und Bücher bekommen geplagte Benutzer ein Arsenal von Argumenten gegen digitalisierungswütige Bibliothekare.

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Der US-Autor dokumentiert, wie zeitungshistorische Schätze nicht nur in Amerika zuerst in Außenmagazine gesperrt und dann vernichtet wurden. Baker erklärt die Chemie des natürlichen Alterns von Papier, soweit sie bekannt ist. Denn es gibt – entgegen dem Bibliothekarslamento von bröselnden Bänden – bislang keine Langzeitstudien. Bakers These: Eine 90 Jahre alte Zeitung kann nochmal 90 Jahre halten – bei guter Pflege. Der Zeitungsnarr entlarvt den angeblichen Zwang zur Digitalisierung: In Wirklichkeit wollten die Bibliothekare den Platz anders nutzen. Baker besingt Helden, die Bestände retten. Und er beschreibt seine eigene Rettungsmission: Mit privatem Kapital gründete er eine Stiftung, die Zeitungen sammelt. Sein Buch macht Papiersüchtigen Mut, für ihren Stoff zu kämpfen.

Nicholson Baker: Der Eckenknick oder wie die Bibliotheken sich an den Büchern versündigen. Aus dem Amerikanischen von Helmut Frielinghaus und Susanne Höbel. Rowohlt, Reinbek bei Hamburg. 492 Seiten, 29,90 €.

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