Papst Benedikt XVI. : Abschied in großer Runde

Plötzlich ist Frühling in Rom. Und Benedikt XVI. wirkt fast heiter bei seinem letzten öffentlichen Auftritt. Sein Herz sei voller Freude und Dankbarkeit, sagt der Papst. Aber dann wird er nochmal deutlich. Zur Rettung der eigenen Ehre.

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Ein letzter Gruß. Fast eine Viertelstunde lang fährt der Papst am Mittwoch im Papamobil über den Petersplatz in Rom. Er winkt und segnet kleine Kinder. Foto: Tiziana Fabi/AFP
Ein letzter Gruß. Fast eine Viertelstunde lang fährt der Papst am Mittwoch im Papamobil über den Petersplatz in Rom. Er winkt und...Foto: AFP

Sie renovieren die Kolonnaden in Rom. Sie kratzen den Dreck aus den Ritzen und die Verkrustungen von den Heiligen. Seit Langem schon. Berninis Säulenhallen sollen sauber sein, dieses gewaltige Oval, diese weit geöffneten Arme, von denen sich Pilger und Touristen vor dem Petersdom aufgenommen sehen. Fast strahlen die Kolonnaden schon in blendendem Weiß.

Säubern wollte Benedikt XVI. auch seine Kirche. Nun geht der Papst. Und jeder sieht: An den Säulen des Vatikans ist die Arbeit erst zur Hälfte getan.

Es ist Mittwoch, der erste wirkliche Frühlingstag des Jahres in Rom, Zeit für Benedikts letzten öffentlichen Auftritt. Um diese Jahreszeit kommen normalerweise etwa 10 000 Menschen zur wöchentlichen Generalaudienz des Papstes. Diesmal aber sind 150 000 da. Der Petersplatz ist voll, genauso wie zuletzt am Abend des 19. April 2005, als der weiße Rauch aufstieg aus dem Giebel der Sixtinischen Kapelle und Joseph Ratzinger auf dem Balkon des Doms die Arme hochriss: „Liebe Brüder und Schwestern, nach dem großen Papst Johannes Paul II. haben die Herren Kardinäle mich gewählt, einen einfachen und demütigen Arbeiter im Weinberg des Herrn...“

Der letzte Auftritt des Papstes
Der scheidende Papst Benedikt XVI. hat den Gläubigen bei seiner letzten Generalaudienz gedankt und die ganze Welt in sein Gebet eingeschlossen.Weitere Bilder anzeigen
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27.02.2013 11:11Der scheidende Papst Benedikt XVI. hat den Gläubigen bei seiner letzten Generalaudienz gedankt und die ganze Welt in sein Gebet...

Er habe nicht mehr genug Kraft für sein Amt, so hatte Benedikt XVI. vor wenigen Wochen seine für alle Welt überraschende Entscheidung begründet. Und eben weil sie so überraschend war, gediehen allerlei Spekulationen über Intrigen und Machtspiele im Vatikan. Die „Vatileaks“-Affäre um gestohlene päpstliche Dokumente und die mit ihr verbundene Aufregung 2012 liefert den besten Nährboden für Gerüchte. Die endgültige Klärung dieser Affäre sowie diverser Skandale sind nur zwei Aufgaben, die Benedikt XVI. seinem Nachfolger hinterlässt.

Er selbst hatte sein Amt stets zwiespältig betrachtet: Zum einen sah er es als verdiente Krönung eines theologisch-kirchenamtlichen Lebenswegs, zum anderen als „Guillotine“. Wie sein Vorbild, der Heilige Augustinus, entschied sich Ratzinger schließlich dafür, sich als „Reittier Gottes“ zu fühlen. Ein Reittier aber geht nicht voran, entwickelt keine eigene Initiative. Benedikt sah sich nicht berufen, neue Wege zu suchen; er sprach von einer „Hermeneutik der Reform“, ohne zu sagen, was die „Reform“ sei.

Papst Benedikt - sein Leben in Bildern
Papst Benedikt XVI. wird am 28. Februar zurücktreten. Hier können Sie seine wichtigsten Lebensstationen in Bildern nachverfolgen. Das Foto zeigt den Schuljungen Josef Ratzinger im Jahr 1932 in Aschau am Inn. Am Tag seiner Rücktrittserklärung würdigte ihn der langjährige bayerische Ministerpräsident Edmund Stoiber (CSU) als „größten Sohn Bayerns“ in der mehr als tausendjährigen Geschichte des Landes.Weitere Bilder anzeigen
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11.02.2013 17:29Papst Benedikt XVI. wird am 28. Februar zurücktreten. Hier können Sie seine wichtigsten Lebensstationen in Bildern nachverfolgen....

Am Mittwoch aber stehen im Publikum keine Kritiker, sondern lauter Benedikt-Fans. „Benedetto, wir lieben dich! Einen wie dich finden wir nie mehr!“ singen ein paar Italiener mit Inbrunst. Das bayerische Pilgerbüro hat eine Papst-Abschiedsreise organisiert, ein paar Tausend sind eigens für die Generalaudienz nach Rom gekommen. „Das musste einfach sein“, sagt ein junger Goldschmied aus Erding: „Dieser Papst hat mich dermaßen bewegt in meinem Leben.“ Eine Thüringerin, „als Atheistin aufgewachsen“, hat sich als Erwachsene eigens wegen Benedikt taufen lassen. Jetzt hat sie ihren neuen Namen – Eva Benedicta – auf ihr T-Shirt gedruckt, trägt ein Bild des Papstes als Goldmedaillon um den Hals und hält eine Wolke von Luftballons in den Vatikanfarben weiß und gelb über sich.

Der letzte Auftritt des Papstes
Der scheidende Papst Benedikt XVI. hat den Gläubigen bei seiner letzten Generalaudienz gedankt und die ganze Welt in sein Gebet eingeschlossen.Weitere Bilder anzeigen
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27.02.2013 11:11Der scheidende Papst Benedikt XVI. hat den Gläubigen bei seiner letzten Generalaudienz gedankt und die ganze Welt in sein Gebet...

Als Benedikt XVI. endlich auf dem Petersplatz eintrifft – zum Abschied sogar in einem neuen Papamobil – hat die Sonne die Gesichter der Wartenden schon deutlich gerötet. Zum letzten Mal fährt er durch eine jubelnde Menge. Fast 86 Jahre ist er jetzt alt, aber einen schwächeren Eindruck als bisher macht er nicht. Doch wenn er keine liturgischen Gewänder mit vielen Falten und Spitzen und Rüschen trägt, sondern einen so engen, weißen Mantel wie an diesem Tag, sieht jeder, wie krumm sein Rücken geworden ist. Und wenn er mal nach links segnet und mal nach rechts, dann sehen seine Bewegungen ruckartig aus und mechanisch.

Um ihn herum werden Fahnen geschwenkt – bayerische, polnische, brasilianische, spanische und US-amerikanische. Oben auf dem Dach der Kolonnaden und auf den Gebäuden ringsum sollen aus Sicherheitsgründen Scharfschützen liegen. Das jedenfalls schreiben italienische Zeitungen. Zu sehen aber sind nur die mächtigen Stahlträger-Bühnen, die Scheinwerferbatterien und die Zeltdächer der Fernsehanstalten aus aller Welt, die nahezu jede Dachterrasse in Sichtweite des Petersplatzes besetzt haben. Was ihre Kameras einfangen, sind ausnahmslos fröhliche, friedliche Szenen.

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